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Vom unbändigen Vergnügen, für einige Stunden nicht man selbst zu sein.

Als Kind stellte ich mir oft vor, wie es wäre, eine Tarnkappe zu besitzen. Ich sah mich meine geheime Tarnkappe aufsetzen, unsichtbar werden und die kühnsten Dinge tun. Ich würde Gespräche belauschen, unbemerkt auf Fahrradgepäckträgern mitfahren, als unsichtbare Passagierin Flugzeuge besteigen, risikolos die gefährlichsten Orte betreten und im Dunkeln angstfrei durch die Gegend streunen. Es gab dabei einige ungeklärte Punkte, die ich immer wieder aufs Neue durchdachte, ohne wirklich auf einen grünen Zweig zu kommen: Würden andere durch mich hindurchgehen können oder mit einem für sie unsichtbaren Hindernis zusammenstoßen, wenn ich meine Tarnkappe trug? Würde ich auch mit Tarnkappe Hunger, Durst, Kälte oder Müdigkeit verspüren? Wäre ich zwar nicht zu sehen, aber doch als das Gewicht meines Körpers vorhanden? Anders gefragt: Wenn ich unsichtbar auf jemandes Fahrrad säße, müsste der sich dann für zwei abstrampeln? Und ganz zentral: Würden von mir als Tarnkappenträgerin berührte oder aufgehobene Gegenstände ebenfalls unsichtbar werden oder verräterisch durch die Luft schweben? Viele offene Fragen, aber der Idealfall sah für mich selbstverständlich so aus: Unsichtbar, schwerelos, von allen unangenehmen Körperempfindungen befreit, mit der Gabe der Unsichtbarmachung und damit Einverleibung aller von mir berührten Dinge ausgestattet und zusätzlich mit der Möglichkeit zu pfeilschnellem, umstandslosem Ortswechsel nach Art des Raumschiff-Enterprise-Beamens. In dieser Form eröffnete die Idee der Tarnkappe ein fantastisch weites Feld für meine Gedankenspiele!

Nicht dass ich mich seither ganz von meinem Tarnkappentraum verabschiedet hätte. Er taucht immer wieder auf, ich mag ihn sehr und hänge an ihm. Vielleicht ist er etwas abstrakter geworden. Aber trotzdem: So ein Tarnkäppchen wäre wunderbar! Einige Male bin ich seither sogar ganz nah daran gewesen, unsichtbar zu werden. Allerdings nicht unsichtbar durch Auflösung, sondern unsichtbar durch Verwandlung. Einmal, vor ein paar Jahren, war ich zu einem Faschingsfest mit Verkleidungszwang eingeladen. Die klassische Situation, zumindest bei mir: ein Fest, keine Lust, hinzugehen, vor allem auch wegen der Verkleiderei, endloses In-die-Länge-Ziehen der Frage, ob absagen oder doch hingehen. Meine Cousine, die da aus anderem Holz geschnitzt ist, fand, man könne ja in jedem Fall schon einmal zur Faschingsschminke greifen.

Wir waren schließlich auf diesem Fest, zu späterer Stunde und aufgekratzt wie zwei Dreizehnjährige auf einer wichtigen Party. Von der inneren Erregung konnte ich mir allerdings nichts anmerken lassen. Ich war nicht ich. Ich war ein Greis. Ich ging am Stock, von Alter und Schmerz gebeugt, und konnte nur mit Mühe mein Haupt heben. Ich trug keine Perücke und kein Kostüm außer einem zu einer Art gegürteter Toga umgemodelten Leintuch. Nur Schminke im Gesicht und die Mimik in einer entstellenden Grimasse erstarrt. Der Blick in den Spiegel erschreckte und entzückte mich. Ich war ein uralter Mann mit Furchen und Augenringen, mit hohlen Wangen und wächserner, weißer Haut, mit zahnlosem Mund und messerscharf hervorspringender, riesiger Hakennase. Kein Mensch erkannte mich, nicht einmal mein eigener Lebensgefährte. Ich war restlos begeistert.

Um dieses Vergnügens willen schlage ich in Abwandlung eines Zitats von Marcel Proust – „Überlassen wir die schönen Frauen den fantasielosen Männern“ – für diesen Februar Folgendes vor: Überlasst die schönen Verkleidungen den Fantasielosen!


Erschienen in „Welt der Frau“ 2/2013 – von Julia Kospach