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Themenschwerpunkt Flüchtlingshilfe: „Wir alle haben viel gelernt“
Mehr als 100.000 Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr in Österreich an. Neben dem Staat und NGOs packten auch Privatpersonen kräftig mit an. Was bleibt von der Hilfsbereitschaft? Wo ist Hilfe jetzt noch besonders nötig? Und wie kann Integration gelingen?

Zu weiten Teilen ist es eine große Bereicherung“, sagt Stefan Kaineder. „Manchmal ist es aber auch einfach nur anstrengend“, gibt er zu. Im Sommer 2015 nahmen Stefan und Julia Kaineder eine afghanische Flüchtlingsfamilie bei sich auf. Sie stellten Sedire und Hadi Jarzade mit ihrem Baby dafür die zwei Kinderzimmer zur Verfügung, welche die Kaineders noch nicht brauchen, da ihre drei Kinder noch in einem Zimmer schlafen. In ein Zimmer bauten sie eine kleine Küche ein. („Welt der Frau“ 12/15 berichtete.)
Am Anfang verbrachten die zwei Familien viel Zeit miteinander und aßen fast täglich zusammen. „Mittlerweile organisieren sich Hadi und Sedire ihren Alltag selber. Beide sprechen schon gut Deutsch, und seit Juni hat Hadi eine Lehrstelle als Tischler“, freut sich Stefan Kaineder, der bei der Vermittlung half.
Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass die Flüchtlingsfamilie ein Jahr bei ihnen wohnen werde. Jetzt sind es schon bald eineinhalb Jahre, und ein positiver Asylbescheid ist noch immer nicht in Aussicht. „Asylverfahren dauern hier viel zu lange. Für alle Beteiligten ist das eine Zumutung“, sagt Kaineder.

So wie Stefan Kaineder haben im vergangenen Jahr Zehntausende freiwillige HelferInnen in ganz Österreich gezeigt, dass ihnen das Schicksal anderer nicht egal ist. Sie haben die Menschen, die aus ihren Heimatländern geflohen sind, mit Essen, Decken und Kleidung versorgt. Sie haben ihre Wohnungen geöffnet, den geflüchteten Menschen Quartier gegeben, beim Deutschlernen geholfen und die Menschen ein Stück weit an ihrem Leben teilhaben lassen. Der oberösterreichische Integrationslandesrat Rudi Anschober ist sich sicher: „Ohne Engagement der Zivilgesellschaft hätten wir die Herausforderungen nicht bewältigt.“

Inmitten einer gewaltigen Solidaritätswelle tauchten dann aber auch andere Schlagzeilen in den Medien auf: Vergewaltigungen durch Asylwerber, die „Vorfälle von Köln“, Attentate in Brüssel, Frankreich und Deutschland: Ist die Stimmung gekippt? Folgt nach der großen Euphorie die große Ernüchterung?
Gerry Foitik, Bundesrettungskommandant beim Roten Kreuz, beobachtet eine zunehmende Polarisierung: „Es gibt viele, die sehr motiviert sind und einen persönlichen Beitrag leisten wollen, und dann gibt es jene, die Europa abschotten wollen.“ Auch wenn die vielen Freiwilligen nicht mehr so sichtbar und medial nicht mehr so präsent seien, habe „die Zivilgesellschaft in ihrer Kraft nicht nachgelassen“. Nach der Akuthilfe gehe es jetzt vor allem um die Integration der neu angekommenen Menschen.
Aber wie kann Integration gelingen? Wir haben mit Freiwilligen und ExpertInnen darüber gesprochen.

Welche Ideen zu zivilgesellschaftlicher Hilfe sind im Umlauf?
Die Plattform „Ideegration“ (von Accenture Österreich, Ashoka Österreich und Rotem Kreuz) bietet einen guten Überblick über Integrationslösungen. Bisher seien 104 Projekte eingereicht worden, sagt Georg Schön, Geschäftsführer von Ashoka Österreich. So zum Beispiel die Online-Arbeitsvermittlungsplattform „refugeeswork“ (www.refugeeswork.at), sie vermittelt zum einen AsylwerberInnen für bis zu dreimonatige unbezahlte Volontariate und zum anderen anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte – sie verfügen über einen uneingeschränkten Arbeitsmarktzugang – für Praktika, Lehrstellen und normale Jobs. Bisher konnten über die Plattform 25 Jobs sowie eine Lehrstelle vergeben werden, so Lara Kriwan von „refugeeswork“. 275 ArbeitgeberInnen und 4.000 geflüchtete Menschen seien bereits registriert… weiterlesen in der Printausgabe.

Schneidern in St. Pölten

„Unser Ziel heißt Selbstverantwortlichkeit“

Als im Herbst 2015 Tausende Flüchtlinge aus dem Nahen Osten nach Österreich strömten, gründete Jimmy F. Nagy (40) mit 15 KollegInnen die „Übungsschneiderei Kattun­fabrik“ in der St. Pöltner Kattunfabrik. „30 Prozent der Flüchtlinge waren in ihren alten Heimatländern als NäherInnen tätig. 12.000 von ihnen sind nun in Österreich und möchten arbeiten. Dieses Potenzial muss man nutzen“, so Nagy. Die Werkstatt finanziert sich ausschließlich über Spenden und kleine Mitgliedsbeiträge. Außerordentlichen SpenderInnen, die den Selbsthilfeverein jährlich mit 120,00 Euro unterstützen können, wird auf Wunsch auch ein Kleidungsstück ihrer Wahl geschneidert, das sie dann gegen einen Unkostenpreis erwerben können. Die abgegebenen hochwertigen Stoffe stammen zumeist von HobbyschneiderInnen. Nagys Kollegin Hannelore Mikes, die „gute Seele der Werkstatt“, sammelt sie ein und begleitet die übenden AsylwerberInnen bei Bedarf auch bei Behördenwegen.

Konkret sieht die Arbeit in der Übungswerkstatt für SchneiderInnen so aus: Zum einen können die Zuwandernden ihre Kleider, die auf der Flucht kaputt gegangen sind, reparieren. Zum anderen können sie in Lernprogrammen hiesige Nähstile lernen, ihre Fachkenntnisse erweitern und so ihre Jobchancen verbessern. Denn wenn WIFI oder AMS ihr Fachwissen prüfen, muss dieses den österreichischen Qualitätsstandards entsprechen, also dem Know-how eines Lehrlings im dritten Ausbildungsjahr. Der 26-jährige Abdul Nabizada, der mit Frau und Kind hier ist, hat gerade seinen Kompetenzcheck bestanden, der 32-jährige Jawad Qorbani arbeitet in der Näherei eines Wiener Möbelhauses.
Die Übungswerkstatt ist aber nicht nur ein „multinationaler Fleck“, sondern auch ein „Zusammenschluss von Menschen am unteren Ende der Gesellschaft“, sagt Nagy. Denn neben beschäftigungslosen Syrern, Afghanen, Irakern, Iranern, Chinesen, Pakistani und Bengalen nähen hier gruppenweise auch arbeitslose SchneiderInnen aus Österreich, Deutschland und Tschechien.
www.kattunfabrik.at

Kleidung reparieren und neu schneidern – in der „Übungsschneiderei Kattun­fabrik“ erweitern Flüchtlinge ihr Wissen.

Kleidung reparieren und neu schneidern – in der „Übungsschneiderei Kattun­fabrik“ erweitern Flüchtlinge ihr Wissen. © Reiner Riedler

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© Julian Pöschl

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© Julian Pöschl

Gemischter Chor in Rohrbach

Singen für den Frieden

Der Chor „Pax Nobis“ und seine Gründerin Margareta Köchler (oberste Reihe links). „Wir alle haben viel in Sachen Toleranz gelernt.“ © Siegfried Stöbich

Der Chor „Pax Nobis“ und seine Gründerin Margareta Köchler (oberste Reihe links). „Wir alle haben viel in Sachen Toleranz gelernt.“ © Siegfried Stöbich

Gemeinsame Freizeit in Wien

„Bei uns ergeben sich Begegnungen auf Augenhöhe“

Kartenspielen, Ausflüge, Kochen, Deutsch lernen: Gemeinsame Aktivitäten fördern die Beziehungen zwischen Ein­heimischen und Zuwandernden. © Elisabeth Mandl

Kartenspielen, Ausflüge, Kochen, Deutsch lernen: Gemeinsame Aktivitäten fördern die Beziehungen zwischen Ein­heimischen und Zuwandernden. © Elisabeth Mandl

Patenschaften in Engerwitzdorf

„Wir sind Freunde geworden“

Familie Zeinhofer mit ihren Freunden Ayaz, Aziz und Ghorzang. „Wir lernen sehr viel voneinander.“

Familie Zeinhofer mit ihren Freunden Ayaz, Aziz und Ghorzang. „Wir lernen sehr viel voneinander.“ © Karl Artmann

Deutsch lernen in Wien

Toleranz auf dem Fußballfeld

Beim SC Wiener Viktoria kicken 450 Kinder aus 40 verschiedenen Nationen. Während sich die Kinder auf dem Fußballplatz austoben, taten die Mütter bisher vor allem eines: warten. Damit die Frauen die Wartezeit sinnvoller nutzen können, entstand die Idee, in dieser Zeit einen Deutschkurs anzubieten – ganz unbürokratisch, ohne Anmeldung und kostenlos.

Beim SC Wiener Viktoria kicken 450 Kinder aus 40 verschiedenen Nationen. Während sich die Kinder auf dem Fußballplatz austoben, taten die Mütter bisher vor allem eines: warten. Damit die Frauen die Wartezeit sinnvoller nutzen können, entstand die Idee, in dieser Zeit einen Deutschkurs anzubieten – ganz unbürokratisch, ohne Anmeldung und kostenlos. © SC Wiener Viktoria

Glossar

  • Asylsuchende (AsylwerberInnen) sind Personen, die in einem fremden Land um Asyl – also um Aufnahme und Schutz vor Verfolgung – ersuchen und deren Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist. Sie erhalten für die Dauer ihres Asylverfahrens eine Aufenthaltsberechtigung.
  • Im Asylverfahren wird entschieden, ob jemand, der in Österreich einen Asylantrag gestellt hat, Asyl bekommt und damit als anerkannter Flüchtling in Österreich bleiben darf.
  • Flüchtlinge sind nach der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) Menschen, die sich außerhalb ihres Heimatlandes befinden und die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung eine wohlbegründete Furcht vor Verfolgung haben.
  • Migranten/Migrantinnen sind Personen, die ihre Heimat freiwillig verlassen, um ihre persönlichen Lebensbedingungen zu verbessern. Im Gegensatz zu Flüchtlingen werden MigrantInnen nicht verfolgt und können wieder in ihr Heimatland zurückkehren.
  • Subsidiärer Schutz wird Menschen gewährt, die aus ihrem Heimatland geflüchtet sind, jedoch nicht die Voraussetzungen der GFK erfüllen, deren Leben oder Sicherheit aber zum Beispiel durch Krieg, Unruhen oder Folter in ihrem Heimatland gefährdet ist.
  • Als unbegleitete minder jährige Flüchtlinge (UMF) werden Kinder und Jugendliche (unter 18 Jahren) bezeichnet, die ohne Eltern oder andere obsorgeberechtigte Erwachsene nach Österreich flüchten mussten.

Mehr zum Thema finden Sie in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/16 – von Julia Langeneder