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Tag #9: Commenda und der Himmel

Liebe Leserin, lieber Leser, ich bin verliebt. Ins Leben sowieso, aber nun auch in diese Stadt. Dem Kommentar meines Freundes und Lehrmeisters Alfred ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Ehrwürdiges Alter geht in Florenz mit jugendlicher Lebenskunst eine Liaison ein, die ihresgleichen sucht. Schönheit, Chic und Charme offenbaren sich dem Auge in jeder Gasse, jeder Straße, auf jeder Piazza.

Mein liebstes Entschleunigungsrezept habe ich mir bis fast zum Schluss aufgehoben. Es lautet: Schau nach oben. Selbst in meiner Heimatstadt hat es mich jedes Mal mit überraschenden Einblicken, Ausblicken und Augenblicken zum Innehalten gezwungen. Nicht minder hier in Florenz.

Ich überquere den Arno und lege meine erste Pause im MOYE in der Via Parione ein. Ehrliche Freude zeigt sich auf dem Gesicht des Kellners, als  ich ihm sage, what a beutiful place this is.

Florenz ist eine Stadt, für die man keine Straßenkarte braucht. Der Fluss teilt das Straßengeflecht in Nord und Süd, die Ponte Vecchio gibt Orientierung, und Duomo und Campanile üben einen Sog aus, dem man sich ohnehin nicht entziehen kann.

Meine Kreditkarte wechselt mehr als einmal die Seite des Ladentisches an diesem Tag. Saldi sei Dank ist all das schöne Design zu vertretbaren Preisen zu haben. In der Chiesa Orsanmichele steigen mir Tränen in die Augen. Nach der für Rom so typischen Gigantomanie berührt mich hier die Kleinheit, die Liebe zum Detail.

Als ich vor der Kathedrale Santa Maria del Fiore angelangt bin, treibt der erste Wolkenbruch die Menschen unter die Dächer und Vorsprünge. Eine Kutsche hält direkt vor mir. Der Fahrer spannt einen Schirm über die Sitzbank und wischt, unter dem Gelächter der TouristInnen, nicht nur die Kutsche trocken, sondern auch meine Einkaufstüten.

Dann folgt ein Regenguss dem anderen, dazwischen immer wieder kurzes Sonnengeblinzel. Der Himmel meint es gut mit mir. Heute, da ich ihm so viel Aufmerksamkeit widme, zeigt er sich von seiner abwechslungsreichsten Seite.

Nur der Himmel, Geliebte, ist groß genug, um dein Zelt zu sein.

Dieses Zitat von Rudolf G. Binding aus der „Reitvorschrift für eine Geliebte“ hat immer schon eine tiefe Sehnsucht in mir geweckt.

Was, wenn die Menschen, statt wie gebannt auf ihre 50 Quadratzentimeter Smartphone-Display zu starren, öfter den Blick erheben und sich für die Weite über ihren Köpfen öffnen würden?

Kommentare

2 thoughts on “Tag #9: Commenda und der Himmel”

  1. Alfred Koch sagt:

    Die liebe zum detail, liebe Kirsten, ja, das ist es, was die renaissance ausmacht, wie punktgenau du das empfunden hast. Mir gehen die augen auf! Die renaissance ist wie ein künstler – sie will gefallen und gibt ihr bestes – das barock aber will dich auf die knie zwingen. Wer florenz liebt, der durchschaut den petersdom.
    Ja der blick in den himmel, in den zu schauen generationen der „hans-guck-in-die-luft“ des struwwelpeter verleidet hat! Dieser blick ist so befreiend – und ändert den blickwinkel auf alles.
    Was war übrigens in deinen trocken gewischten einkaufstüten?
    Und weil ich gerade beim fragen bin: Wie kann ich, der nichts tut, als aufrichtig herumirren, ein lehrmeister sein? Vielmehr lehrst du mich, dass man sich auch alleine aufmachen kann in die fremde oder zum ort seiner sehnsucht. Das macht mir mut, es dir gleichzutun. Auch wenn mir kein kutscher die einkaufstüten trocken wischen würde. 😉

    1. du willst es genau wissen, hm? ein kleid, ein paar sneakers, eine lederjacke, eine tasche, zwei schals, zwei bunte fahrradhupen (eine für mich, eine für nici), und ein bellender wecker, der mit dem schwanz wackelt (nicht für mich 😉 ).

      das sich-alleine-aufmachen ist für mich ein besonderer luxus, aber es ist nicht immer einfach. ich selbst beginne gerade, ein wenig meine flügel zu spreizen…

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