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Mai 2012
Tipps unserer ExpertInnen zu Partnerschaft, Erziehung und Beruf

Muss ich alles zehnmal sagen?

  Ich verstehe nicht, dass ich immer laut werden muss, wenn ich von meinen Söhnen Jannis und Lukas, fünf und acht Jahre, etwas will. Ich komme mir dann blöd vor. Aber es geht wohl nicht anders. Warum hören Kinder nicht?

Jan-Uwe Rogge: Manche Gespräche zwischen Eltern und Kindern geraten durch die unklare Sprache der Erwachsenen ins Ungleichgewicht. Damit können Kinder nicht umgehen.
Deshalb erzwingen sie durch ihr Handeln einen in sich stimmigen Erwachsenen. Sie nehmen den Erwachsenen erst dann an, wenn dieser in Gestik, Stimme und Wortsinn übereinstimmt.
Kinder spüren intuitiv, was die Kommunikationspsychologie durch zahlreiche Untersuchungen belegt hat: 55 Prozent der Kommunikation läuft über die Körpersprache, über Mimik und Gestik, 38 Prozent läuft über den Stimmklang und die Art des Sprechens, lediglich 7 Prozent vermitteln sich den Kindern über den Inhalt, den Sinn der Worte. Missverständnisse in der Eltern-Kind-Kommunikation haben ihre Ursache in der Unklarheit, mit der viele Erwachsene Absichten und Grenzen formulieren.
Hinzu kommt ein weiterer, häufig übersehener bzw. wenig beachteter Aspekt. Eltern überschätzen nicht allein die Wirksamkeit ihrer Worte und Anweisungen. Sie unterschätzen zugleich, wie wichtig es ist, sich dem Kind zuzuwenden, Kontakt zu ihm aufzunehmen, wenn sie ihm etwas mitteilen wollen. Kinder – und Erwachsene natürlich auch! – wünschen, angesprochen zu werden, sie wollen sich angesprochen fühlen.
Klarheit in der Sprache und Festigkeit im Gefühl lassen gegenseitigen Respekt entstehen. Partnerschaftlichkeit und Gleichwertigkeit in Beziehungen lassen sich nicht in allen Situationen gleichermaßen leben; sie sind das Ergebnis andauernder Bemühungen, sind das Resultat eines Prozesses.

 

Jan-Uwe Rogge ist Erziehungsberater und Autor zahlreicher Bücher.

 

Mein neuer Chef ist 20 Jahre jünger

Sein Vorgänger hat sich mit mir beraten, mich zu Kundengesprächen mitgenommen. Der Neue könnte mein Sohn sein und hat keine Ahnung vom Geschäft. Dennoch weist er meine gut gemeinten Ratschläge zurück. Kündigen mit 50 ist doch keine Lösung?

Ingeborg Rauchberger: ??Sie waren mit Ihrem alten Chef ein eingespieltes Team. Natürlich ist es da schwierig, sich an die veränderte Situation zu gewöhnen. Der neue Chef hat das Recht, auf seine Weise zu arbeiten. Je schneller Sie das akzeptieren, desto besser. Ob der Mann jünger oder älter ist als Sie, sollte dabei keine Rolle spielen. Ich habe den Verdacht, dass Sie unbewusst in eine Mutterrolle geschlüpft sind und „dem Buben“ nicht zutrauen, seine Hausaufgaben allein zu erledigen. Dafür sei er zu jung, zu ahnungslos, zu unerfahren. Das spürt der Mann und reagiert naturgemäß ablehnend. Wenn Sie so weitermachen, wird sich die Situation immer weiter verschlechtern. Also Schnitt! Neuer Chef, neues Glück! Nehmen Sie ein Blatt Papier, schreiben Sie die Ziffern 1 bis 10 an den linken Rand, und nun überlegen Sie sich zehn positive Dinge, die Ihnen zu diesem Mann einfallen. Das können Kleinigkeiten sein, Hauptsache, Sie finden es positiv. Halten Sie sich in der nächsten Zeit mit ungebetenen Ratschlägen zurück, mögen sie noch so gut gemeint sein. Bedenken Sie bitte: Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht und Ratschläge sind auch Schläge. Begegnen Sie Ihrem Chef mit Respekt und denken Sie immer an die positive Liste. Lassen Sie sich überraschen, was sich verändert. Höchstwahrscheinlich wird der Tag kommen, an dem der neue Chef offen für Ihre Ideen ist und Ihre Erfahrung zu schätzen weiß.

 

Ingeborg Rauchberger arbeitet als Trainerin und Coach, Vortragende und Buchautorin.

 

Warum hält er sich nicht daran?

Mein Mann ist ein lieber, gutherziger Mensch, aber mit dem Einhalten von Absprachen tut er sich schwer. Ich fühle mich von ihm im Stich gelassen, gehe innerlich auf Distanz, werde kühl und abweisend. Was kann ich tun? Meinen Ärger zeigen oder still bleiben und die Dinge selbst erledigen?

Friederike von Tiedemann: Wenn es im Zusammenleben von Paaren zur wiederholten Nichteinhaltung von Absprachen und Regeln des Zusammenlebens kommt, kann ein Auseinanderleben der beiden Partner die Folge sein. Es beginnt mit kleinen Nachlässigkeiten, es folgen nervenaufreibende Diskussionen und all das kann mit dem Verlust der Liebe enden. Das Aufsummieren vieler kleiner Unzuverlässigkeiten des Partners/der Partnerin – oft unbeabsichtigt – unterhöhlt auf Dauer den vertrauensvollen Boden der Beziehung. Von daher ist es verantwortungsvoll, rechtzeitig auf die Wirkung dieses Versäumens aufmerksam zu machen.
Informieren Sie ihren Partner darüber, was im Zusammenleben gut klappt und wo Sie ihn als zuverlässig und bemüht erleben. Sagen Sie ihm aber auch, dass es Sie verletzt, wenn er Absprachen wiederholt nicht einhält und welche negativen Folgen auf die Paarbeziehung sich daraus ergeben. Erkundigen Sie sich neugierig danach, welche Gründe dahinterstecken. Vielleicht geht er von anderen Prioritäten aus und gewichtet einen Spielenachmittag mit den Kindern höher als die aufgeräumte Wohnung. Verhandeln Sie Ihre Unterschiede, anstatt diese zu bewerten. Mal geht es nach Ihren Vorstellungen und dann wieder nach seinen. So geraten Sie nicht in eine Schieflage von Geben und Nehmen und fühlen wieder mehr ein „Wir“ in Ihrem Alltag. Emotionale Nähe und eine positive Atmosphäre in Ihrer Beziehung bleiben eher erhalten.

 

Friederike von Tiedemann arbeitet als Paartherapeutin und Supervisorin.

 

 

“Sie haben eine Frage, die Ihnen schon lange unter den Nägeln brennt?“

Dann schreiben Sie uns! fragen@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 5/2012 – von Jan-Uwe Rogge, Ingeborg Rauchberger, Friederike von Tiedemann