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Tag #8: Commendas 5 Minuten

Ich muss Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, ein Geständnis machen: Dieser Beitrag sollte eigentlich „Commenda tut nichts“ heißen. Mein ursprünglicher Plan war, die Fahrt von Rom nach Florenz im Hochgeschwindigkeitszug mit entschleunigtem Nichtstun zu verbringen. Aber … wie soll ich es ausdrücken … ich war zu  feig.

Sie müssen wissen, ich bin eine von denen, die ihren EReader schon ausgepackt haben, noch ehe ihr Allerwertester den Sitzplatz berührt hat, egal ob im Zug, im Café oder im Wartezimmer. Meine digitale Bibliothek ist für mich nicht nur eine Quelle der Unterhaltung, des Wissens und der Inspiration, sondern etwas, woran ich mich festhalte. Nichts kann so schlimm sein, als dass ich es nicht vergessen könnte, sobald ich meine 183 Gramm Tolino Shine in Händen halte und in ein EBook versinke. Am Allerschönsten ist es, wenn dabei rund um mich das Leben pulsiert. Straßenlärm, Kindergequengel, scherzende Kellner und Beziehungsdramen am Nebentisch  machen das Ein- und Abtauchen zu einem noch größeren Genuss.

Nun gibt es, außer dem Schmerz, der mich beim Abschied von Rom, meiner Lieblingsbar, Alessandro, seinem Garten und seinen zwei jungen Kaninchen überkommt, und meinem lädierten dito, rein gar nichts Schlimmes in meinem Leben. Also auch keinen Grund, mich an irgendetwas festhalten zu müssen. Dennoch jagt mir eine Zugfahrt ohne meinen geliebten Tolino Angst ein – auch wenn sie nur eineinhalb Stunden dauert. Ob Tolino-Abhängigkeit wohl schon in die Liste der nichtsubstanzgebundenen Süchte aufgenommen wurde?

Ich brauche also einen Plan B für meine heutige Tempodiät. Sie, liebe mir wohlgesonnenen LeserInnen, würden wahrscheinlich schon den Weg von der Stazione Santa Maria Novella zu meiner florentinischen Unterkunft in der Via Pisana am anderen Ufer des Arno gelten lassen, denn ich brauche, humpelnd und meinen Trolley über die historischen Pflastersteine ziehend, mindestens die doppelte der von meinen Gastgebern Speranza und Iakopo angegebenen Gehzeit.

Aber so leicht will ich es mir nicht machen, schließlich habe ich versprochen, Ihnen jeden Tag von einem kleinen Selbstversuch zu berichten. Ich wähle Schritt 5 aus dem „Kleinen Übungsheft – Entschleunigen“. Ich soll mich einer Uhr gegenüber hinsetzen und fünf Minuten lang meine Augen schließen. Besser gesagt so lange, wie meine „inneren 5 Minuten“ dauern.

Dazu muss ich allerdings zuerst eine Uhr finden (oder dachten Sie, ich hätte auf dieser Reise meine Armbanduhr dabei?).  Ich gehe die Borgo San Frediano entlang, und als ich zurück blicke, ist die Porta San Frediano, eines der fünf Stadttore, das um 1330 herum erbaut wurde, in goldenes Abendlicht getaucht.

Die Piazza San Spirito hat alles zu bieten, was man sich von einer italienischen Piazza erwartet – Bars, Ristorantes, einen Brunnen, Straßenmusiker und jede Menge temperamentvoller Menschen, die das Leben zu genießen verstehen -, aber keine Uhr.

Ich wandere weiter zum Ufer des Arno, erhasche einen Blick auf den Duomo Santa Maria del Fiore und auf den Campanile, und beschließe, dass meine fünf Minuten hier stattfinden werden. Mein Handy zeigt 20:08 Uhr an. Ich mache ein Foto und schließe die Augen. Nach ein paar Atemzügen werde ich nervös. Bestimmt ist erst eine halbe Minute vergangen. Was, wenn ich die Augen viel zu bald wieder öffne? Ich atme tiefer, nehme die Geräusche um mich wahr. Dann tauche ich plötzlich in eine innere Welt ein. Keine Bilder, keine Worte, keine Gedanken, keine Gefühle. Die Zeit steht still. Ich stehe da, mitten in Florenz, mitten in mir. Die anfängliche Unruhe weicht einer tiefen Stille. Es klingt vielleicht seltsam, aber das einzige Wort, das mir dazu einfällt, ist Geborgenheit.

Als ich die Augen wieder öffne, ist es 20:12 Uhr. Die Welt hat sich verändert. 

Vielleicht, so sinniere ich auf meinem Heimweg in die Via Pisana, wage ich es in Zukunft öfter, auch ohne meinen  Tolino abzutauchen.

Kommentare

2 thoughts on “Tag #8: Commendas 5 Minuten”

  1. Claudia Karner sagt:

    Was für ein schönes Ende einer ganz besonderen Reise!

  2. Alfred Koch sagt:

    Florenz! Um ein haar wäre ich heuer dort gelandet. Dann beschäftigte mich jetzt die suche nach einer bleibe und einem programm für eine woche. Aber mitten im flugbuchen (wien – florenz, abendflug) spielte mein handy vivaldi (wie stimmig). Die one-woman-reiseveranstalterin rief an und sagte die schon für fix gehaltene reise nach Chianti ab. Florenz blieb einen bestätigungsklick entfernt. Geblieben ist die sehnsucht, ein zweites mal in meinem leben lucca, pisa, siena – und eben florenz zu sehen. Lucca – die archaische ausführung der renaissancekunst und -architektur, noch mit mehr als einem bein in der romanik und gotik, Florenz – das epizentrum der stilsicherheit und eleganz. Und das alles hat der umstand, dass der größenwahnsinnige reichtum mit einem mal versiegte und nicht wiederkam, für uns aufgehoben. (Sonst hätte man wohl vieles abgerissen und wieder zeitgenössischer gebaut) Es ist, als ob man eine zeitreise machen darf.
    Spürst du die vergangenheit, liebe Kirsten, die „tiefe der zeit“ (Doderer)? Dann fällt die hochgeschwindigkeit, der wir uns heute verpflichtet fühlen, von alleine ab. Als bremsten sie die gassen und das viele schöne, das sich einem nur beim zu fuß gehen offenbart, auf ein menschliches tempo herunter.

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