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Bei anderen sieht es ganz leicht aus. Erotik, Coolness und exakte Schritte, wer Tango tanzt, hofft womöglich auf ein schnelles Update der eigenen Leidenschaft. Ein bisschen muss man sich gedulden. Und einlassen auf die Logik der Mitte

Zuerst bilden wir auf der Tanzfläche einen Kreis. Zehn Paare sind zu dem Anfängerkurs gekommen. „Im Beruf oder in eurer Familie habt ihr vielleicht eine führende Rolle“, sagt unsere Lehrerin und blickt auf die Damen, „aber im Tango nicht.“ Der argentinische Tango verlangt eine klare Rollenverteilung. Es gibt Führende und Folgende. Ich gehöre zu jenen Männern ohne Tanzerfahrung, die dem Wunsch der Partnerin gefolgt sind und nun verlegen in die Runde schauen. Meine Tanzschuhe sind aus schwarz-weißem Nappaleder im sogenannten Budapester Stil. Später klärt mich ein erfahrener Tänzer auf. Ich trage die Schuhe der Meister. „Diese Schuhe kauft man sich nicht. Man bekommt sie verliehen!“

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Die gebürtigen Chilenen Ursula Flores und Nicolas Canales, Meister in lateinamerikanischen Tänzen, tanzen für die „Welt der Frau“ in der Tabakfabrik Linz.

IHR HABT ZU FOLGEN!
Allem Anfang wohne ein Zauber inne, behauptet Hermann Hesse. Wir Männer ahnen es: Der viel zitierte Spruch passt nicht zum Tango. Wohl deshalb werden die Damen vor zu hohen Erwartungen gewarnt: Draußen im Beruf mögen sie eine Praxis, eine Kanzlei oder ein Unternehmen führen, eine Redaktion leiten oder in der Familie den Ton angeben. „Im Tango habt ihr zu folgen!“, sagt unsere Lehrerin. Doch wer Tango mit Machismo verwechselt, hat sich getäuscht. Der Weg zum Einklang aus Führen und Folgen ist weit. Tangueros mit Führungskompetenzen sind rar, weshalb im Tango viele Frauen beide Rollen lernen.

ZEHN JAHRE LEHRZEIT
Wer Berührungsängste hat, ist für den Tango nicht geeignet. Hier zählt allein die Präsenz der Person. Seit vier Jahren übe ich mich in der Rolle des Führenden. Die Drehbuchautorin, mit der ich über das Projekt eines Filmes über Schutzengel spreche, formuliert es radikal, doch mit Humor: „Nach zehn Jahren Tanzerfahrung bist du für Frauen interessant!“ Wie das Spiel eines Instruments oder die Einübung einer Meditationstechnik verlangt der Tango einen langen Atem und vor allen Dingen jene Geduld, die als Tugend der Engel gilt. „Die Geduld erreicht alles“, sagt Theresa von Avila. Der Weg in die geheimnisvolle Welt des Tangos aber wird schnell zur Geduldsprobe. Der Tango gilt als erotischer Tanz. Die Geübten tanzen ihn in enger Haltung, Stirn oder Schläfen berühren sich, die Frau schließt ihre Augen, der Mann hält sie zärtlich im Arm. Ein Bild der Innigkeit und der Verschmelzung von Ich und Du. Ein Moment der Einheit und mystischen Versunkenheit. Ein Augenblick seliger Zeitenthobenheit, wo sich „Seele“ (alma) und „Herz“ (corazón) berühren.

ÜBEN BIS ZUM ÜBERDRUSS
Entsprechend hoch sind die Erwartungen und tief die Enttäuschungen. Deshalb erzählt der Tango von der einsamen Seele und dem gebrochenen Herzen. Bis zum Überdruss der Partnerin muss der Führende die klassischen Figuren des Tangos üben. Von der Berührung der Seele ist keine Rede mehr. Die Schultern verspannen sich, ein Fuß tritt auf den anderen. Statt zärtlicher Worte hört man in der Übungsstunde leise Flüche, offene Schuldzuweisungen und sieht finstere Mienen. Und plötzlich steht ein Partner allein auf der Tanzfläche.

TANGO IST KULT
Franz hatte über verschiedene Anzeigen eine Partnerin gesucht. Ohne Erfolg, denn die Anfängerin wünscht sich den erfahrenen Tänzer. Durch ihn wird das Zusammenspiel aus Führen und Folgen zu einer Erfahrung. Tangotänzer sind Schutzengel auf Zeit. In ihren Armen ruht die Seele wie die Perle in der Muschel und der Vogel in seinem Nest. Im Tango wird das Mysterium der Begegnung gefeiert. Das verleiht ihm eine besondere Aura. Tango ist Kult, Dienst an der Schönheit und Ausdruck der großen Herrlichkeit, die in letzter Tiefe im Schmerz des Lebens aufleuchtet wie das goldene Gewand des Prinzen unter dem zerrissenen Bärenfell im Märchen von Schneeweißchen und Rosenrot. Wie die Schönheit der Perle ist der Tango überwundener Schmerz. Der Tango feiert das Geheimnis der Passion, wie Homero Manzi, einer der großen Poeten des Tangos, bezeugt: „Zusammen mit dem Schmerz, / der deine Wunde öffnet, / kommt das Leben / und bringt neue Liebe.“ („Aus der Seele“ / „Desde el Alma“)

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„Tanzen gibt mir die Energie, die ich zum Leben brauche“, sagt Profitänzerin Ursula Flores.

VON DER FORM ZUR IMPROVISATION
Jedes Paar zelebriert den Tango auf eigene Weise. Anders als bei Tänzen mit fest gefügten Formen lebt der Tango aus der freien Improvisation. Die Figuren, die der Anfänger/die Anfängerin lernt, sind wie die Sprossen einer Leiter, über die man eine neue Ebene erreicht. Wer den Figuren verhaftet bleibt, wird das Geheimnis der Begegnung niemals erfahren. Der Tango beginnt, wo das Figurentanzen aufhört. Das dialogische Spiel aus Führen und Folgen verlangt ein waches Körperbewusstsein. Es lebt aus der Wahrnehmung des Partners/der Partnerin, aus Einfühlungnahme und zugleich aus dem Willen zur Verantwortung für den Ablauf der Bewegung. Tango ist Empathie und behutsame Steuerung. Der Führende weist den Weg, indem er Erfahrungsräume anbietet und aufnimmt, was ihm hier geschenkt wird. Nur so wird der Weg zu einem gemeinsamen Erlebnis. Im sogenannten Bühnentango zeigen TangolehrerInnen ihr Können. In diesen artistischen Aufführungen gerinnt das Abenteuer der Improvisation zum wiederholbaren Muster.

DIE MITTE FINDEN
Der Tango lebt aus dem Einfachen: Das stille Gehen, die innigen Drehungen und das Umkreisen der Mitte. Die Mitte ist ein spiritueller Schlüsselbegriff. Im Tango liegt sie zwischen den Tanzenden. Sie ist der unsichtbare Raum, in den Seele und Herz eintreten. Nur wer sich an der Mitte orientiert, bleibt auch beim Partner/bei der Partnerin. Im schöpferischen Zusammenspiel von Führen und Folgen entfaltet sich das Geheimnis der Mitte. Wie im Leben will das nicht immer gelingen. Auch der Weg der Geführten verlangt einen langen Atem. Er setzt Vertrauen voraus, verlangt Geduld und vor allem den Willen, sich führen zu lassen. Tango ist die Erfahrung eines der großen Grundmuster des Lebens: Einerseits gebunden durch unsere Natur, unsere Prägungen und Erfahrungen sind wir dennoch frei. Wir sind geprägte Form, die lebend sich entwickelt. Der Tango lebt aus der Achtsamkeit auf das, was mir im Leben entgegentritt, und der kreativen Freiheit, mit der ich es aufnehme und weiterspiele.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 11/2012 – von Uwe Wolff