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Der Feminismus hat die Geschlechterrollen ordentlich ins Wanken gebracht. Nach den Frauen sind nun die Männer dran: Sanft und potent, fit im Haushalt und clever im Business, die Ansprüche sind gestiegen. Weil sie aber nicht eindeutig sind, reagieren die einen mit Abwehr und die anderen mit übertriebenem Bemühen. Männer sind verunsichert. Höchste Zeit, den Männerforscher Matthias Stiehler zu fragen, was da los ist.
Sie sagen, Muttersöhne und Feministinnen sind zwei Entwicklungen aus dem gleichen Ursprung. Wie meinen Sie das?
Matthias Stiehler: Wie sage ich das am besten? Ich mache mit meiner Frau auch Paarberatung. Da kommt das Paar an und häufig sagt die Frau: »Ich habe mich schon viel verändert, aber jetzt muss der sich mal verändern.« Genau betrachtet ist es eine kindliche Haltung, Verantwortung nicht voll auf sich zu nehmen. Das ist bei Muttersöhnen auch so. Sie orientieren sich immer daran, was die Partnerin und was die Firma will, und achten nicht darauf, was sie selbst wollen. Sie sind eher Erfüllungsgehilfen oder Bediener. In beiden Fällen stehen hinter diesem Verhalten nicht aufgelöste Mutterbeziehungen.

Viele Männer machen nicht den Eindruck, nicht von sich überzeugt oder sich ihrer selbst nicht sicher zu sein.
Das ist oft Lug und Trug. Ich komme aus Ostdeutschland. Als die Wiedervereinigung war, gab es einen Witz, warum es im Osten bis zum Abitur zwölf Jahre dauert und im Westen dreizehn Jahre. Die Antwort: Die im Westen haben noch ein Jahr Schauspielunterricht. Man traf plötzlich auf diese Macher, die alles im Griff haben, die sich durch nichts erschüttern lassen.

Was ist so falsch an den Machern?
Ein Beispiel: In die Paarberatung kommt ein Mann mit seiner Frau und gibt uns fast den Befehl, die Frau wieder zurechtzurücken. Was war passiert? Der Mann war ein Patriarch der alten Schule und am Ende hat sich die Frau dadurch gewehrt, dass sie sich einen Geliebten genommen hat. Plötzlich fiel da bei ihm alles in sich zusammen. Er versuchte, sich noch mehr aufzuplustern und auch uns unter Druck zu setzen, seine Frau wieder zurückzubringen. Dieses Aufgeplusterte ist nicht wirklich männliche Stärke.

Raubt das Aufplustern Kraft? Noch immer sterben Männer früher.
Das hat die Wissenschaft noch nicht herausbekommen. Das ist zum geringsten Teil Biologie. Zum größten Teil ist es soziales Rollenverhalten. Mir fällt auf, dass es Männern zum Beispiel schwerfällt, ihre Bedürftigkeit zu zeigen. Ich rede nicht von den Softies, die sich nur an die Frau hängen und wissen wollen: »Sag mir, was ich tun soll.« Ich rede von Leuten, die im Saft stehen, die beruflich erfolgreich sind. Kein Mensch ist immer nur der tolle Hengst. Er hat immer auch das Bedürfnis, sich einmal schwach zu zeigen. Das fällt Männern entsetzlich schwer. Damit scheint die schlechte Männergesundheit zu tun zu haben.

Sie arbeiten viel mit Männergruppen. Warum kommen die Männer zu Ihnen?
Weil sie unzufrieden sind. Sie stellen fest, dass sie zu wenig auf das achten, was sie von sich und auch was sie von der Frau wollen. Es fällt Männern häufig schwer zu sagen: »Ich wünsche mir das oder jenes«, ohne das patriarchal zu überhöhen. Häufig gibt es eine Konditionierung der Söhne durch die Mütter, die heißt: Sei du besser als dein Vater. Oder sei anders als dein Vater. Das führt oft in eine Konkurrenzsituation, die anstachelt, besser als der Vater sein zu wollen. Ich habe den Eindruck, dass das Imponiergehabe eher eine Konstruktion der engen Mutter-Kind-Beziehung ist. Dabei darf man den abwesenden Vater nicht vergessen.

Ist die Mutterbindung vieler Männer die Ursache für eine nicht entwickelte Männlichkeit, die zu einer übersteigerten Rivalität bis zur Auslöschung anderer geht?
Zu sagen: »Das sind die bösen Mütter«, wäre zu einfach. Da gehören auch die Väter dazu. Die Paarbeziehung ist zentral für die Entwicklung des Kindes. Wird das Kind Ersatzpartner, wird das Kind abgelehnt, werden die Bedürfnisse des Kindes geachtet, wie weit gibt sich das Paar auf, sobald es Eltern wird? Paare klagen, dass ihre Sexualität eingeschlafen ist, seit die Kinder da sind, oder die Paarbeziehung leidet, weil die Frau sich auf die Kinder stürzt und der Mann noch mehr arbeitet, um sich als guter Familienvater zu erweisen. Das ist ziemlich problematisch. Es geht nicht nur um die nicht aufgelöste Mutterbeziehung, sondern auch um die schwache Vaterbeziehung des Kindes. Es braucht immer beide.

Vielleicht sind Väter auch verunsichert, weil die Ansprüche an sie immer größer werden?
Diese Gefahr gibt es. Ich bin selbst dreifacher Vater. Man kann es nie so gut machen, wie man möchte. Das ist klar. Aber es nützt nichts. Ich kann mich selbst als Vater sehen und sagen: Es ist vieles von dem, was ich wollte, nicht gelungen. Das ist aber nicht das Problem. Das eigentliche Problem ist, dass man so tut, als wäre alles in Butter. Man muss sich als Eltern davon verabschieden, alles perfekt machen zu wollen. Ich bin mit 22 das erste Mal Vater geworden. Das war insofern gnädig, als ich es einfach gemacht habe. Je mehr ich mitbekommen habe, desto schwieriger wurde manches. Da muss ich mir auch verzeihen und sagen: Es ist einfach so. Man soll auch nicht den eigenen Eltern vorhalten, was sie falsch gemacht haben, sondern die Wahrheit des eigenen Lebens anschauen. Defizite, die in mir stecken, setzen sich fort. Im Erwachsenenleben ist nicht die Beziehung zu den Eltern das Problematische, sondern die zum Partner oder Beziehungen im Beruf, wo immer versucht wird, noch einen Nachschlag Mutterliebe zu bekommen oder väterliche Aufmerksamkeit und väterlichen Halt. Dann wird weiter am Partner gerüttelt, versucht, ihn zu manipulieren und von ihm zu fordern. Egal, wie die Kindheit verlaufen ist, die Verantwortung für das erwachsene Leben trägt man in letzter Konsequenz selbst.

Verantwortung übernehmen heißt, etwas zu gestalten.
Ja. Um gestalten zu können, muss ich erst mit mir in Kontakt sein, muss ich fragen, was ich wirklich will. Dann geht es nicht darum, meine Bedürfnisse um jeden Preis durchzusetzen, aber sich doch mehr auf sich zu beziehen. Männer, die aufgeplustert durch die Gegend gehen, sind in der Regel nicht solche, die das tun, was wirklich in ihnen ist. Sie sind oft Erfüllungsgehilfen fremder Mächte.