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Juli/August 2013
Tipps unserer ExpertInnen zu Beruf, Partnerschaft, und Erziehung.

„Soll ich das Streiten verhindern?“

 „Die streiten sich ununterbrochen!“ Oder: „Jedes Spiel artet aus in eine wüste Handgreiflichkeit!“ Manchmal denke ich: „Kinder und Jugendliche werden immer schlimmer!“ – „Die könnten doch mal schön streiten! Geht das nicht?“

Streiten steht nicht im Widerspruch zu Harmonie, sondern Streiten ist ein Teil davon. Streiten bedeutet auch nicht das Gegenteil von Achtsamkeit und Mitmenschlichkeit. Sich im Streit zu respektieren, die Würde des anderen anzuerkennen, darum geht es!

Um es etwas anders und eher provokant zu formulieren: Kinder, die sich nicht streiten, die sich nicht auseinandersetzen, ziehen sich schnell zurück, haben keinen Standpunkt und reagieren in Konfliktsituationen nachgiebig, verlassen sich auf andere – meist auf erwachsene StreitschlichterInnen. Ein häufig formulierter Wunsch lautet: „Kann man einen Streit der Kinder verhindern?“ Oder noch grundsätzlicher: „Wie kann man einem Streit vorbeugen?“ Beide Fragen führen in eine Sackgasse. Wichtiger ist eine Grundhaltung der Erwachsenen: Streitende Kinder zu beobachten und die Botschaften zu erkennen, die in den Konflikten stecken. Denn es geht niemals um Spielsachen oder Dinge, um die gekämpft wird. Soziale Fähigkeiten, dazu gehört das Teilen ebenso wie das Streiten, müssen erlernt werden. Dabei will das Kind durch Bezugspersonen angeleitet sein. Sie sind Vorbilder, an denen sich die Heranwachsenden orientieren können. So verständlich es für ein Kind ist, alles und jedes sofort zu bekommen, so wichtig ist es zugleich, Frustrationen auszuhalten.

Je mehr sich das Kind angenommen fühlt, umso mehr kann es sich in Situationen auch einmal zurücknehmen, ohne zu resignieren oder Minderwertigkeitsgefühle zu entwickeln. Streiten, so die Botschaft an die Eltern, ist ein bedeutsamer Baustein der Persönlichkeitsentwicklung. Streiten soll keinen negativen Touch haben, auch wenn streitende Kinder nerven, vor allem, wenn es um vermeintliche Nebensächlichkeiten geht.

 

Jan-Uwe Rogge ist Erziehungsberater und Autor zahlreicher Bücher.

 

„Ich bin nicht seiner Meinung.“

Unsere Tochter (27) hat ihr Studium abgebrochen und möchte nun ein anderes beginnen. Ihr „Traumfach“, wie sie sagt. Ich möchte sie dabei auch finanziell unterstützen. Mein Mann aber meint, dass sie in ihrem Alter nun auf eigenen Füßen stehen müsse. Zwischen uns ist eine heftige Krise ausgebrochen. Wie sollen wir damit umgehen?

Ich kann die Sorge um Ihre Tochter gut verstehen. Sie möchten gerne, dass sie einen anspruchsvollen Beruf hat, der sie in der Zukunft erfüllen wird. Ich kann auch die Sichtweise Ihres Mannes nachvollziehen. Er betrachtet seine Rolle als Vater auch darin, Ihrer gemeinsamen Tochter mehr Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übertragen. Sicherlich ist es auch für Ihre Tochter nicht einfach, wenn sie erfährt, dass sich ihre Eltern ihretwegen streiten und damit die Nachfamilienphase, in der die Eltern wieder ihr Paarleben genießen könnten, davon überschattet ist.

Wie so oft liegt auch hier die Lösung irgendwo in der Mitte, denn Sie vertreten beide gute und verstehbare Motive. Sie wollen Ihre Tochter nicht im Stich lassen und ihr zugleich Verantwortung übertragen. Wie wäre es mit einer Mischkalkulation? Setzen Sie sich zunächst mit Ihrem Mann zusammen und würdigen Sie die Sichtweise des anderen und die dahinterliegende gute Absicht. Das nimmt den Streit von der persönlichen Ebene weg und beendet den Machtkampf. Finden Sie einen Kompromiss, bei dem Ihr Mann das Gefühl hat, Ihrer Tochter genügend Eigenständigkeit zuzumuten. Einigen Sie sich auf einen monatlichen Betrag, den sie ihr geben, und klären Sie die Dauer. Sprechen Sie erst dann mit Ihrer Tochter und fragen Sie genau nach, wie und wo sie ihre berufliche Zukunft sieht und welche Aussichten sie auf einen Arbeitsplatz hat. Oft wird ein „Traum“ nicht zu Ende gedacht. So können Sie Klärungshelfer für Ihre Tochter sein, und sie könnte zur Einsicht kommen, den Plan noch zu überdenken.

 

Friederike von Tiedemann arbeitet als Paartherapeutin und Supervisorin.

 

„Mein Chef hat auf mich gezielt!“

In einem Gespräch mit meinem Chef fiel mir der Name eines wichtigen Kunden nicht ein. Er war darüber so entrüstet, dass er mir mit Zeigefinger und Daumen die Pistole ansetzte und mich symbolisch erschoss. Ich war vor den Kopf gestoßen und fühlte mich danach richtig schlecht. Ich wünschte, ich hätte etwas gesagt. Nur was?

Diese Geste scheint – vor allem bei Männern – immer beliebter zu werden und besagt: Ich bin mit dem, was du gerade tust oder gesagt hast, nicht einverstanden. Am besten greifen Sie nächstes Mal zum „Vierphasenplan“ (aus „Schlagfertig war gestern!“, BörsenMedienVerlag). Zuerst den Chef aufmerksam machen, was er getan hat, höflich und noch völlig wertfrei: „Wie habe ich diese Geste zu deuten?“ Oder aber auch: „Haben Sie mich soeben erschossen?“ Jetzt wird er sich entweder entschuldigen oder Ihnen genau sagen, was ihm nicht gepasst hat.

Oft merken Menschen gar nicht, wenn sie sich danebenbenehmen, oder halten ihr Benehmen für originell. Oder sie denken sich, solange mein Gegenüber nichts dagegen sagt, wird es schon passen. Kommt keine Entschuldigung, folgt Phase zwei – einen Wunsch äußern. Am besten mit einer Ich-Botschaft verknüpft: „Ich fühle mich jetzt völlig vor den Kopf gestoßen. Bitte machen Sie das nie wieder!“ Über Ihre Gefühle brauchen Sie nicht zu diskutieren und müssen sich auch nicht dafür rechtfertigen. Kommt die Antwort: „Jetzt stellen Sie sich nicht so an!“, dann wiederholen Sie Ihren Satz einfach noch einmal. Ich denke, damit haben Sie eine Erfolgschance von mehr als 80 Prozent. Anderenfalls würde ich mir gut überlegen, ob und welche Konsequenzen ich ankündigen würde (Phase drei). Denn die müsste ich im Ernstfall auch umsetzen (Phase vier).

 

Ingeborg Rauchberger arbeitet als Trainerin und Coach, Vortragende und Buchautorin.

 

Sie haben eine Frage, die Ihnen schon lange unter den Nägeln brennt?

Dann schreiben Sie uns! fragen@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 78/2013 – von Jan-Uwe Rogge, Ingeborg Rauchberger, Friederike von Tiedemann