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Februar 2013
Tipps unserer ExpertInnen zu Partnerschaft, Erziehung und Beruf

Haben es Kinder heute schwerer?

 Der Erziehungsstil in meiner Kindheit war wesentlich autoritärer als heute. Ob er mir geschadet hat? Ich glaube nicht. Wenn ich aber so die Kinder von heute beobachte, dann stellt sich für mich die Frage: Haben sie es leichter oder schwerer? Ich bin da wirklich hin- und hergerissen!

Jan-Uwe Rogge: Kinder haben es leicht und schwer zugleich. Einerseits bekommen sie viel Zuwendung und Begleitung. Man liest ihnen viele Wünsche von den Lippen ab, will sie erfüllen, man versucht, Kindern Frustrationen zu ersparen. Und hier fängt schon ein Problem an. Man setzt emotionale und materielle Frustrationen gleich. Materielle Frustrationen, der Wunsch nach mehr (Spielzeug, längere Ausgehzeiten, Markenklamotten …) ist verständlich, muss aber nicht erfüllt werden. Die Heranwachsenden werden dann nicht begeistert und einverstanden sein ob der Grenze, die sie erfahren. Aber solche Frustrationen können sie aushalten.
Bei emotionalen Frustrationen ist das anders. Wenn ein Kind fühlt, dass es nicht so angenommen ist, wie es eben mit seinen höchst unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen ist, wenn es Gefühle wie Angst oder Aggression nicht zeigen darf, weil solche Emotionen nicht gewünscht werden, dann macht sich Verunsicherung breit, fühlt sich das Kind von seiner Umgebung, seinen Bezugspersonen alleingelassen.
Kinder wollen ins Leben begleitet werden. Schritt für Schritt und nicht durchgeschoben, nicht getrieben. Erziehung ist eben nicht Vorbereitung auf das Leben, Erziehung ist das Leben – in jedem Augenblick! Unterhält man sich mit Kindern und fragt sie nach ihren Wünschen, dann kommen spontan zwei Sätze: „Beobachtet mich nicht immer!“ Und dann: „Vergleicht mich nicht!“

 

Jan-Uwe Rogge ist Erziehungsberater und Autor zahlreicher Bücher.

 

Meine Kollegin ist eine Mimose

Seit einem Jahr teile ich mein Büro mit Tanja, mit der ich mich eigentlich recht gut verstehe. Allerdings halte ich jetzt im Winter ihr mimosenhaftes Getue nicht aus. Nie darf ich lüften, sie fürchtet sich vor Zugluft und behauptet, davon Kopfschmerzen zu bekommen. Ich brauche viel frische Luft, und mich macht es fertig, jeden Tag wieder zu verhandeln, wie viele Minuten das Fenster offen bleiben darf. Wie kann ich mich durchsetzen?

Ingeborg Rauchberger: Wer sagt Ihnen, dass Tanja nicht wirklich Kopfschmerzen bekommt? Darauf gilt es sicher Rücksicht zu nehmen. Andererseits verstehe ich auch sehr gut, dass es Sie nervt, jeden Tag aufs Neue um Minuten zu feilschen. Warum hören Sie also nicht auf damit und überlegen sich neue Wege, um beide Interessen, Ihre und Tanjas, unter einen Hut zu bringen? Ohne Schuldzuweisungen und die Kollegin klein zu machen. Ihre Interessen sind: Sie wollen viel frische Luft – Tanja will den Zug vermeiden. Da fallen Ihnen doch sicher mehrere Lösungsmöglichkeiten ein! Sie können das Fenster immer dann öffnen, wenn Tanja das Zimmer verlässt. Oder Tanja könnte ihren Kopf mit einem Schal schützen. Vielleicht öffnen Sie die Zimmertüre und bekommen Frischluft über den Gang. Wie wär’s, wenn Sie in den Pausen rund ums Haus gingen? So bekommen Sie Frischluft und Bewegung. Beides bringt frischen Wind in Ihren Alltag. Sie sehen: Wenn man die Interessen in den Vordergrund stellt, findet man viel mehr und bessere Lösungen, als wenn man danach strebt, sich durchzusetzen.

 

Ingeborg Rauchberger arbeitet als Trainerin und Coach, Vortragende und Buchautorin.

 

Mit Eifersucht belasten wir unsere Beziehung

Mein Mann und ich haben uns über eine Annonce kennengelernt. Beide sind wir verwitwet und haben erwachsene Kinder, die in der Nähe wohnen. Wir sind froh, einander zu haben, geraten aber in Konflikt, sobald es um seine oder meine Kinder geht. Mein Mann lässt für sie alles liegen und stehen, sobald sie sich melden, und ich spiele dann keine Rolle mehr. Das ärgert mich zunehmend.

Friederike von Tiedemann: Ein Paar in der Patchworkfamilie wie in ihrem Fall ist besonderen Belastungen ausgesetzt. Zum einen hat jeder von Ihnen eine gelebte Geschichte hinter sich, die Ihr Partner kennen und achten muss, und zum anderen gibt es Personen, die vorher da waren und wichtig sind. Zudem ist in Ihrem Fall jeweils ein Elternteil der Kinder früh verstorben, sodass Sie sich beide vermutlich besonders verantwortlich für Ihre Kinder fühlen – auch heute noch. Und schließlich fehlt Ihnen möglicherweise so etwas wie das gemeinsame „Dritte“. Etwas, was Sie existenziell miteinander verbindet. Kinder zum Beispiel oder eine gemeinsam durchlittene kritische Lebensphase, ein gemeinsam geschaffenes Projekt oder ein langjährig gewachsenes soziales Netz, welches sie beide umgibt. Da muss erst etwas Gemeinsames wachsen, und die Bindungen an die Kinder sind naturgemäß stärker als die an den anderen Partner. Das verlangt Geduld und Toleranz und die Bereitschaft, den anderen physisch und zeitlich mit den Kindern zu teilen. Das bedeutet für Sie beide Verzicht. Wenn Sie jedoch darauf schauen, was gut an Ihrer Verbindung ist, und sich daran freuen können, nicht alleine zu sein, Ihren Alltag zu teilen und all das, was Sie noch als angenehm erleben, dann ist dieser Verzicht lebbar. Schauen Sie auf das, was ist, und nicht auf das, was nicht sein kann. Sprechen Sie Zeiten ab, die für Treffen mit den Kindern und für Sie als Paar reserviert ist. Unternehmen Sie auch etwas alleine, wenn Ihr Mann absorbiert ist. Das macht Sie unabhängiger und zufriedener.

 

Friederike von Tiedemann arbeitet als Paartherapeutin und Supervisorin.

 

 

“Sie haben eine Frage, die Ihnen schon lange unter den Nägeln brennt?“

Dann schreiben Sie uns! fragen@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 2/2013 – von Jan-Uwe Rogge, Ingeborg Rauchberger, Friederike von Tiedemann