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Mai 2013
Tipps unserer ExpertInnen zu Partnerschaft, Erziehung und Beruf

Warum Stress, wenn fremde Kinder kommen?

 Wenn die Freundinnen meiner Tochter zu Besuch sind, beginne ich mich zunehmend zu ärgern. Da schlägt meine Tochter einen vorlauten Ton an und glaubt, sie kann sich über die gewohnten Familienregeln hinwegsetzen. Bei uns ist es üblich, dass Kinder ihren Beitrag – wie Tischabräumen, Mistkübelausleeren oder Wäscheaufhängen – leisten. Wie soll ich reagieren?

Jan-Uwe Rogge: Der Umgang mit Gastkindern ist einfach und schwierig zugleich. Einfach ist er, wenn die Kinder, die zu Besuch sind, die Erziehungsgewohnheiten akzeptieren, weil sie diese von zu Hause aus kennen. Und einfach ist er dann, wenn man Werte und Normen, die einem als Vater und Mutter wichtig sind, vorlebt.
Schwierig wird der Umgang, wenn man sich dem Verhalten der Besucherkinder anpasst, man unklar oder nicht eindeutig reagiert. Wenn die Erziehung in der Familie der Gastkinder Klarheit vermissen lässt, ist das keine hinreichende Begründung dafür, auf Regeln und Orientierung zu verzichten. Gerade bei Kindern, die in einer familiären Laissez-faire-Atmosphäre aufwachsen, denen ein wichtiger haltgebender Rahmen vorenthalten wird, dürfte es notwendig sein, strukturierende Rituale zu vermitteln. Absprachen sollte man nicht verändern, nur weil Besuch da ist.
Wenn Besuchskinder andere Regeln gewohnt sind, dann hilft es, diese Dinge kurz anzusprechen, weil die Kinder somit wissen, woran sie sind. Man kann verlangen, was man sich wünscht, obgleich dies vielleicht im Elternhaus nicht üblich ist – sei es, dass man beim Abräumen des Tisches hilft, dass man die Schuhe auszieht, wenn man die Wohnung betritt, dass man die Hände wäscht, bevor man sich zum Essen setzt, dass man wartet, bis man am Tisch an der Reihe ist und nicht sofort zulangt, dass man sich verabschiedet, wenn man geht, dass man sich bedankt, wenn es einem gefallen hat.
Es hilft Kindern, wenn man die für sie ungewohnten Regeln anspricht und auf deren Einhaltung besteht.

 

Jan-Uwe Rogge ist Erziehungsberater und Autor zahlreicher Bücher.

 

Ich mache all das, was sonst keiner macht

Wer räumt in der Teeküche die Tassen weg? Ich. Wer entkalkt den Geschirrspüler? Ich. Wer wechselt den Toner im Drucker? Ich. Dabei bin ich für das alles eigentlich nicht zuständig und es geht mir auf die Nerven. Aber eine muss es ja machen, oder?

Ingeborg Rauchberger: Das stimmt. Aber warum gerade Sie? Haben Sie sich schon einmal überlegt, warum Sie das alles erledigen? Was wollen Sie damit erreichen? Dank und Anerkennung? Wollen Sie, dass man sagt: „Du bist die Beste!“? Tut man das? Wenn nicht, dann fordern Sie den Dank ein. Fragen Sie sich aber bitte auch: Ist mir der Dank den ganzen Aufwand wert? Oder wollen Sie gebraucht werden? Wollen Sie ein „Was wären wir bloß ohne dich?“ hören? Sind hier Ihre KollegInnen wirklich die richtige Adresse? Gäbe es nicht Menschen, die Ihre Hilfe und Umsicht dringender brauchen könnten? Haben Sie schon einmal ein soziales Engagement in Erwägung gezogen? Falls es Ihnen weder um Dank noch ums Gebrauchtwerden geht, hören Sie damit auf, all diese Aufgaben alleine zu erledigen. Solange Sie das machen, denken die anderen nicht daran, einen Finger zu rühren. Vielleicht will man Ihnen aber auch einfach nicht ins Handwerk pfuschen. Sprechen Sie in Ruhe mit ihren KollegInnen und gegebenenfalls auch mit Ihrem Chef oder Ihrer Chefin. Sorgen Sie für eine gerechte Aufteilung und legen Sie gemeinsam fest, wer welche Pflichten künftig übernehmen wird. Am besten ist es, die Aufgabenverteilung schriftlich festzuhalten.

 

Ingeborg Rauchberger arbeitet als Trainerin und Coachin, Vortragende und Buchautorin.

 

Bleiben oder gehen?

Mein Mann und ich haben fast täglich eine angespannte Atmosphäre. Ich soll ihm uneingeschränkt freundlich begegnen, worum ich mich seit Jahren bemühe. Er selbst ist oft missmutig, unfreundlich oder sogar verletzend. Er schiebt es auf seinen Arbeitsstress, entschuldigt sich nicht, kommt dann aber urplötzlich mit der Tasse Kaffee morgens ans Bett. Ich soll dann alles vergessen, was vorher war. Wenn ich ihn um einen netteren Umgang bitte, dann beschuldigt er mich als diejenige, die ihn dazu bringt, so zu handeln. FreundInnen laden uns gar keine mehr ein, weil er sich auch da unhöflich benimmt. Wie komme ich aus diesem Teufelskreis heraus?

Friederike von Tiedemann: Eine Trennung als Lösungsstrategie läuft einem ja nicht davon. Sie können aber die aktuelle Krise als Entwicklungschance für sich selbst nutzen. Bei Ihrem Mann liegt möglicherweise ein „narzisstisches Defizit“ vor. Das heißt, dass er aufgrund seiner Persönlichkeitsgeschichte wenig Empathie für andere fühlt und eigenes Verhalten nicht selbstkritisch reflektieren kann. Außerdem braucht er Sicherheit und Kontrolle in sozialen Situationen. Für eine Partnerin ist eine solche Paarbeziehung häufig entbehrungsreich, was die Versorgung an emotionaler Resonanz betrifft. Einfühlung geschieht selten oder gar nicht, dafür besteht ein großes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Geben und Nehmen sind in einer Schieflage, wie das auch bei Ihnen der Fall zu sein scheint, da Sie mehr kompensatorische Anpassungsleistungen erbringen, um die Stimmung geschickt zu managen. Vermutlich hoffen Sie schon lange darauf, dass ihr Mann mehr von seiner fürsorglichen „Kaffee-Verwöhnungs-Seite“ zeigt. Aber Sie werden Ihren Mann nicht ändern, sondern können lediglich Ihr eigenes Verhalten variieren. Es ist energiesparender, wenn Sie sich klar und ohne viele Worte abgrenzen und nur solche Zeiten mit ihm teilen, in denen Sie sich mit ihm wohlfühlen. Klug ist es auch, strategisch zu handeln, indem Sie typischen Diskussionsschleifen elegant durch Umlenkung der Aufmerksamkeit aus dem Weg gehen. Geben Sie Ihrem Mann gezielt Anerkennung und wechseln Sie über in ein humorvolles Beenden der Versorgung – zum Beispiel mit einem „Das genügt jetzt aber an Lorbeeren, Schatz“. Lachen schafft Distanz. Es kann auch ihm helfen, aus den mühevollen Kontrollmustern herauszukommen. Und schließlich tanken Sie Ihre seelische Kraft besser bei Menschen, die Ihnen etwas zu geben haben.

 

Friederike von Tiedemann arbeitet als Paartherapeutin und Supervisorin.

 

Sie haben eine Frage, die Ihnen schon lange unter den Nägeln brennt?

Dann schreiben Sie uns! fragen@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 5/2013 – von Jan-Uwe Rogge, Ingeborg Rauchberger, Friederike von Tiedemann