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Wieso man so gerne Wesen streichelt, die ganz und gar nicht zum Streicheln gedacht sind.

Mein Bruder fand, ich sei völlig degeneriert und hätte jeden natürlichen Respekt vor wilden Tieren verloren. Mein Freund fand, ich sei viel zu unvorsichtig und würde blindlings jedem Unsinn vertrauen, den fremde Menschen mir erzählten. Raubtiere blieben auch dann Raubtiere, wenn sie seit Jahren in einem Freigehege lebten und irgendwer behauptete, man könne sie streicheln und dafür ein ordentliches Sümmchen einfordern. Ich fand: Mein Geld sei bestens angelegt und die beiden einfach nur eifersüchtig. Es nagte an ihnen, dass sie selbst die Hosen gestrichen voll hatten. Die Angst war’s, nicht die Vernunft, die sie selbst davon abhielt, die Geparden zu streicheln. Ich hingegen dachte: Hier sagt mir jemand, dass ich zu den Geparden rein gehen kann. Dieser Jemand bietet die Raubkatzen-Streichlerei geschäftsmäßig an. Die Geparden machen einen gelassenen Eindruck. Sie haben vor Kurzem gegessen. Und: Sie sind Geparden. Einfach nur Geparden auf einer südafrikanischen Farm. Nichts spricht dagegen, sie zu streicheln.

Ich weiß nicht, wie es anderen Leuten geht. Aber auf meiner persönlichen Gefährlichkeitsskala rangieren Geparden weit unter Tigern, Löwen, Leoparden oder Pumas. Das hat wahrscheinlich mit ihrer schlanken Silhouette zu tun. Tierische Rekordhalter in Sachen Geschwindigkeit, das wohl, aber nicht besonders beunruhigend. Nichts, was einem heilige Ehrfurcht einflößen würde, weil man sich bei ihrem bloßen Anblick schon zerfleischt sieht.

Ich kenne alle Argumente, die dagegen sprechen, aber ich liebe es trotzdem, Wildtiere anzugreifen. Die uralte Illusion, ein wildes Tier und ich könnten Freunde sein, lodert in mir besonders heftig. Wer wissen will, wie weit man auf diesem Irrweg wandeln kann, braucht sich nur einmal „Grizzly Man“ von Regisseur Werner Herzog anzusehen: ein fesselnder, haarsträubender Dokumentarfilm über einen radikalen US-amerikanischen Grizzly-Schützer, der sich über Jahre jeden Sommer für zwei, drei Monate in der Wildnis von Kodiak -Island aussetzen ließ, um die dort lebenden Grizzlys zu beobachten, zu schützen und zu filmen. Er filmte auch sich selbst. Seine Aufnahmen dokumentieren ein ungeheures Gespür für die Schönheiten der Natur, und sie dokumentieren seine wachsende Verrücktheit, seine Anverwandlung an die Bären, seine Sehnsucht, ein Bär zu sein. Er ist besessen von der Gefährlichkeit seiner Mission und wird dabei gleichzeitig immer unvorsichtiger und distanzloser. 2003 wurde er von einem seiner Schützlinge getötet und gefressen.

Davon wusste ich nichts, als ich das weitläufige Gehege der Geparden betrat. Als zwei von ihnen langsam auf mich zutrotteten und mir klar wurde, wie groß sie tatsächlich waren, klopfte mein Herz wild und laut. Der eine blieb beiläufig an meiner Seite stehen, der andere stellte sich quer zu mir und ließ sich ganz langsam auf meine Füße nieder. Da stand ich, wie die Geparden-flankierte Pharaonin in „Asterix und Kleopatra“, versteinert und glücklich, beugte mich schließlich langsam nach vorne und strich vorsichtig über das staubige, borstige Fell des Geparden. Er wälzte sich auf den Rücken, immer noch auf meinen Füßen liegend. Heiß und prickelnd fuhr mir ein Adrenalinstoß durch den Körper. Ich streichelte ihn noch einmal, und hielt den Atem dabei an. Das „I-Touched-a-Cheetah“-Zertifikat, das ich anschließend ausgehändigt bekam, verwahre ich immer noch.


Erschienen in „Welt der Frau“ 3/2013 – von Julia Kospach