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Am schlimmsten ist, keine Hoffnung zu haben

Geht es schon der werdenden Mutter schlecht, wie wird es erst dem Baby ergehen? In Armenien haben viele junge Frauen eine schwierige Schwangerschaft. Mangelernährung, Probleme in der Familie, keine Arbeit – gibt es einen Ausweg?

Ich habe Angst, dass die Mäuse und Ratten über mein Kind kommen,“ sagt Hajaspi. Der Schweiß steht ihr auf Oberlippe und Stirn. Im Arm wiegt sie Emily, ihre Tochter, eine Woche alt. Wir befinden uns in Gjumri, einer Stadt im Norden Armeniens. Genauer gesagt in einem alten, verrosteten Blechcontainer mitten in einem Brachland. Der Container steht da seit 25 Jahren. Damals zerstörte ein Erdbeben Abertausende Häuser. Die Container sollten Notunterkünfte sein. Doch dann kam das Ende der Sowjetunion. Die Wohnsilos, die neue Quartiere bieten sollten, blieben unvollendet, die Obdachlosen in den Containern.

Hajaspi ist 28. Der Container gehört eigentlich ihrer Mutter, die aber fortgezogen ist. Hajaspi hat niemanden außer ihrer Schwester, die jetzt eine Woche bei ihr bleibt, um ihr mit dem Baby zu helfen. Sie erwartet selbst gerade ihr zweites Kind. Hajaspi wurde mit Emily aus dem Spital entlassen. Bei der Geburt hat man ihr auch die Gebärmutter entfernt. Hajaspi kann nicht stillen. Das Milchpulver ist von schlechter Qualität. Das Wasser, das sie zum Anrühren der Milch braucht, auch. In Hajaspis Container gibt es weder Wasser noch eine Toilette. Nachts kläffen ihre Hunde, um mögliche AngreiferInnen abzuwehren. Räudig wie jene sind, haben sie wohl eher symbolische Bedeutung. Und gegen Mäuse helfen sie ohnehin nicht. 

DEN KÖRPER SPÜREN
„Wir haben Tausende Familien, die wie Hajaspi leben“, meint Gayane, eine Mitarbeiterin der Caritas Armenien, resigniert. Zumindest sie sorgt sich um die junge Mutter. Hajaspi war schon vor der Entbindung in einem Programm für Schwangere in Betreuung. Für jene, die es etwas besser haben, geht es dort um die Vorbereitung der Geburt. Für die meisten anderen darum, ausreichend Lebensmittel zu bekommen. Wer an den Kursen teilnimmt, kann sich auch Gutscheine abholen. Die kann man in ausgewählten Geschäften für bestimmte Waren einlösen: Obst, Gemüse, Milch, Fleisch, Fisch. Alles, was im Alltag einer armenischen Familie fehlt. Pommes, Nudeln, Kraut und Suppe sind Armeleutekost, jeden Tag. „Viele Babys kommen mangelernährt zur Welt“, erzählt Maretta Gruinjan. Sie ist im Team der Caritas für die Betreuung Schwangerer und junger Mütter. In den Kursen lernen die Frauen vor allem aber auch, sich selbst ernst zu nehmen. In der traditionellen Kultur der ArmenierInnen sagt man ihnen anderes: Pass dich an, hör auf deine Schwiegermutter, frag nicht nach. „Viele Frauen haben wenig Bewusstsein für ihren Körper“, erzählt die Kinderärztin. Kursteilnehmerinnen wie Anouschik bestätigen das: „Ich habe gelernt, dass meine Ernährung wichtig für mein Baby ist.“ Das Körperbewusstsein wird auch mit Yogakursen unterstützt. Nur die Väter in die Geburtsvorbereitung einzubinden, ist noch nicht gelungen. „Nicht üblich“, hört man auf die Frage, ob Männer bei der Geburt ihres Kindes dabei sind.

PROBLEM „SCHWIEGERMUTTER“
Gar nicht so wenige Frauen lernen in den Kursen erst, ihr Kind überhaupt anzunehmen. Eine unerwartete Schwangerschaft, vielleicht sogar mit einer Tochter, die weit weniger wert ist als ein Sohn, macht es oft schwierig, sich positiv zum Baby zu stellen. „Man drängt Frauen dann auch oft zur Abtreibung“, weiß Maretta Gruinjan. Durch kompetente Begleitung und den offenen Austausch in der Gruppe Schwangerer könne die Einstellung aber meist schnell verändert werden. Das gilt auch für das Problemthema Nummer eins, die Schwiegermutter. In traditionellen Familien heiratet eine Frau in die Familie des Mannes ein. Dort hat im Innenverhältnis die Mutter das Sagen. Sie bezieht ihren Wert häufig daraus, ihr Wissen weitergeben zu können. Bei der Ernährung der Schwangeren und der Pflege von Babys kann das problematisch werden. Traditionell steckt man Babys in Armenien noch in Wickelpölster, hält den Körperkontakt eher in Grenzen. Mit anderen Ideen müssen sich junge Frauen erst durchsetzen. Und sie haben dabei oft nicht die Unterstützung ihres Mannes, der zwischen Mutter und Ehefrau steht. Durch die Begleitung in den Caritasgruppen kann vieles entschärft und eine Strategie überlegt werden, wie Schwiegermutter und Schwiegertochter miteinander auskommen können.

ENTVÖLKERTES LAND
Armenien ist ein altes Kulturland. Es hat als erster Staat das Christentum als Staatsreligion angenommen und führte eine eigene Schrift ein. Beides wird bis heute gepflegt. Doch von geschätzten sieben Millionen ArmenierInnen leben höchstens noch zwei Millionen im Land. Die Übrigen sind längst weg, suchen ihr Glück anderswo und halten die Daheimgebliebenen mit dem Geld, das sie nach Hause schicken, halbwegs über Wasser. Das Land ist ausgeblutet. Im Norden, wo Gjumri liegt, schätzt man die informelle Arbeitslosenquote auf 70 Prozent, die offizielle mit fast 50 Prozent ist da nicht so viel besser. Gut ausgebildete Junge, sogar mit Abschlüssen aus Amerika und anderswo, bekommen keinen Job. Alles, was es an Industrie, Handel, Kultur und Politik gibt, ist in der Hand weniger Familien. Die Clans der Oligarchen residieren in der Hauptstadt Jerewan. Dort findet man auch alle internationalen Designerläden. Luxus für wenige. 1992 hat Armenien sich zur unabhängigen Republik erklärt. Russland ist Schutzmacht geblieben, stationiert SoldatInnen im Land. Mit den Nachbarn ist man im Streit. Die im Westen angrenzende Türkei hat bis heute den Völkermord, den ihre Landsleute 1915 an den ArmenierInnen verübten, nicht anerkannt. Mit Aserbaidschan, der reichen Erdölrepublik im Osten, liegt man um die Region Bergkarabach im Konflikt. Das alles erschwert die Entwicklung des stolzen Volkes. Aufgeben? Kommt nicht infrage, sind sich die meisten einig. Sie fahren lieber mit uralten Wolgas, ehemaligen Luxuskarossen von Sowjetbonzen, auf Straßen, die im Winter großteils nicht passierbar sind.

Wie geht es für Hajaspi und ihr Baby weiter? Gayane, die Mitarbeiterin der Caritas, wird gleich morgen wieder vorbeischauen. „Wir möchten gerne eine Sozialarbeiterin anstellen, die sich regelmäßig um Frauen wie Hajaspi kümmert“, meint der Caritas-Direktor. Hajaspi drückt ihre kleine Tochter müde an sich. Sie wünscht sich nichts mehr als eine Wohnung und Arbeit, damit sie für ihre kleine Familie sorgen kann. Ohne fremde Hilfe wird das nicht gelingen.    

Hajaspi: Leben im verrosteten Container

KLEIN_28_Hajaspi mit Emiliy 2DSC_0447Hajaspi hat von ihrer Mutter einen alten Wohncontainer übernommen. Ihr erstes Kind, ein Sohn, lebt während der Woche im Kinderheim, zum Wochenende ist er oft bei ihr. Als sie zum zweiten Kind schwanger wurde, teilte ihr der Vater des Kindes mit, dass er in Russland bereits eine Familie mit zwei Kindern habe. Sie solle eine Abtreibung machen lassen. Hajaspi entschied sich für das Kind. Die Caritas begleitete sie durch ihre schwierige Schwangerschaft. Jetzt ist die große Frage, wie es für sie weitergehen kann. Auf Unterstützung der Caritas kann sie jedenfalls zählen.

Armine: Plastikmüll zum Heizen

KLEIN_30_Armine und Astrik vor Hütte DSC_0391Armine erwartet ihr viertes Kind. Der älteste Sohn Levar ist behindert, ihr Mann hat ein Bein amputiert und findet nur Gelegenheitsjobs. David, 11, und Astrik, 14, sind gesund, aber die sechsköpfige Familie lebt in einem Blechcontainer mit zwei kleinen Räumen. Auf einem einzigen Elektrokocher köchelt jeden Tag das einfache Mahl, meistens Eintopf mit Reis. Wasser muss weither geholt werden, zum Baden geht die Familie ab und zu ins öffentliche Bad – wenn das Geld dafür reicht. „Seid ihr verrückt, noch ein Kind zu bekommen?“, meinte die Umwelt. Aber Armine freut sich auf ihr Kind. Dank der Unterstützung durch die Caritas Armenien wird sie irgendwie durchkommen. Auch wenn im Winter Kartons aus den Supermärkten und Plastikmüll in den Ofen wandern, um die sechsköpfige Familie zu wärmen.

Susik: Kein Auskommen ohne Tante Xenia

KLEIN_30_Susik mit Tante Xenia und Sohn Kopik DSC_0413Susik freut sich auf ihr zweites Baby. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem älteren Sohn Kopik in einer Dreizimmerwohnung in einem desolaten Mietshaus in Gjumri. Ein Zimmer gehört ihrer Familie, eines bewohnen die Schwiegereltern und im Wohnzimmer ist noch ein alleinstehender Onkel ihres Mannes einquartiert. Susiks Mann war lange arbeitslos. Jetzt hat er einen Job in der Brauerei, dem einzigen größeren Betrieb in der Stadt. Tatsächlich lebt die ganze Familie vom Geld der Tante Xenia. Die hat einen Job als Putzfrau, ein Haus und keine eigenen Kinder. Aus Dankbarkeit möchte Susik ihr zweites Kind, wenn es eine Tochter wird, Xenia nennen. 

Helfen Sie Frauen in Armenien!

Schwangere und junge Mütter brauchen Unterstützung!

Armenien ist eine bitterarme Republik im Kaukasus. Das stolze Volk der ersten ChristInnen braucht vielfältige Unterstützung. Die Caritas kümmert sich neben Kranken und Alten vor allem um Schwangere und junge Mütter. Viele von ihnen sind mangelernährt, weil das Geld und manchmal auch das Wissen fehlen, wie man sich gesund ernährt.

KLEIN_31_Maretta Gurinjan

Maretta Gruinjan betreut als Caritas-Mitarbeiterin Schwangere und junge Mütter.


In mehrwöchigen Kursen zur Vorbereitung der Geburt lernen die Frauen, auf sich und ihren besonderen Zustand zu achten. Bedürftige Frauen bekommen Lebensmittelgutscheine. In Zukunft sollen alleinerziehende und besonders arme Frauen auch in der Zeit nach der Entbindung begleitet werden. Die Caritas Tirol engagiert sich zusammen mit der Caritas Armenien. Die Spenden der „Welt der Frau“-LeserInnen kommen unmittelbar den Frauen in Armenien zugute.

Wir bitten Sie um Ihre Spende für
Mütter in Not in Armenien.
Mittels beiliegendem Zahlschein oder auf das „Welt-der-Frau“-Konto, IBAN AT24 2032 0025 0001 1115, BIC ASPKAT2LXXX, Kennwort: „Armenien – Hilfe für Frauen“.

Danke!

Sehen Sie auch: Bücher gegen Spende

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/14 – von Christine Haiden