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Supermama, leicht gestresst!
Für die Kinder da und trotzdem erfolgreich im Beruf, ausgeglichen und vor allem immer zugewandt und liebend: All das soll die gute Mutter sein. Doch das überhöhte Ideal ist schädlich. Es setzt Frauen unter Druck und fördert Streit sowie Schubladendenken statt Solidarität und Unterstützung.

So sehr hatte sie sich auf die Geburt ihres zweiten Sohnes gefreut. Doch nach der Entbindung wurde Ulrike Schrimpf zu­­neh­mend von Ängsten geplagt. Wachsende Unruhe und Traurigkeit raubten ihr den Schlaf. Dabei wollte die 38-jährige Berlinerin, die in Wien lebt, einfach nur glücklich und ihren geliebten Kindern eine möglichst gute Mutter sein.

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Für Ulrike Schrimpf war das Mutter-Werden auch ein schmerzhafter Prozess. Sie erkrankte an einer postpartalen Depression und schrieb nun ein Buch dazu.

Ständige Schuldgefühle steigerten ihre Verzweiflung. In dem Bestreben, alles richtig zu machen, studierte sie Elternratgeber. Da stand, ass es gut sei, wenn Mutter und Säugling in einem Bett schliefen. Doch auf diese Weise schlief sie noch schlechter. Als sie auch noch las, dass sich der Schlafrhythmus von Mutter und Kind einander anpassten, gab sie sich die Schuld, dass auch ihr Baby nachts unruhig war. Als sie dann drei Nächte in Folge kein Auge mehr zugetan hatte, packte sie mit letzter Kraft eine Reisetasche und bat ihren Partner, sie mit dem Baby ins Krankenhaus zu bringen – sie fürchtete, verrückt zu werden.

Ulrike Schrimpf war an einer postpartalen Depression erkrankt. Auf zehn bis 15 Prozent der kürzlich entbundenen Frauen trifft diese Diagnose zu. Es ist vor allem die Umwälzung des gesamten bisherigen Lebens, die zu dieser speziellen Form einer Depression führt.
Doch bei nicht wenigen spielt auch ein Bild in ihrem Kopf eine große Rolle bei der Erkrankung: das in unserer westlichen Welt vorherrschende Ideal einer sofort und immer liebenden Mutter, die alles gibt und immer zur Stelle ist. Dieses Ideal einer zärtlich lächelnden Frau, die ihr Kind herzt, umfasst den Mythos der Mutterliebe, der reinsten Form der Liebe. Es ist ein mächtiges Bild, das wir zutiefst verinnerlicht haben.

Doch dieses Bild macht einige Frauen krank, und es setzt viele weitere unter Druck. Das bestätigen nicht nur Gespräche mit einzelnen Frauen und PsychotherapeutInnen, sondern auch Studien, wie etwa jene mit dem Titel „Die deutsche Angst vorm Kinderkriegen“, die 2010 das Kölner Marktforschungsinstitut „rheingold“ im Auftrag des Unternehmens „Milupa“ vorstellte. „Das Mütterideal treibt den Perfektionszwang auf die Spitze und die Frauen in die Verzweiflung: Der Wunsch nach größtmöglicher Gelassenheit verdeckt im Alltag Unsicherheiten und Ängste“, lautet das Fazit der Studie. 44 Prozent der befragten Frauen gelinge diese Gelassenheit. Die Mehrheit spüre aber einen Druck, stets funktionieren zu müssen und sich ihre innere Zerrissenheit zwischen liebender Mutter und attraktiver sowie erfolgreicher Frau nicht anmerken zu lassen.

ANDERE KULTUREN, ANDERE MÜTTER
Es ist, als ob Mütter keine negativen Gefühle haben dürften, beklagt die Schweizer Psychotherapeutin Gaby Gschwend in ihrem Buch „Mütter ohne Liebe“ (Huber 2009). „Der Muttermythos leugnet die große Spannbreite der Emotionalität und des realen Verhaltensrepertoires von Frauen. Und Mütter schämen sich zutiefst für die Existenz der ‚dunklen Mutter‘ in sich oder spalten diese ab.“ Die Folge seien Schuldgefühle und Versagensängste, aber auch die Abwertung anderer Mütter, die dem Ideal nicht entsprechen. Grabenkämpfe und Vorurteile statt gegenseitige Unterstützung.

Dabei ist das Ideal der perfekten Mutter keine naturgegebene Konstante. Jede Kultur und Zeit hatte ihre eigenen Frauenbilder. So war etwa im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts die gefühlskalte Mutter allgegenwärtig, wie die französische Philosophin Élisabeth Badinter in ihrem Buch „Die Mutterliebe“ (Piper 1981) ausführt. Das heutige Ideal nahm erst im späten 18. Jahrhundert seinen Anfang, als sich mit der beginnenden Industrialisierung und Pädagogik die Sicht auf das Kind und damit die Rolle der Mutter veränderten.

Als Kontrast zur harten männlichen Arbeitswelt entstand das geborgene Heim mit Frau und Kindern. Im 20. Jahrhundert nahm das Bild der fürsorglichen Mutter durch Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie und Bindungstheorie noch stärkere Konturen an. Nach dem Trauma des Zweiten Weltkrieges kam es zu einer Rückbesinnung auf das Private – die Gesellschaft sollte humaner werden und das, so meinte man, läge vor allem in der Hand der Hausfrau und Mutter.

Es ist, als ob Mütter keine negativen Gefühle haben dürfen.

Psychotherapeutin Gaby Gschwend

Diese einengende Rolle wurde durch den Feminismus immer wieder infrage gestellt. Hartnäckiger hielt sich dieses traditionelle Rollenbild allerdings in Österreich oder Deutschland. Für Barbara Vinken, deutsche Literaturwissenschaftlerin und Autorin des Buches „Die deutsche Mutter“ (Piper 2001), hat das vor allem mit einer doppelten Abwehrhaltung zu tun: Mit Blick auf das nationalsozialistische Erbe und auf den Ostblock habe man eine ideologische Vereinnahmung der Kinder gefürchtet. Daher rühre die langlebige Skepsis gegenüber Kinderkrippen in Deutschland und Österreich.

Auch die berufliche Verwirklichung und der Bildungsaufstieg der Frauen taten dem „Mythos Mutter“ keinen Abbruch. Dank „Pille“ kamen weniger, dafür gewünschte Kinder zur Welt, für die deren Mütter ebenso perfekt sorgen wollten, wie sie ihren Beruf ausführten.
Gab es früher einen eng vorgezeichneten Weg für Mütter, so existieren mittlerweile mehrere miteinander konkurrierende Möglichkeiten. Am Gemälde der idealen Mutter wird seit Jahren tatkräftig Hand angelegt. So greifen etwa jene zu Pinsel und Farbe, die darüber streiten, wie Elternschaft im 21. Jahrhundert gerechter gelebt werden kann, anders gesagt, wie Väter sich mehr in der Erziehung engagieren und Mütter ihren Beruf mit der Familie in Einklang bringen können.

Ebenso erbittert wird die Frage diskutiert, wie intensiv Mütter für ihre Kinder da sein sollen, vor allem für ihre Babys. In jüngster Zeit boomt die Richtung der bindungsorientierten Erziehung: Diese behauptet in einer extremen Form, dass Kinder viel gesünder heranwachsen, wenn sie besonders einfühlsam betreut, zudem lange gestillt, viel getragen und eher später einer Krippe oder Tagesmutter anvertraut werden. Vor allem Élisabeth Badinter fürchtet, dass im Namen dieser neuen Mütterlichkeit Frauen in alte Rollen zurückfallen.

LEBENDIGER MYTHOS
Doch trotz der Streitigkeiten um Details glänzt das Mutterideal in alter Frische. Für die Mehrzahl der Deutschen etwa ist eine gute Mutter sehr wohl eine berufstätige Frau, die aber nachmittags für die Kinder da ist, so das Ergebnis der Studie des deutschen Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zu Familienleitbildern (2013). Hat sie aber jüngere Kinder, soll sie eher zu Hause sein: So geben über 60 Prozent der ÖsterreicherInnen und Deutschen in der Studie „European Values“ (2008) an, dass „ein Kleinkind wahrscheinlich darunter leide, wenn seine Mutter berufstätig ist“. In Frankreich stimmen dieser Aussage nur circa 38 Prozent der Befragten zu.

Wie lebendig der Mythos der guten Mutter ist, verraten nicht nur Umfragen. Zuletzt sorgten Berichte zweier amerikanischer Mütter für Aufregung: Die eine, die chinesischstämmige Amy Chua, wollte mit eisernem Drill erreichen, dass ihre Töchter zu erfolgreichen Musikerinnen aufsteigen („Die Mutter des Erfolgs“, Nagel & Kimche 2011). Die zweite, Dara-Lynn Weiss, gab Einblicke in den rigiden Alltag einer Diät, auf die sie ihre siebenjährige übergewichtige Tochter gesetzt hatte („Wonneproppen“, Eden 2013). Die Reaktionen waren überwiegend negativ, zeigten aber auch, wie nahe am Nerv einer Gesellschaft das Thema „gute Mutter“ liegt.
Umso schwerer ist es für jede einzelne Frau, ihren eigenen Weg zu finden – ohne Schuldgefühle und unterdrückte Meinungen. Dabei sei diese Suche auch eine Chance, sich als Frau weiterzuentwickeln und neu zu entdecken, sagt die Wiener Psychotherapeutin Maria Weissenböck. Mutterwerden sei ein Prozess. Weissenböck rät den Frauen, genau darüber nachzudenken, was ihnen als Mutter wirklich wichtig sei. Man müsse nicht jeden Ratgeber gelesen und jede Spielgruppe besucht haben. So würden Spontanität und Freude mit dem Kind verloren gehen.

Der Prozess des Mutterwerdens war für Ulrike Schrimpf schmerzhaft. Doch mithilfe einer stationären und ambulanten psychologischen und medikamentösen Therapie konnte sie ihre Depression besiegen und lernen, sich als Mutter mit allen Stärken und Schwächen anzunehmen. In ihrer Krise fand sie schließlich auch zu ihrer großen Leidenschaft zurück: dem Schreiben. Das gibt ihr die Kraft, die gute Mutter zu sein, die sie immer sein wollte.