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Sprachrohr

Trae! Trae!“ Der Knirps steht vor mir und hält mir das Tragetuch entgegen, das er extra aus dem Kinderzimmerkasten geholt hat. Es ist sein herziger Appell, der mich noch schneller zusammenpacken lässt, damit wir uns wieder auf die Suche nach einem Frischluftabenteuer begeben können. Mit seinen dreizehn Kilos sind zwar mittlerweile Tragetuch und Tragehilfe mehr Sportgerät als Entlastung, aber ich mag es nach wie vor den Kleinen herumzutragen, und er bevorzugt es sowieso. Bei Regen, kurzen Strecken mit dem Bus oder überhaupt kurzen Strecken von Tür zu Tür mit vielen Treppen oder keiner Kinderwagenabstellmöglichkeit ist Tragen noch immer Gold wert. Er trägt dann eine quietschbunte selbstgenähte Zipfelmütze mit Fröschen, Hasen oder sonstigem Getier und schaut frech von seinem Hochsitz herunter.

In den letzten Wochen gab es eine enorme Veränderung bei uns zu Hause. So wie er mir Tragetuch oder Schuhe bringt um mir zu deuten, dass er rausgehen will, ist Michael immer mehr interessiert daran, die gemeinsame Zeit zu gestalten und Entscheidungen zu treffen. Unser kleiner Protestkäfer war nie jemand, der sein Unwohlsein verheimlichte. Jetzt hat er allerdings auch die verbalen und non-verbalen Mittel, um seine Ideen besser mitzuteilen. Ich finde es toll, dass ich ihn um seine Meinung fragen kann und versuche, so weit es im Alltag geht, auch darauf einzugehen. Das bedeutet nicht, dass wir jetzt nur mehr Fernsehen, Eis essen und den ganzen Tag in der Badewanne sitzen. (So stelle ich mir einen Traumtag für ihn vor.) Vielmehr macht es mich und ihn offensichtlich auch einfach zufrieden, dass seine Bedürfnisse und Vorstellung in unsere Aktivitäten einfließen. Was auch deutlich entspannter wurde sind die Zeiten zuhause, in denen er sich zum Beispiel in ein Buch vertieft. Die Konzentrationsspanne wird von Woche zu Woche länger. Richtig idyllisch fühlt es sich an, wenn ich auf seinem Sofa mit der Ukulele sitze und vor mich hin spiele und er am Teppichboden sein Kinderzimmer auseinandernimmt und seine Spielsachen inventarisiert. Gerade jetzt habe ich das Gefühl, dass es noch nie so fein war mit ihm im Alltag.

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