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Von Eisfotos und der riesigen Spiegeleisfläche des Weißensees, auf der man mutterseelenallein dahinziehen kann.

Er war ein Freund meiner Eltern, vor allem ein feuriger, unbotmäßiger Verehrer meiner schönen Mutter. Ich mochte ihn nicht besonders, aber ich liebte sein Haus, einen von Wiesen und Wald umgebenen einfachen Bungalow, der mit großzügiger, moderner Lässigkeit eingerichtet war. Er hatte drahtiges graues Haar und einen markanten Charakterschädel. Von einem Unfall, den er als Kind gehabt hatte, war ihm ein schweres Hinken geblieben, und er hatte seither nur mehr eine Hand. Er war selbstbewusst und herrisch, seine Gastfreundschaft ohne Grenzen und zugleich fordernd, der Langeweile des finanziell abgesicherten Privatiers geschuldet. Seine Passion war die Fotografie. Während er durch den Sucher schaute und mit der einen Hand abdrückte, ruhte die Kamera auf dem Stumpf der anderen. Die Aktfotos, die er machte und ausstellte, waren schmierig und banal. Seine Naturaufnahmen aber erzählten eine ganz andere Geschichte. In ihnen zeigte sich dieselbe sichere Hand für Farben und Muster, derselbe gute Geschmack und Sinn für Geometrie, dieselbe unverkrampfte Lässigkeit, die auch das Wohnzimmer seines Hauses auszeichnete. Unprätentiös, stilsicher und ohne jede Manieriertheit. Sofort wiederzuerkennen. Eine ganz und gar eigene Handschrift.

Die Fotos zeigten immer Ausschnitte, die man erst auf den zweiten Blick als das identifizieren konnte, was sie tatsächlich waren – Vogelbeeren im Wasser. Luftblasen auf dem Eis. Im Wasser versunkene Baumstämme. An der Eisoberfläche eingefangene braune Herbstblätter. Nach einem geheimen Raster angeordnete, auf dem Eis festgefrorene weiße Kristallbüschel. Ich wusste, dass diese Kristallbüschel zu glitzerndem, kaltem Staub zerfielen, wenn man sie berührte. An welchem See diese Fotos entstanden waren, wusste ich auch. Ich kenne dieses Spiegeleis und den Blick durch dieses Eis auf das grünblaue Wasser mit den wie Riesenmikadostäbchen übereinandergeschichteten Baumstämmen darin. Ich bin hundertmal auf diesem Eis gegangen und konnte den Blick nicht davon abwenden. Das Eis kann so dick werden, dass es Autos trägt. Und es kann so durchsichtig sein, dass man sich nicht vorstellen kann, dass da überhaupt etwas ist zwischen einem selbst und dem Wasser des Sees, dessen Farbspektrum von fast schwarz über tannengrün und türkis bis zu karibikblau reicht.

Wenn man nicht an dem See wohnt, muss man schon Glück haben, um das Eis überhaupt einmal zu sehen zu bekommen. Wenn der See endlich, endlich auf seiner ganzen Länge zugefroren ist, darf es nicht schneien, nicht einen halben Zentimeter. Dann ist es mit dem Spiegeleis vorbei. Wenn man dieses Glück aber hat – und dann noch ein zweites Glück, nämlich dass der Himmel blau ist und die Wintersonne scheint -, dann machen das Licht und das Blau das Eis noch klarer, noch abgründiger und noch zauberhafter, als es die schneeweiße Landschaft ringsum, in die der See wie ein Fjord eingebettet ist, allein könnte. Das Spiegeleis auf dem Weißensee ist das Größte. Nur eins ist noch schöner: Genau dieses Eis zu zerkratzen. Mit Eisschuhen, am besten mit Eisschnelllaufschuhen. Der Rhythmus dieser Bewegung ist ein langgezogenes „Ritsch, ratsch, ritsch, ratsch, ritsch, ratsch ?“, Kilometer für Kilometer, mutterseelenallein auf dieser grenzenlosen Spiegelfläche, mit dem leisen Rhythmus des eigenen Atems als einzigem Geräusch in den haubenbedeckten Ohren.

Erschienen in „Welt der Frau“ 1/2013 – von Julia Kospach