11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Tag #3: Commenda schwimmt im Honigtopf

Das hab ich nun davon. So genau nehme ich es mit meiner heutigen Entschleunigungsaufgabe, dass ich den Bus versäume. Selbst an Wochentagen kann es eine Stunde dauern, bis der nächste kommt. Und heute ist Sonntag.

Nr. 60 ist jener Bus, der mich von meiner außerhalb gelegenen Unterkunft ins Zentrum bringt, und  das einzige öffentliche Verkehrsmittel, das ich mir während meiner Tempodiät zu benützen gestatte. Für heute hatte ich mir vorgenommen, schon am frühen Morgen loszufahren. Die Fontana di Trevi ist mein Ziel, und laut den Rom-Tipps von SZ-Korrespondentin Andrea Bachstein, ist das Monument bei Tagesanbruch am Zauberhaftesten, noch bevor es von Touristenmassen gestürmt wird.

Ich verkürze also meine morgendliche Yogapraxis und hadere mit meiner heutigen Langsamkeitsübung. Sie stammt aus dem „Kleinen Übungsheft – Entschleunigen“ von Erik Pigani und lautet: Verlangsamen Sie Ihre Gesten, so als wären Sie in einen riesigen Honigtopf eingetaucht.

Ich soll also langsam sein und gleichzeitig hurtig zum Bus. Ein Kompromiss ist angesagt. Ich beschließe, die Sonnencreme laaangsaaam aufzutragen, dafür hurtigdieZähnezuputzen. Den Büffelmozzarella, den mein Gastgeber Alessandro mir geschenkt hat, schneide ich in Zeeeeiiitluuupeee, dafür wird mit den Tomaten nichtlanggefackelt.

Kompromiss hin oder her – der Bus fährt mir vor der Nase davon. Macht wirklich Stress, diese Langsamkeit. Bestimmt ist der Trevi Brunnen längst von tausenden JapanerInnen belagert.

Sonnntagmorgen in Rom.
Die Stadt wacht gerade auf, alles läuft einen Tick gemächlicher ab als an den vergangenen Tagen, die mit Graffitis besprühten Rolläden der Bars und Bodegas sind noch heruntergelassen. Nur ich habe es eilig. Ich will den Trevi Brunnen für mich und ich will ihn zauberhaft.

Tatsächlich steht nur ein Grüppchen amerikanischer TouristInnen auf der Piazza di Trevi. Alle außer ihnen und mir wussten wahrscheinlich schon, dass der  Brunnen gerade restauriert wird und sich hinter einem Baugerüst versteckt.

Die Eile war umsonst, na schön. Dafür suche ich mir jetzt einen Park, in dem ich in Ruhe mein mitgebrachtes Frühstück verspeisen kann. Obwohl ich hungrig wie eine Löwin bin, erinnere ich mich an den Honigtopf. Ich lege eine  Serviette auf meinen Schoß und streiche sie sorgsam glatt, packe Oliven, Mozzarella und Tomaten in Zeitlupe aus, und übe mich schon mal im entschleunigten Essen, dem ich einen ganzen Tag meiner Reise widmen werde. Ich brauche ewig für mein Frühstück, die Zeit scheint tatsächlich still zu stehen. Eine Taube kommt näher, neigt ihr Köpfchen und sieht mich aus ihrem gelben (!) Auge an. Scusi, hab‘ kein Brot. Und Oliven magst du sicher nicht.

Die Scruderie del Quirinale, in der ich eine Frida Kahlo Ausstellung besuchen wollte, sperrt erst um 4 Uhr Nachmittags auf.  Das verschafft mir Zeit für einen Cappuccino am Piazza della Repubblica.  Den Milchschaum schlecke ich so langsam vom Löffel, dass ich förmlich die Honigfäden fühlen kann, die sich zwischen meinen Lippen bilden. Täusche ich mich, oder schmeckt der Schaum tatsächlich süßer als sonst?

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare

3 thoughts on “Tag #3: Commenda schwimmt im Honigtopf”

  1. Christine Siebert sagt:

    Hallo Kirsten! Ich sitze am Hauptplatz von Mariazell und werde nun meinen 2. Cappuccino gaaaaanz langsam genießen 😉 …beim Blumen pflücken heute hab ich bei jeder gelben Blume (und von denen gab es ziemlich viele) im Geiste dir zugelächelt 😉 Christine

    1. Liebe Christine,

      mir als Wald- und Wiesen-Numerologin (und verhinderter Mathematikerin) gefällt es besonders, dass du mir am 21.7.14 um 12:12 einen Kommentar schickst 😉 Viel Genuss beim Cappuccino Trinken und beim Blumenpflücken! Laya Kirsten

  2. Alfred Koch sagt:

    Wie schnell ist „richtig“ entschleunigt?
    Vielleicht sollte man seine Bewegungen nicht verlangsamen – sondern einfach verachtsamen. Dann haben sie immer exakt das richtige Tempo.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.