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Juni 2013
Tipps unserer ExpertInnen zu Partnerschaft, Erziehung und Beruf

„Ich fürchte Reklamationen am Telefon.“

 An manchen Tagen mag ich den Hörer schon gar nicht mehr abheben. Ich weiß, es ist wieder ein Kunde, der sich beschwert. Ich schaue mir alle Unterlagen durch und nenne Fakten, die eigentlich jeder verstehen sollte. Dennoch wird der Anrufer noch ungehaltener. Obwohl ich fachlich kompetent bin, fühle ich mich klein und hilflos.

Ingeborg Rauchberger: Lust auf einen kleinen Test? Legen Sie diese Zeitschrift vor sich auf denTisch. Nun heben Sie eine Hand ans Ohr, als würden Sie telefonieren. StellenSie sich vor, die Stimme an Ihrem Ohr sei ungehalten. Schauen Sie hinunter inder Zeitschrift. Jetzt sagen Sie bitte laut und deutlich: „Ich bin soselbstbewusst und überzeugend!“ Das geht nicht, oder? Jetzt stehen Sie bitteauf, schauen geradeaus, sagen den Satz noch einmal und unterstreichen ihn miteiner selbstbewussten Handbewegung. Welch ein Unterschied! Nützen wir dochöfter die Weisheit, dass Körper, Geist und Seele eine Einheit sind. Stehen Sie beim Telefonieren auf. Wenn das nicht möglich ist, dann sitzen Sie bitte soaufrecht wie möglich. Wenn Sie jemand kleinkriegen will, machen Sie sichkörperlich groß. Dadurch fühlen Sie sich sicherer und Sie kommen auch bei manderen viel selbstbewusster rüber.

 

Ingeborg Rauchberger arbeitet als Trainerin und Coach, Vortragende und Buchautorin.

 

„Wie setze ich Grenzen in der Pubertät?“

Meiner Meinung nach hat mein Sohn viele Freiheiten in unserer Familie. Doch er willmehr. Ich möchte meinen 14-Jährigen aber „nicht aus den Augen verlieren“ und bestehe auf Regelungen. Was muss ich dabei beachten?

Jan-Uwe Rogge: Je älter die Heranwachsenden werden, umso bedeutsamer wird die elterliche Begleitung, weil Risiken und Gefährdungenwachsen. Grenzen zeigen Jugendlichen an, dass sie für die Folgen ihres Tuns undihres Handelns die Verantwortung zu übernehmen und bei Überschreitung Konsequenzen auszuhalten haben. Das Setzen von Grenzen funktioniert umso überzeugender, je deutlicher es auf der Grundlage von gegenseitiger Achtung geschieht, je mehr es von Intuition und Fingerspitzengefühl geprägt ist. Es geht nicht um eine Vielzahl von Grenzen und Regeln. Im Mittelpunkt muss vielmehr dieÜberlegung stehen, ob deren Inhalt Sinn macht. Wenn jede Kleinigkeit im Zusammenleben von Heranwachsenden und Eltern durch Absprachen und Vereinbarungen geregeltwird, dann wirkt sich das lähmend aus. Es wird von allen Beteiligten als lästigund tyrannisierend empfunden. Konstruktiver ist es, Grenzen mit liebevoller Klarheit zu vermitteln und deutlich zu machen, dass sich diese Regelninhaltlich verändern können. Versuchen Sie die Regeln so einfach wie möglich zu formulieren. Geben Sie mehr Freiräume dort, wo es sich um ungefährliche Alltagssituationen handelt (z. B. Mode, Haarschnitt, Hobbys, Taschengeld), setzen Sie engere Grenzen dort, wo Gefährdungen möglich oder wahrscheinlich sind.

 

Jan-Uwe Rogge ist Erziehungsberater und Autor zahlreicher Bücher.

 

„Unser Altersunterschied belastet mich.“

Mein Mann und ich haben uns vor 39 Jahrenkennengelernt. Ich bin 18 Jahre jünger. Das fällt erst heute ins Gewicht. Erist vergesslich geworden und wegen seines Hüftleidens am liebsten zu Hause. Ichbin mit 63 Jahren sehr vital und will vieles unternehmen. Muss ich ein schlechtesGewissen haben, wenn ich alleine ausgehe?

Friederike von Tiedemann: Ein Paar wie in Ihrem Fallist besonderen Belastungen ausgesetzt. Zum einen haben Sie viel an gemeinsamem Lebengeteilt, und ich vermute, dass sich zwischen Ihnen eine tiefe Bindungentwickeln konnte. Es ist nicht leicht, zu merken, wie der Partner sich imAlter verändert und schwächer wird. Was wir so mochten am anderen ist nichtmehr so wie früher. Der Umgang mit Unterschieden in der Paarbeziehung kann auchsonst auftreten: der Langschläfer und die Frühaufsteherin, die Unsportliche undder Marathonliebhaber, der Naturmensch und die Stadtfee. Da sind wirherausgefordert, der Partnerschaft zuliebe ein Stück unsere Autonomie zuverlieren. Dafür erhalten wir Zweisamkeit, das Gefühl von emotionaler Resonanz,Geborgenheit und Halt. In Ihrem Fall rate ich, den ohnehin nicht veränderbaren Wandelmit ausschließlich positiven Gedanken zu begleiten und die Aufmerksamkeit auchgezielt darauf zu lenken, was an schönen Augenblicken Sie mit Ihrem Mann verbindet- auch heute noch. Schreiben Sie ein Freude-Tagebuch, in dem Sie gemeinsamefreudvolle Momente notieren. Vielleicht entdecken Sie Schätze, die nochvorhanden sind, aber zu wenig erkannt werden. Am Ende wiegt der kleineSpaziergang mit Ihrem Mann im Park mehr als das Bezwingen langerWanderstrecken. Und sollten Sie mal alleine reisen, dann tun Sie es mit Freude.Werfen Sie die Schuldgefühle vorher in den Straßengraben. Ihren Mann entlastenSie, wenn er weiß, dass Sie keine Opfer bringen.

 

Friederike von Tiedemann arbeitet als Paartherapeutin und Supervisorin.

 

 

Sie haben eine Frage, die Ihnen schon lange unter den Nägeln brennt?

Dann schreiben Sie uns! fragen@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 6/2013 – von Jan-Uwe Rogge, Ingeborg Rauchberger, Friederike von Tiedemann