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April 2012
Tipps unserer ExpertInnen zu Partnerschaft, Erziehung und Beruf

Ist Geschwisterrivalität normal?

  Ich kann es meinem „Großen“ kaum recht machen. Als sein Vater bemühe ich mich, meine drei Kinder gleich zu behandeln, aber der „Große“ meckert ständig. Wie er als Ältester seine jüngere Schwester behandelt, ist unmöglich. Woher kommt nur dieses Verhalten?

Jan-Uwe Rogge: Wer alle Kinder gleich behandeln will, wird keinem Kind mit dessen einzigartiger Persönlichkeit gerecht. Und man wird auch sich selber – als Mutter und Vater – nicht gerecht: Versagens- und Ohnmachtsgefühle entstehen, der Glaube, man wäre unfähig, zu erziehen.

Geschwister, so hat es Kurt Tucholsky so treffend beschrieben, sind wie Indianer – entweder sie rauchen die Friedenspfeife oder sie befinden sich auf dem Kriegspfad.
Jedes älteste Kind ist lange Zeit ein Einzelkind, es steht im Zentrum, hat ungehinderten Zugang zu den Eltern. Die Geburt eines zweiten Kindes bringt vertraute Strukturen durcheinander.
Das älteste Kind braucht – wie die anderen Geschwisterkinder auch – Begleitung, damit es sich in seiner Rolle annehmen kann: „Älteste Kinder“ sind nicht die „großen Kinder“. Das zu missachten führt nicht selten dazu, sie zu überfordern, sie wie „kleine Erwachsene“ zu behandeln. Älteste Kinder freuen sich, sind stolz, mehr zu können als die „Kleinen“, aber die Übertragung von Aufgaben muss alters- und entwicklungsangemessen gestaltet sein.
Die „Ältesten“ wollen Privilegien, aber auch Pflichten, nur müssen beide in einer Balance stehen, es müssen Soll und Haben ausgeglichen sein.
„Älteste Kinder“ brauchen ganz eigene Rituale, die nur ihnen und den Eltern gehören. Solche Rituale geben Halt und Geborgenheit, die manche Verunsicherungen im Alltag aushaltbar machen.

 

Jan-Uwe Rogge ist Erziehungsberater und Autor zahlreicher Bücher.

 

Ich komme kaum zu meiner Arbeit.

Ständig will Elke, meine neue Kollegin, etwas wissen. Damit es schneller geht, nehme ich ihr vieles aus der Hand und erledige es selbst. Lange halte ich das nicht mehr aus! Meine Beschwerden gegenüber dem Chef haben leider nichts gebracht.

Ingeborg Rauchberger: ??Wenn Sie dafür zuständig sind, die neue Kollegin einschulen, dann hilft alles nichts: Sie haben diese Aufgabe zu erfüllen, und zwar bestmöglich. Das sind Sie Ihrem Arbeitgeber schuldig. Hat Elke nicht genug Unterstützung, werden ihr Fehler unterlaufen, die die Firma teuer zu stehen kommen.

Reservieren Sie am besten anfangs eine gewisse Zeit für die Kollegin in Ihrem Terminkalender – dann bringen Sie ihre Fragen nicht mehr ständig aus dem Konzept. Der Frau etwas aus der Hand zu nehmen, mag Ihnen zwar kurzfristig Zeit ersparen, langfristig gesehen, schaden Sie sich damit nur selbst. Wenn Sie etwas an ihrer Stelle erledigen, wird es Elke nie lernen. Seien Sie bitte nicht ungeduldig, wenn sie Sie das Gleiche zweimal fragt. Antworten Sie beim dritten Mal am besten mit einer Gegenfrage: „Wie würden Sie es denn machen?“ Auf den Einwand: „Das weiß ich doch nicht!“ bringt ein „Und wenn Sie raten?“ erstaunlich oft richtige Ergebnisse. Alles, was Sie dazu beitragen, die Kenntnisse, die Sicherheit und das Selbstbewusstsein der Kollegin zu heben, nützt nicht nur ihr und Ihrem gemeinsamen Arbeitgeber, sondern langfristig auch Ihnen. Und das ist die beste Basis für eine gute Zusammenarbeit.

 

Ingeborg Rauchberger arbeitet als Trainerin und Coach, Vortragende und Buchautorin.

 

Ich will keine „Unverbindlichkeit“

Mein Partner und ich kennen uns fünf Jahre. Seine Kinder leben bei der Mutter, mein Sohn (19) geht seiner Wege. Wir leben aus beruflichen Gründen an zwei Orten, alles ist getrennt, auch die Finanzen. Und wir treffen uns an den Wochenenden. Trotz der spürbaren Liebe beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Ich vermisse innige Nähe, ein Wirgefühl. Wie kann dies entstehen?

Friederike von Tiedemann: Paarbeziehungen durchlaufen verschiedene Phasen. Wenn ein Paar zusammenkommt, schauen die Partner zunächst verliebt auf den jeweils anderen, sind voneinander fasziniert und „sich genug“. Nach einiger Zeit wird eine innewohnende Tendenz spürbar, gemeinsam auf „etwas Drittes“ zu schauen. Da bietet sich natürlich oft ein Kind an, aber auch ein gemeinsames Projekt wie Hausbau oder ein bestimmtes soziales Engagement. Wenn ein Paar die Kinderphase hinter sich hat oder wie hier erst nach abgeschlossener Kinderphase zusammenkommt, ist es bald herausgefordert, sich etwas Neues, ein „gemeinsames Drittes“ zu schaffen, etwas, wo seine Lebenskraft hineinfließt und von wo auch wieder etwas auf das Paar zurückstrahlt.

Ein Hilfsprojekt im In- oder Ausland etwa, wo man dann zum Beispiel auch gemeinsam hinreist, gemeinsam Anteil an den Entwicklungen nimmt und sich gemeinsam daran freut – oder man entwickelt einfach ein gemeinsames Interesse für ein Thema, das beide „in den Bann zieht“. So etwas liegt außerhalb der Wellnesszone. Es ist eine Art von „Begegnungsglück“, das hier erfahrbar wird und eine innere Verbindung schafft. Im „Wohlfühlglück“ und vielfältig variierten „Wohlfühlaktionen“ wird dies nicht entstehen.
Machen Sie sich also mit Ihrem Mann auf die Suche nach einem gemeinsamen „Dritten“, bei dem Sie beide etwas geben und etwas zurückbekommen!

 

Friederike von Tiedemann arbeitet als Paartherapeutin und Supervisorin.

 

 

“Sie haben eine Frage, die Ihnen schon lange unter den Nägeln brennt?“

Dann schreiben Sie uns! fragen@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 4/2012 – von Jan-Uwe Rogge, Ingeborg Rauchberger, Friederike von Tiedemann