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November 2012
Tipps unserer ExpertInnen zu Partnerschaft, Erziehung und Beruf

Muss man immer konsequent sein?

 Besuch hat sich angesagt. Der Mann hat versprochen, mitzuhelfen. Wer sich verspätet, ist er! Die Kinder nerven. Da kommt Julia, 7, und fragt: „Darf ich mit Robert noch eine Sendung sehen?“ Mit großen Augen sieht sie ihre Mutter an: „Mama! Bitte!“ Dabei haben die Kinder ihre erlaubten Sendungen schon gesehen. Wie soll die Mutter nun reagieren?

Jan-Uwe Rogge: Für ein kompromissloses Bestehen auf Absprachen bekommt man vielleicht einen Preis, für eine Ausnahme von getroffenen Vereinbarungen aber das Verständnis des Kindes: Eltern sind keine Maschinen, keine RechthaberInnen, sie sind Persönlichkeiten, die sich dadurch auszeichnen, dass sie sich auf unterschiedliche Situationen einstellen können. Eine pädagogisch vielleicht nicht korrekte, aber praktische Strategie könnte deshalb sein: „Heute gibt es eine Sendung mehr für euch! Und morgen habe ich åZeit für euch, und da gibt es keine Sendung!“ Die Kinder jubeln, und man hat sein schlechtes Gewissen zumindest etwas unterdrückt, das Essen wird fertig, und man kann sich als perfekter Gastgeber/perfekte Gastgeberin zeigen. Vernünftige Ausnahmen, im Vorhinein bestimmt und gemeinsam vereinbart, schwächen nicht die elterliche Autorität. Eltern werden vielmehr in ihrer Persönlichkeit bestärkt, weil sie souverän und eigenständig genug über erzieherische Positionen nachdenken. Inkonsequent handelt nur der, der Ausnahmen mal zulässt, dann wieder nicht, der mit Zuckerbrot hantiert („Na gut, weil du heute so brav warst, darfst du länger aufbleiben!“) und am nächsten Tag die verbale Peitsche herausholt („Heute gibt es kein Computerspiel, weil du mir widersprochen hast!“). Regeln sind nicht unverrückbar oder gar unveränderbar. Sie sind nicht unumstößlich. Es ist für alle Beteiligten sinnvoller, Ausnahmen umzusetzen, vor allem dann, wenn man weiß, dass die getroffenen Absprachen ohnehin nicht eingehalten werden können. Vernünftige Ausnahmen bestärken die Autorität.

 

Jan-Uwe Rogge ist Erziehungsberater und Autor zahlreicher Bücher.

 

Ein Schnellschuss kann ins Auge gehen

Es passiert mir oft, dass mich KollegInnen am Gang ansprechen und sofort eine Entscheidung möchten. Ich will mir keine Blöße geben und entscheide aus dem Bauch heraus. Stellt sich im Nachhinein heraus, dass ich danebengelegen bin, akzeptiert es keiner als Entschuldigung, dass er/sie mich überrumpelt hat.

Ingeborg Rauchberger: „Kannst du mal kurz …“, dieses „Sagen Sie schnell …“. Es gibt nur einen Ausnahmefall, in dem Sie aufgrund Ihrer Erfahrung aus dem Bauch heraus entscheiden sollten: Wenn’s tatsächlich brennt! Wenn also wirklich Gefahr in Verzug ist. Nicht, wenn Ihnen jemand weismachen will, dass er oder sein Anliegen ein brennendes sei. Haben Sie Zeit und Willen, kurz zuzuhören? Dann tun Sie das. Wenn Sie die Möglichkeit haben, sich Stichworte aufzuschreiben, dann tun Sie das. Überlegen Sie sich, wie lange Sie brauchen, um diese Fragen fundiert beantworten zu können, und sagen Sie zum Beispiel „Ich melde mich dazu am späten Nachmittag!“. Es ist in der Regel besser, diese Bearbeitungsfrist etwas großzügiger anzugeben. Jeder rechnet es Ihnen hoch an, wenn Sie schneller sind. Jeder ist ungehalten, wenn Sie eine zu knapp bemessene Frist überschreiten. Haben Sie die Zeit und den Willen nicht, vereinbaren Sie einen Termin (wenn Sie den Kalender im Kopf oder dabei haben) oder versprechen Sie, sich wegen eines Termins zu melden. Sagt der andere: „Das können Sie doch gleich entscheiden!“ oder „Ich dachte nicht, dass das für Sie schwierig ist!“, dann bleiben Sie ruhig: „Ihr Anliegen, Ihre Frage ist so wichtig, das möchte ich mir genauer ansehen.“ Dass man eine nachträgliche Rechtfertigung wegen Überrumpelung nicht gern akzeptiert, ist verständlich – man will sich schließlich auf Ihr Wort verlassen können.

 

Ingeborg Rauchberger arbeitet als Trainerin und Coach, Vortragende und Buchautorin.

 

Mein Mann kritisiert zu viel!

In den vergangenen Ferien hatten mein Mann und ich viel mehr Konflikte als sonst. Der Grund? Er nörgelte ständig an den Kindern (8 und 10 Jahre) herum. Ich versuchte auszugleichen, was mich sehr anstrengte und er mir auch zum Vorwurf machte. Die gleichen Probleme haben wir, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt. Er beklagt sich über die unaufgeräumte Wohnung und andere Dinge. Was kann ich tun, damit ein freundlicherer Ton unter uns entsteht?

Friederike von Tiedemann: Wenn ein Paar in zwei verschiedenen Welten lebt, der Arbeits- und der Familienwelt, dann existieren auch unterschiedliche Vorstellungen darüber, was gut für die eigenen Kinder ist. Sie verbringen mehr Zeit mit Ihren Kindern und kennen sie besser. Ihr Mann hat die „schlechteren Karten“, und zugleich vermute ich bei ihm die Sehnsucht, an der Erziehung seiner Kinder mitwirken zu können, sich einzubringen und eine Position in der Familienwelt zu haben. Er wählt eine Strategie, mit der er sich allerdings noch mehr an den Rand spielt. Sicher hätte er Sie gerne an seiner Seite, um seine Ideen durchzusetzen. Wie wäre es mit einem Gespräch, in dem Sie ihm ruhig Ihren Wunsch nach mehr Freundlichkeit im Umgang mitteilen. Wenn er erzählen kann, wie er sich nach einem Arbeitstag fühlt und was er braucht, um gut in Ihrer so anderen Welt zu landen, dann wäre das eine Alternative. Eine kleine Begrüßungsgewohnheit könnte sein, dass Sie Ihre Arbeit unterbrechen und sich zunächst mit einer Tasse Tee zusammensetzen, um Ihrem Mann eine Brücke in die vom Tagesgeschehen wieder veränderte Familienwelt zu bauen. Sie haben wie er einige Klippen gemeistert oder Enttäuschungen erlebt. Er erhält Informationen – und das schafft Sicherheit und Orientierung. Über Nörgelei und Kritik seinen Platz in der Familie zu erobern, ist dann nicht mehr nötig. Dieser verständnisvolle Umgang mit Unterschieden wird neben Kompromissbildungen sicherlich zu einer anderen Stimmung in der Paarbeziehung und im Familienkreis beitragen.

 

Friederike von Tiedemann arbeitet als Paartherapeutin und Supervisorin.

 

 

“Sie haben eine Frage, die Ihnen schon lange unter den Nägeln brennt?“

Dann schreiben Sie uns! fragen@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 11/2012 – von Jan-Uwe Rogge, Ingeborg Rauchberger, Friederike von Tiedemann