11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Sommer mit Pottwal<br>ab 4 Jahren bzw. Volksschulalter

Die kühlen Fluten der Donau waren für uns in Ottensheim während der unerträglichen Sommerhitze ein wahrer Segen. Einen idealeren Leseort hätte ich mir für Rosemarie Poiarkovs Kinderbuchdebut „Jakob und Ingxenje“ nicht wünschen können!

Immer wieder sind Schinakl an mir vorbeigetuckert, Unternehmungslust und Abenteuerstimmung regten sich in mir. Ich hab mich gefühlt wie der achtjährige Jakob im Buch: Zu Ferienbeginn kommt ihm die Idee, ein richtiges Boot zu bauen. Er will mit seiner Freundin Ollin über den Sommer die Donau hinunterfahren, mindestens bis zum Schwarzen Meer. Was Erwachsene gern als Kindereien abtun, wird in der realitätsnahen Geschichte konkret verwirklicht. Die Mütter von Ollin und Jakob setzen mit Unterstützung eines befreundetet Pärchens den Bubentraum in die Tat um und bauen ein echtes seetaugliches Boot, die „Pajarojoolju“. Vom Wiener Strandbad an der Alten Donau starten die vier Erwachsenen und zwei Kinder los. Eine beherzte Kranführerin hilft ihnen zu Beginn auf den offenen Fluss hinaus, die geplante Fahrt ins Schwarze Meer kann beginnen. Was nicht planbar war, ist die Begegnung mit einem verirrten Pottwalkind im Donaudelta …

Von der türkischen Ägäis geht es weiter durchs Mittelmeer bis zur Straße von Gibraltar und zum Atlantischen Ozean.

Während des Lesens hab ich inständig überlegt, wem ich diese anrührende Freundschaftsgeschichte vorlesen könnte, dauernd mich danach gesehnt, einen Zuhörer oder eine Zuhörerin neben mir zu haben, um die Handlung zu unterbrechen und gemeinsam vor- und zurückzublättern zu den beiden Karten am Vorsatzpapier. Die Illustratorin Michaela Weiß begleitet den Text sanft mit ihren zarten Federzeichnungen und duftig hingehauchten Malereien in Schwarzweiß. Sie deutet manches nur an und lässt so genug Raum für fantasievolle innere Bilder, die durch die Sprache entstehen. Die beeindruckende Größe der Wale wird deutlich, die Begleitung der Gruppe durch die Möwen. Die reale Geografie der Reise hat sie präzise nachgezeichnet. Mit dem Finger auf den Landkarten folgen wir der Pajarojoolju durch die osteuropäischen Donaustaaten und entlang der südlichen Ränder Europas.

 

Innen 1Innen 2

 

 

 

 

 

 

 

Innen 3-001Innen 4

 

 

 

 

 

 

 

Rosemarie Poiarkov schreibt für gewöhnlich dramatische Texte und Hörspiele für Erwachsene. Einen ersten Teil der Geschichte hat sie dem Sohn einer Freundin zum siebten Geburtstag geschenkt. Der zweite Teil folgte zum neunten. Ihren persönlichen Zugang spürt man, Jakob ist uns sehr nahe. Die Autorin hat gut beobachtet und weiß, was Buben im Volksschulalter anspricht, wie sie denken und handeln. Und Wale gehören tatsächlich zu ihren Lieblingstieren!

 

Magische Anziehungskraft besitzt das größte Säugetier der Welt auch für den Rotschopf im ruhigen und poetischen Bilderbuch „Wenn du einen Wal sehen willst“. Seinem sehnlichsten Wunsch folgend bemüht er sich alle verlockenden Ablenkungen auszublenden, übt sich in Geduld und Konzentration. Endlich ist es dann so weit. Richte beide Augen aufs Meer … und warte … und warte … und warte …

 

Jakob aus Wien wird überrumpelt: Plötzlich schwimmt ihm das Waljunge Ingxenje in der Donau entgegen, mitten im süßen Wasser taucht es auf, völlig verloren und einsam. Dringend muss es wieder zurück zu seiner Familie finden. Jakob will ihm helfen und stellt dabei überrascht fest, dass er fließend Pottwalisch spricht. Es beginnt eine turbulente und ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem riesigen Säugetier und dem Menschenjungen. Zuallererst soll das Problem mit dem im Flusswasser fehlenden Salz gelöst werden. Ollin und die anderen helfen dabei. Alltagsnahe Beschreibungen verknüpfen sich spielend mit fantastischen Elementen. Eine faszinierende Kombination!

Kinder erfahren viel über Flussschifffahrt und technische Gerätschaften wie Echolot und Sumlog, über Wasserkraftwerke, auch über die verschiedenen Sprachen entlang des Flusses. Englische Sätze kommen im zweiten Teil häufig vor, die Übersetzungen fügen sich harmonisch in die Dialoge ein. Dabei ist der Ton nie aufdringlich belehrend, was wirklich angenehm ist.

Für die Textpassagen in der Sprache der Pottwale, die mit Klick- und Pfeiflauten kommunizieren, hat sich die Autorin an afrikanischen Sprachen orientiert, in denen auch viele Klicklaute vorkommen.Sie hat sich die Schreibweise angesehen, sich für die Namen und das „Walische“ davon inspirieren lassen und danach frei erfunden. Eine Spielerei mit dem Kreativmaterial Sprache, die für neugierige Leser und Leserinnen sicher lustig aussieht, noch lustiger klingt und vielleicht sogar anregt, selbst mit Buchstaben und Klängen zu experimentieren, eine Kunstsprache zu erfinden.

„Quxklja Ingxenje gru Jaxobje“, begann Jakob. Die Kinder in der Schule bitten ihn, sein Ferienerlebnis auf Walisch zu erzählen, doch Jakob plagt die Sehnsucht nach seinem großen Freund und er verliert bald das Interesse. „Krxkl pfff ächzlam quiquix.“

Wie es im zweiten Teil nach einer Pause von zwei Jahren ein Wiedersehen mit Ingxenje vor der Westküste Irlands gibt, mit Walen Fußball im Meer gespielt wird, der riesenhafte rothaarige Kapitän Flann vielleicht Jakobs Sehnsucht nach einer väterlichen Bezugsperson erfüllt – zumindest wird seine zarte Liebe zu Jakobs Mutter angedeutet – das alles ergibt ein so feines, herzerwärmendes Happy-End, dass ich dem Buch nur möglichst viele (Vor-)Leser und Leserinnen wünschen kann!

Danke liebe Rosemarie Poiarkov für die Zusendung des Besprechungsexemplares!

Rosemarie Poiarkov/Michaela Weiß:

Jakob und Ingxenje

Für Kinder im Volksschulalter

Bibliothek der Provinz 2015

ISBN 978-3-99028-245-8

Julie Fogliano/Erin E. Stead:

Wenn du einen Wal sehen willst

Ab 4 Jahren

Sauerländer 2014

ISBN 978-3-7373-5118-8

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.