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Tag #6: Commenda schmaut

Linsensalat mit Shrimps kann man an die 100 Mal kauen, mürb gegrillter Kürbis hingegen löst sich schon nach weniger als 30 Mal im Mund auf. Wussten Sie das?

Meine heutige Tempodiät ist ganz dem Essen gewidmet, genauer gesagt dem langsamen Essen. Noch genauer: dem Schmauen. Schmauen ist eine Mischung aus Kauen und Schmecken und wird auch Kaujogging genannt. Eine liebe Kollegin von mir ist seit langem ambitionierte Schmauerin und ihre Kilos purzelten nicht nur in Rekordzeit, sondern auch nachhaltig. Meine Versuche, es ihr gleich zu tun, scheiterten bisher an der Tatsache, dass man für’s Schmauen sehr sehr sehr viel Zeit braucht (und keinesfalls daran, dass ich nicht diszipliniert genug wäre, jeden Bissen mindestens 60 Mal im Mund hin und her zu schieben. Keinesfalls.)

Außer das Kiefergelenk zu trainieren legt man während des Schmauens das Besteck weg, bis man den jeweiligen Bissen flüssig gekaut und hinuntergeschluckt hat. Außerdem lehnt man sich zurück und/oder wendet sich vom Teller ab. Das ist der ganze Trick. Man darf essen, was man will und so viel man will. Nur eben gaaaaanz langsam.

Beim Frühstück im Schatten von Alessandro’s Feigenbaum zeigt sich, dass frische Tomaten und Mozzarella 60 Kaubewegungen locker standhalten, reife Avocados hingegen zerfallen schon nach halb so vielen.

In meiner Lieblingsbar in der Via Genova lagere ich meinen piede sinistro hoch, schmaue zunächst meinen Cappuccino (funktioniert!) und danach besagten Linsensalat, gegrillten Kürbis, marinierte Zucchini und Champignons. Ausnahmsweise gestatte ich mir einen Blick auf die Uhr: Ich brauche exakt 27 Minuten, um den Teller leer zu essen – oder fast leer. So langsam zu essen verringert eindeutig die Aufnahmekapazitäten.

Die Geschmacksexplosionen, von denen meine schmauende Kollegin schwärmt, bleiben zwar aus, aber das Essen ist durchaus ein intensives Erlebnis. Und es ist ganz schön anstrengend, ihm so lange die volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Später humple ich tapfer und von mitleidigen Blicken begleitet zur Scuderie del Quirinale und warte dort länger in der Schlange als vor der Basilica San Pietro und den Musei Vaticani zusammen. Das Warten lohnt sich jedoch. Eine Begegnung mit Frida, der Ikone, der Projektionsfläche, der Frau der Leidenschaft, der Schmerzen, der Selbstinszenierung, des Lebenshungers, der Tragik. Die oft gestellte Frage taucht in mir auf: Muss das Leben so weh tun, um intensiv zu sein? Muss ein Mensch so viel erleiden, um zur Tiefe zu gelangen? Oder umgekehrt: Müssen Komödien immer seicht sein?

Mir fällt ein Zitat ein, das, wenn ich nicht irre, von Woody Allen stammt:

Drama = Komödie minus Abstand

Oder, wie ein von mir geschätzter Lehrer immer sagte: Wenn du die Wahl hast, in einer Komödie mitzuspielen oder in einem Drama, dann wähle die Komödie.

Ich finde, mit meiner gestrigen Slapstick-Einlage auf der nassen Terrasse habe ich schon mal einen guten Anfang gemacht. Und dass ich nach zwei in der Nähe der eingerüsteten Fontana di Trevi geschmauten Kugeln Gelato um satte Euro 7,50 wieder weiß, warum ich mich normalerweise von Eiscreme fernhalte, passt auch in diese Kategorie. Den Campari Milano (danke für den Tipp, liebe Claudia!) hebe ich mir lieber für morgen auf. Schmauen kann ich ihn ja trotzdem.

 

 

 

 

 

Kommentare

2 thoughts on “Tag #6: Commenda schmaut”

  1. Claudia Karner sagt:

    Das ist aber ein originelles Selfie!

  2. judith sagt:

    danke für die schmauen-erinnerung! das hört sich an, als gehöre es UNBEDINGT zu einem entspannten tag.
    jetzt mach ich mir gleich einen cappucino – und lege beide piedi hoch…
    hoffe, deine schmerzen sind am abnehmen,
    herzlich, judith

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