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Dezember 2012
Tipps unserer ExpertInnen zu Partnerschaft, Erziehung und Beruf

Wie viel Anregungen braucht ein Kind?

 Ich habe immer Schwierigkeiten damit, zu erkennen, ob ich mein Kind überfordere, wenn ich von ihm etwas verlange. Ich bemühe mich schon, ihm etwas zu bieten, damit es sich gefordert fühlt. Deshalb lautet meine grundsätzliche Frage: „Wie viel Anregungen braucht ein Kind?“

Jan-Uwe Rogge: Kinder möchten etwas zeigen – sich selber und den anderen. Sie möchten gefordert und herausgefordert werden. Jedes Kind ist dabei einzigartig: Das eine braucht mehr Begleitung, das andere weniger. Es ist wie bei einem Gärtner, der weiß, wie viel Sonne und Feuchtigkeit die einzelnen Pflanzen brauchen: Was für die eine Blume an Sonnenstrahlen gerade richtig ist, das würde für eine andere zu viel bedeuten. Und während die eine nach Flüssigkeit geradezu dürstet, würde eine andere an dieser Menge richtiggehend ersaufen.
Kinder brauchen Anregungen – so wie die Pflanzen Sonne und Wasser, jedes Kind braucht Motivation, um sich selbst gesteckte Ziele einzulösen. Doch ist eben Motivation nicht gleich Motivation, genauso wenig wie Erziehung mit „ziehen“ zu tun hat. Der Gärtner schaut dem Gras beim Wachsen zu, zieht aber nicht am Halm, weil er weiß, er würde es wurzellos machen. Ähnliches gilt für die Erwachsenen, die Kinder begleiten. Sie wollen nicht er- und gezogen werden, sie möchten sich in ihrer Persönlichkeit angenommen und verstanden wissen. Kinder möchten gefordert, herausgefordert sein, sie wollen mit Forderungen und Herausforderungen konfrontiert werden, die sie nicht überfordern. Kinder möchten lernen, doch soll sich dieser Lernprozess an ihren Möglichkeiten orientieren. Sie wollen nicht zum Erfolg getragen und getrieben werden, sie möchten sich diesen Weg selber erobern und ihn dann auch selber gehen.

 

Jan-Uwe Rogge ist Erziehungsberater und Autor zahlreicher Bücher.

 

Ein Kunde macht mir das Leben schwer

Herr Meyer ist einer unserer Stammkunden. Beim letzten Besuch verscheuchte er mich von meinem Schreibtischstuhl und nahm selbst Platz. Leider habe ich keinen Besucherstuhl im Büro. Ich musste stehend seine Bestellung eingeben, und als ich mich vertippte, sagte er: „Als Gott das Gehirn erschuf, haben Sie wohl geschlafen!“ Darf ich ihn hinauswerfen?

Ingeborg Rauchberger: Sie kennen die Antwort sicher selbst: Nein, das dürfen Sie nicht. Stammkunden wie Herr Meyer sichern den Umsatz des Geschäfts und damit auch Ihren Arbeitsplatz. Allerdings brauchen Sie sich nicht von Ihrem Schreibtisch vertreiben zu lassen. Stellen Sie einen Besucherstuhl bereit, den Sie ihm höflich und bestimmt anbieten. Sie müssen sich auch nicht alles gefallen lassen. Reagieren Sie kurz und bündig und wenden Sie sich sofort dem eigentlichen Grund seines Besuches zu. Also zum Beispiel: „Herr Meyer, das ist aber nicht nett! Und nun zurück zu Ihrer Bestellung. Möchten Sie diesmal zwanzig rote oder zwanzig blaue ??“ Natürlich ist mir im Laufe meines beruflichen Lebens auch schon eine Reihe unangenehmer, unguter, unfreundlicher Menschen begegnet. Dabei habe ich festgestellt, dass diese meist nicht nur zu mir so unangenehm waren, sondern auch zu anderen und sogar zu sich selbst. Seither denke ich: „Ich habe den Mann nur eine halbe Stunde in meinem Büro – er hat sich sein ganzes Leben!“ Glauben Sie mir, das trägt viel zu meiner Gelassenheit bei.

 

Ingeborg Rauchberger arbeitet als Trainerin und Coach, Vortragende und Buchautorin.

 

Mein Mann kritisiert zu viel!

In den vergangenen Ferien hatten mein Mann und ich viel mehr Konflikte als sonst. Der Grund? Er nörgelte ständig an den Kindern (8 und 10 Jahre) herum. Ich versuchte auszugleichen, was mich sehr anstrengte und er mir auch zum Vorwurf machte. Die gleichen Probleme haben wir, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt. Er beklagt sich über die unaufgeräumte Wohnung und andere Dinge. Was kann ich tun, damit ein freundlicherer Ton unter uns entsteht?

Friederike von Tiedemann: Wenn ein Paar in zwei verschiedenen Welten lebt, der Arbeits- und der Familienwelt, dann existieren auch unterschiedliche Vorstellungen darüber, was gut für die eigenen Kinder ist. Sie verbringen mehr Zeit mit Ihren Kindern und kennen sie besser. Ihr Mann hat die „schlechteren Karten“, und zugleich vermute ich bei ihm die Sehnsucht, an der Erziehung seiner Kinder mitwirken zu können, sich einzubringen und eine Position in der Familienwelt zu haben. Er wählt eine Strategie, mit der er sich allerdings noch mehr an den Rand spielt. Sicher hätte er Sie gerne an seiner Seite, um seine Ideen durchzusetzen. Wie wäre es mit einem Gespräch, in dem Sie ihm ruhig Ihren Wunsch nach mehr Freundlichkeit im Umgang mitteilen. Wenn er erzählen kann, wie er sich nach einem Arbeitstag fühlt und was er braucht, um gut in Ihrer so anderen Welt zu landen, dann wäre das eine Alternative. Eine kleine Begrüßungsgewohnheit könnte sein, dass Sie Ihre Arbeit unterbrechen und sich zunächst mit einer Tasse Tee zusammensetzen, um Ihrem Mann eine Brücke in die vom Tagesgeschehen wieder veränderte Familienwelt zu bauen. Sie haben wie er einige Klippen gemeistert oder Enttäuschungen erlebt. Er erhält Informationen – und das schafft Sicherheit und Orientierung. Über Nörgelei und Kritik seinen Platz in der Familie zu erobern, ist dann nicht mehr nötig. Dieser verständnisvolle Umgang mit Unterschieden wird neben Kompromissbildungen sicherlich zu einer anderen Stimmung in der Paarbeziehung und im Familienkreis beitragen.

 

Friederike von Tiedemann arbeitet als Paartherapeutin und Supervisorin.

 

 

“Sie haben eine Frage, die Ihnen schon lange unter den Nägeln brennt?“

Dann schreiben Sie uns! fragen@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 12/2012 – von Jan-Uwe Rogge, Ingeborg Rauchberger, Friederike von Tiedemann