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Tag #4: Commenda und der Zen
Zuerst, liebe Leserin, lieber Leser, möchte ich mich entschuldigen. Ich bin nämlich nicht sicher, ob es der oder das Zen heißt, und das WWW hilft mir auch nicht weiter. Sollten Sie einen stichhaltigen Beweis dafür haben, dass es „Commenda und das Zen“ heißen müsste, lassen Sie es mich bitte wissen!

Meine heutige Entschleunigungsaufgabe heißt Singletasking. Früher nannte man das „Eines nach dem anderen“ oder „Immer mit der Ruhe“. Also ungefähr zu der Zeit, als wir noch keine NeurowissenschafterInnen brauchten, um zu verstehen, dass viele Dinge gleichzeitig zu tun einer der größten Stressfaktoren überhaupt und der Mensch zu echtem Multitasking gar nicht fähig ist.

Der oder das Zen empfiehlt nicht nur, nicht mehr als eine Sache auf einmal zu tun, sondern auch, dabei an nichts anderes zu denken. Bestimmt kennen Sie diese Geschichte:

Ein Zen-Schüler fragt seinen Meister: „Was unterscheidet den Zen-Meister von einem Zen-Schüler?“

Der Zen-Meister antwortet: „Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich schlafe, dann schlafe ich.“

„Wieso? Das mache ich doch auch.“
Der Zen-Meister antwortet: „Wenn du gehst, denkst du ans Essen und wenn du isst, dann denkst du ans Schlafen. Wenn du schlafen sollst, denkst du an alles Mögliche. Das ist der Unterschied.“

Klingt einfach, jedoch …

  • Wenn ich gehe, dann gehe ich. Oder kehre um, weil ich vor lauter Zen meinen Stadtplan habe liegen lassen.
  • Wenn ich auf den Bus warte, dann warte ich. Und warte … und warte … und warte.
  • Auf dem Weg zu den Musei Vaticani versuche ich, nicht darüber nachzudenken, ob sich Frida Kahlo heute auch noch ausgeht.
  • Als ich die Vorvorvorletzte bin, die heute ein Biglietto ergattert (die Kassa schließt um 16 Uhr), versuche ich, nicht darüber nachzudenken, was ich gemacht hätte, wenn ich 5 Minuten später gekommen wäre.
  • Als ich im Strom der TouristInnen in unerbittlichem Tempo durch die Museen geschleust werde und  in der Sixtinischen Kapelle zu müde zum Staunen bin, versuche ich, nicht darüber nachzudenken, dass es besser wäre, darüber nicht nachzudenken.

Und endlich, endlich, als der Abend über die ewige Stadt kommt und ein Glas Vino Bianco vor mir steht, kann ich aufhören, daran zu denken, dass ich nicht denken soll.

Statt meine volle Aufmerksamkeit dem Rucola-Salat vor mir zu widmen, lausche ich dem deutschen Paar am Nebentisch, das sich eine gefühlte Stunde lang darüber unterhält, was Maja und Marcel wohl für ihre  Hochzeitsfeier ausgegeben haben, und amüsiere mich köstlich.

Später kommt Kellner Almando mir nachgelaufen, gibt mir seine Telefonnummer und lädt mich ein, nach Dienstschluss auf ihn zu warten. Er könne mir Rom bei Nacht zeigen und wir hätten Zeit, miteinander zu reden.  (Den T… werde ich tun. Aber da ich über 40 und somit in einem Alter bin, in dem Frauen für Männer seines Alters normalerweise unsichtbar sind, erlaube ich mir, un poco geschmeichelt zu sein).

Scusi, verehrter Zen-Meister. Ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen, und ich bemühe mich redlich. Aber ich bin ein Kind dieser Erde. Ablenkbar, zerstreut, unfokussiert. Und manchmal trotzdem richtig glücklich.

(*) Ich war heute so sehr mit Gehen, Warten und GanzimMomentsein beschäftigt, dass ich vergessen habe, zu fotografieren. Ich bitte um Ihr Verständnis und hoffe, Sie mit einem Foto der Terrasse, auf der ich sitze, während ich das schreibe, entschädigen zu können. 

 

Kommentare

One thought on “Tag #4: Commenda und der Zen”

  1. Alfred Koch sagt:

    Zum Glück, liebe Kirsten, hast du nicht drüber nachgedacht, ob du auch wirklich das Bügeleisen abgesteckt, den Herd ausgeschaltet, die Handbremse angezogen hast. Das zieht einen nämlich völlig aus der Wirklichkeit und hinein in eine Gedankenspirale, aus der es kein Entkommen gibt.

    Es ist für mich etwas Besonderes, mitverfolgen zu dürfen, wie du Rom erlebst. Ich war noch nie dort. Und nun „sehe“ ich es mit deinen Augen.

    P.S.: Vielleicht ist „Zen“ überhaupt artikellos?, sinniere ich und überschlage ein paar Wendungen, in denen „Zen“ sich jedes Begleiters entledigt hat.

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