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Szenen einer Flucht Molyvos auf Lesbos, Sept. 2015

Wir sind jetzt die zweite Woche in Molyvos auf Lesbos, wir haben uns ja im Vorjahr in diesen Platz verliebt. Aber man kann sich vorstellen, was heuer hier los ist! Wir wussten schon zu Hause Bescheid und haben eine ganze Reisetasche mit gekauften und gespendeten Sachen mitgebracht, es ist aber alles ein Tropfen auf dem heißen Stein. Kinderkleidung wird so dringend benötigt! Tag für Tag kommen auf der Insel 2000 Flüchtlinge an, hier in der Nähe von Molyvos Hunderte am Tag. Viele von ihnen gehen den bergigen Weg in die Hauptstadt Mythilini dann zu Fuß, mit Kindern, Babys, schwangeren Frauen, ihre Habseligkeiten in Müllsäcken, Tragtaschen. Das sind 65 Kilometer und teilweise hatte es letzte Woche noch an die 40 Grad! Jetzt ist es kühler, dafür die See rauer, heute Nacht sind auch wieder Gummireifen auf dem Meer getrieben.

Wir versuchen täglich ein wenig zu helfen, indem wir Wasser, Obst , Lebensmittel, Eis (die Kinder strahlen dann wieder für einen Moment!) zu den Lagerplätzen bringen, Rucksäcke, Isomatten kaufen und verteilen,…

lesbos 2Täglich schreibe ich abends eine Begegnung nieder, um sie nicht zu vergessen und um sie zu verarbeiten, denn emotional nimmt einen das alles ziemlich mit. Gestern haben wir am Strand zwei Fotos gemacht. Das mit dem Steinbild berührt mich sehr. Daneben trieb ein zerfetztes Boot im Wasser, bleibt zu hoffen, dass es bedeutete, dass diese Familie sicher das Land erreicht hat.

Von den erschöpften und verzweifelten Menschen machen wir keine Fotos, das käme mir taktlos vor.

 

Szene 1

Der Hafen von Molyvos auf Lesbos. Die Küstenwache fährt aus, einige Zeit später kehrt sie zurück, das Deck überfüllt mit Flüchtlingen, die in Schlauchbooten die acht Seemeilen von der türkischen Küste zur griechischen Insel Lesbos und somit nach Europa zurückgelegt haben.

Befehle ertönen, Anstellen heißt es entlang der Mole, abzählen! Es sind Männer, hauptsächlich junge Burschen, aber auch immer wieder Frauen, Kinder und Babys zu sehen, an die fünfzig sind es diesmal.

Zu Hunderten kommen sie täglich in dem kleinen Hafenstädtchen Molyvos an, jeder einzelne hat an die 2000 Euro für die Überfahrt bezahlt.

 

Szene 2

Ein Restaurant im Hafen von Molyvos, das letzte in einer Reihe von Lokalen, „Captain’s Table.“ Alle Tische sind voll besetzt, es ist Abendessenszeit. Anfang September sind noch viele Touristen auf der Insel. Da bahnt sich eine kleine Gruppe von Menschen den Weg durch die eng gestellten Tischreihen der Restaurants, ein Mann geht voran und direkt auf die Besitzerin des Restaurants zu. Ein kurzes Gespräch und sie bittet die erschöpften Ankömmlinge zu sich. Es sind drei Frauen, eine davon schwanger, sie tragen zwei Babys und ein Kleinkind in den Armen. Mit ihnen sind zwei Männer gekommen. Es sind syrische Flüchtlinge. Die Babys, Zwillinge, beginnen zu schreien, die Wirtin schaukelt eines in ihren Armen, während das andere gestillt wird. Zugleich wird von der Wirtin telefoniert und organisiert, es kommen freiwillige Helferinnen, Kleider und Decken werden ausgeteilt. Die schwangere Frau ist einem Zusammenbruch nahe, sie wird gehalten, gestreichelt. Nach rund einer Stunde setzt sich die Gruppe an einen Tisch und wird verköstigt. Die Rechnung übernehmen wir.

 

Szene 3

Die Busse von Molyvos in die Hauptstadt Mythilini sind ausgesetzt. Die Hauptstadt kann keine Flüchtlinge mehr aufnehmen. 18.000 warten bereits auf ihre Ausschiffung auf das griechische Festland.

Die Flüchtlinge sitzen überall im Ort Molyvos und warten. Sie verhalten sich ruhig, suchen sich nach Möglichkeit einen Schattenplatz vor einem Laden, am Straßenrand, in einem Park. Der große Parkplatz wurde schon gesperrt, da dürfen sie nicht mehr hinein.

Eine Familie sitzt auf den Stufen zu einem Laden, die Sonne scheint erbarmungslos auf die kleine Gruppe. Zwei kleine Kinder kauern ziemlich mitgenommen auf dem Schoß ihrer Eltern. Wir spazieren vorbei. Ich frage, ob die Kinder ein Eis möchten. Das cirka fünfjährige Mädchen steht sofort auf, die Augen leuchten, es schaut zu Mama. Die nickt. Wir gehen in den Laden, auf Englisch sagt sie vor der Eistruhe „two“. Da ist nämlich noch ein kleiner Bruder, und sie hat Angst, ich vergesse auf ihn.

 

Szene 4

Es ist sieben Uhr am Morgen. Durch die geöffnete Balkontüre des Hotelzimmers dringen Stimmen. Ich schaue hinunter auf den Strand. Eine Gruppe von Flüchtlingen hat anscheinend am Strand übernachtet und bereitet sich für den Aufbruch vor. Ein Mann erklärt ihnen, dass sie gehen müssen.

Ich ziehe mich an und gehe hinunter. Die Gruppe besteht aus einem Mann mittleren Alters, der sich bei mir mit Namen vorstellt. Er spricht gut Englisch, stellt mir die beiden halbwüchsigen Mädchen als seine Töchter vor. Mit ihm ist eine weitere Familie unterwegs, mit einem kleineren Mädchen. Ich biete ihm Geld an, er will es zuerst überhaupt nicht nehmen. Ich sage ihm, er wird noch so viel Geld brauchen auf seinem Weg nach Deutschland (dort wollen sie alle hin), er soll es für die Mädchen nehmen. Das tut er dann. Er bittet mich um meinen Namen und um die Telefonnummer. Ich gebe sie ihm. Die kleine Gruppe bedankt sich immer wieder und wünscht mir das Allerbeste. Dabei haben doch sie selber jetzt die allerbesten Wünsche notwendig. Ich wünsche ihnen so sehr, dass sie alle gemeinsam und wohlbehalten ihr Ziel erreichen!

 

Szene 5

Wir liegen in unseren Liegestühlen am Strand vor dem Hotel. Zwei Tage hintereinander beobachte ich nun schon, wie sich am Nachmittag eine Frau und ein Mann auf eine Bank neben den Umkleidekabinen und den Duschen hinsetzen und warten. Gleichzeitig ist auch jedes Mal eine kleine Gruppe von Flüchtlingen im Wasser zu sehen. Am zweiten Tag wird mir klar, was vor sich geht. Sehr vorsichtig wird immer nur eine kleine Gruppe von Flüchtlingen hergebracht, um kurz ins Meer gehen zu können und sich danach unter der Dusche zu waschen. Das Duschgel hat die Frau in ihrem Nylonsack. Die Männer lassen beim Schwimmen und unter der Dusche meist ihre kurzen Hosen an und gehen mit den nassen Hosen wieder weg. Die Kinder haben oft nur ihre Unterhose an. Manchmal entwickelt sich im Wasser ein ausgelassenes Spiel, die Kinder stellen sich auf die Schultern der Väter, springen ins Wasser, tollen herum. Für einen kurzen Moment vergessen sie auf das Drama ihrer Flucht, ein Stück Normalität kehrt zurück. Doch das Vergnügen währt nie lange. Nach kurzer Zeit mahnen die Begleiter wiederum zum Aufbruch, alles muss möglichst unauffällig vor sich gehen. Es könnten sich Touristen beschweren, die für die Liegen am Strand zahlen müssen, und die es stört, dass sich am Strand Flüchtlinge aufhalten. Und wenn dann in den Hotels Beschwerden eintreffen, müsste vermutlich die Polizei einschreiten. Die Flüchtlinge sind hier noch nicht registriert, sie sind illegal auf der Insel. Es ist eine heikle Mission, die freiwillige Helfer hier durchführen.

 

Szene 6

Wir sitzen beim Abendesssen, mit Blick auf den Hafen und in die engen Gassen der Altstadt. Bei einem Geschäft hängen Rucksäcke heraußen, ich denke die ganze Zeit daran, wie hilfreich die für viele Flüchtlinge auf ihrer Reise sein könnten. So viele haben wir schon unterwegs gesehen, wie sie in Müllsäcken ihre Habseligkeiten mitschleppten.

Nach dem Essen spazieren wir zum Hafen. Da sitzt eine Gruppe von Flüchtlingen etwas abseits unter einem Baum, Freiwillige kümmern sich um sie. Es sind wiederum zwei blutjunge Mütter, jede hat eine Baby im Arm, eine davon ist noch dazu schwanger. Wir sprechen mit den HelferInnen, eine ist Ärztin. Was können wir tun? Da sehen wir, dass die Frauen das ganze Gepäck in Säcken und Tragtaschen mitschleppen. Ihre Männer haben sich zu Fuß auf den Weg nach Mythilini gemacht und alles zurückgelassen. Wir schlagen vor, Rucksäcke zu besorgen. Wir haben Geld, das uns Freunde für die Flüchtlinge überwiesen haben. Das hält die Ärztin für sinnvoll. Mit den Rucksäcken kehren wir in den Hafen zurück. Ganz hinten am Ende des Hafens, verborgen in der Dunkelheit, sitzen die Frauen mit der Ärztin an der Mole. Eine Frau stillt, die andere wiegt das Baby. Die Ärztin,  vermutlich von „Ärzte ohne Grenzen“, erzählt uns, dass sie nichts hätten, worauf sie schlafen könnten. Wir eilen zurück in den Ort, kaufen Isomatten. Auf dem Weg zurück kommen sie uns auf einmal entgegen. Die Ärztin schnappt die vier Isomatten, „Ein Bus ist gerade angekommen“, ruft sie uns zu und weiter eilen sie hinauf zur Marktstraße. Etwas später sehen wir, wie sie und die zwei jungen  Freiwilligen zurückkommen. Sie haben es also geschafft! Diese kleine Gruppe hatte Glück, sie wurde sofort weitertransportiert.

An diesem Nachmittag waren alleine vor  Skala Sikaminias wieder zwanzig Schlauchboote angekommen, also wieder einige hundert Menschen.

In Molivos waren den ganzen Tag über kaum Flüchtlinge zu sehen, wir dachten schon, die Lage hätte sich verbessert. In Wahrheit hatte man nur die Küstenwache verstärkt, und die Flüchtlinge wurden daran gehindert, in den Hafen und durch die blebten Gassen zu gehen.

 

Szene 7

Gegen Abend marschieren wir auf der Straße Richtung Molyvos, als wir Stimmen hinter uns hören. Flotten Schrittes nähert sich eine Gruppe junger Männer. Es sind Flüchtlinge, sie müssen gerade zuvor angekommen sein. Als sie uns überholen, heißen wir sie willkommen, sie freuen sich. Sie kommen aus Afghanistan, waren zuvor schon eine Woche zu Fuß unterwegs. Da zeigt uns einer sein Mobiltelefon, das funktionsunfähig ist und bittet, ob er kurz zu Hause anrufen dürfe. Wir geben ihm unser Handy. Und so melden sich kurz drei der Männer bei ihrer Familie und wir freuen uns darüber, dass ihre Familien nun wieder Bescheid wissen und für den Moment ein wenig beruhigt sein können.

 

Szene 8

Wir sprechen mit der Rezeptionistin im Hotel. Sie weiß, dass wir uns um die Flüchtlinge kümmern. Aber sie ist, so wie viele der Einheimischen hier in Molyvos, sehr besorgt über die Situation. Viele Menschen haben nur über die Sommermonate ein Einkommen durch den Tourismus, danach bricht für sie wieder eine Zeit der Arbeitslosigkeit an. Über 60% der jungen Leute sind ohne Job, erklärt sie uns. Wie soll so eine kleine Insel wie Lesbos mit dieser Flüchtlingswelle fertig werden? Sie und viele andere Bewohner fühlen sich total im Stich gelassen von internationalen Hilfsorganisationen. Warum kommen keine Helfer, um die Erstaufnahme durchzuführen? Wie soll die Stadt Mythilene es schaffen, 20.000 Flüchtlinge zu registrieren? Und täglich kommen auf der Insel über 2000 neue Flüchtlinge an. Sie alle wollen ja möglichst schnell wieder weg hier, dafür müssen sie aber registriert werden, erst danach dürfen sie auf die Fähre, die sie ans griechische Festland bringt. Und weil das mit den Behördern so lange dauert, lagern die Flüchtlinge überall in Mythilene. Die Nerven liegen blank.

 

Szene 9

Es ist Mittag. Auf der Terrasse des Restaurants „Captain’s Table“ hat sich eine Schar unterschiedlichster Menschen getroffen,  junge wie alte, hell- und dunkelhäutige,  sie alle sitzen, hocken, stehen rund um eine Frau, die in bestem Englisch die neuesten Informationen zur Situation der Flüchtlinge weitergibt und die geplanten Maßnahmen erläutert. Es ist Melinda McRostie, die Seele der Freiwilligenhilfe hier in Molyvos. Die Zuhörenden sind Freiwillige aus allen möglichen Ländern, die täglich im Einsatz sind. Sie arbeiten in Teams. Sie empfangen die Flüchtlinge an der Küste und leisten dabei  Erstversorgung, sie holen die ankommenden Spendenpakete vom Postamt ab und sortieren die Kleiderspenden in den Lagerräumen, sie sammeln Müll ein  im Camp und auf den Lagerplätzen im Ort, fahren die Straßen ab und verteilen Wasser und Lebensmittel an zu Fuß gehende Menschengruppen,… Es gibt unendlich viel zu tun den ganzen Tag lang.

 

Melinda McRostie und ihre freiwilligen Helfer/innen

FotoMelinda ist Australierin, lebt aber seit Jahrzehnten in Griechenland und betreibt mit ihrem Mann und ihren Kinden das Restaurant „Captain’s Table“ im Hafen von Molyvos. Es ist das letzte Restaurant im Hafen.  „Captain’s Table“ serviert herrliche Meze, das sind kleine Portionen griechischer Gerichte. Die Spanier haben ihre Tapas, die Griechen ihre Meze. Wir sind schon vor einem Jahr in diesem Lokal zum Essen eingekehrt, doch damals war von den Flüchtlingen noch nichts zu bemerken, obwohl es sie auch schon gab und Melinda auch damals schon aktiv war.

Melinda startete ihr Hilfsprogramm vor einigen Jahren mit einem Weihnachtsbazar für Flüchtlinge. Im Laufe der Zeit engagierten sich immer mehr Menschen aus dem Ort, und im Herbst letzten Jahres nahmen die Aktivitäten dann erstmals größere Ausmaße an. Aber verglichen mit der Situation heute, waren das überschaubare Hilfsmaßnahmen.

Noch im Juli diesen Jahres kamen täglich so um die 120 Flüchtlinge rund um Molyvos an. Und derzeit sind es an die 2000,  zwei Monate später! Man kann sich vorstellen, welche Herausforderung dies für Melinda und alle HelferInnen bedeutet. Es gibt eine Welle von Hilfsbereitschaft, und damit die Hilfe auch Sinn macht, muss alles koordiniert werden, auch in Absprache mit den offiziellen Stellen in Mythilene und den Vertretern der NGOs, die auf der Insel sind. So sieht man Melinda den ganzen Tag auf der Terrasse sitzen, telefonierend, mit Leuten sprechend, Arbeiten einteilend, Flüchtlinge beruhigend,… Sie leistet Unglaubliches. Die größten Probleme, die es derzeit zu meistern gibt, sind das Auftreiben eines zentralen Sammelplatzes, wo auch sofort die Registrierung und der Weitertransport zu den Fähren durchgeführt werden könnte, und die permanente Stationierung eines Doktors. Derzeit ist eine Ärztin imTeam, aber sie ist auch als Freiwillige nur für eine begrenzte Zeit im Einsatz.

 

Wer Melindas Arbeit unterstützen will, soll sich unbedingt auf der Facebook-Seite (Help for Refugees in Molyvos) informieren.

Kleiderspenden werden derzeit nicht benötigt, was aktuell fehlt, sind Rucksäcke und Baby-Tragegurte.

 

Pakete können an folgende Adresse geschickt werden:

Hellenic Post Office of Mythymna
c/o Captain‘ s Table
81108 Molyvos, Lesvos
Greece

 

Ein Spendenkonto wird in Zukunft eingerichtet werden, das ist noch im Aufbau.

 

 

Anneliese Pflügelmayr

arbeitete als Pädagogin und Mediatorin. Zuletzt war sie an der Pädagogischen Hochschule OÖ tätig, wo sie Deutschdidaktik unterrichtete und gemeinsam mit KollegInnen einen Lehrgang für Peermediation aufbaute. Seit einem einjährigen Aufenthalt als Austauschschülerin in den USA engagiert sie sich als Freiwillige für Jugendaustausch und diverse Sozialprojekte. Kommunikation und Begegnung mit Menschen sind ihr wichtig. In ihren Beiträgen wirft sie einen augenzwinkernden Blick auf das Alltagsleben als Seniorin, in dem sich vielleicht auch so manche Leserin wiederfindet.
Ihre Devise: Mit kritischer Distanz und Humor sollte sich doch das Älterwerden etwas leichter bewerkstelligen lassen!

Kommentare

2 thoughts on “Szenen einer Flucht Molyvos auf Lesbos, Sept. 2015”

  1. Renate sagt:

    Liebe Liesl,
    danke für euer spontane Hilfe! Beim Lesen deiner Berichte steigt mir Unwohlsein hoch, der Magen verkrampft sich, große Traurigkeit kommt auf. Ihr bringt ein wenig Sonne in diese triste, unglaublich unmenschliche Situation der Flüchtlinge. Danke!
    Wir versuchen hier daheim die durchziehenden Flüchtlingsströme mit Hilfe der Volkshilfe mit Winterkleidung zu versorgen.
    Liebe Grüße nach Lesbos
    Renate und Reinhard

  2. petra Punzer sagt:

    Wirklich berührend diese Geschichte, würde mich interessieren wie es jetzt dort aussieht.

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