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September 2012
Tipps unserer ExpertInnen zu Partnerschaft, Erziehung und Beruf

Unterschiedliche Erziehungsstile

  Mein Mann erzieht unseren Siebenjährigen anders als ich. Er reagiert nachgiebiger. Bei ihm darf Markus länger aufbleiben. Und dann darf er bei Tisch mit den Fingern im Essen rumstochern. Der Kommentar meines Mannes? Ihm macht’s Spaß! Doch wer hat dann die Arbeit? Er oder ich?

Jan-Uwe Rogge: Unterschiedliche Auffassungen haben nichts damit zu tun, dass die einen besser, die anderen schlechter erziehen. Die Verschiedenheit hat vielmehr mit Nähe und Distanz zu den Kindern zu tun. Je näher man einem Kind ist, je mehr man mit den Kindern Normalität durchlebt, umso häufiger erfährt man Erziehung als Stress. Distanz führt manchmal zu mehr Gelassenheit und Großzügigkeit. Und hier liegt die Chance väterlicher Beziehung zu den Kindern, sind sie es doch, die aufgrund des (noch immer meist den Männern vorbehaltenen) Vollzeitjobs die eher distanzierte Beziehung zu den Kindern aufweisen. Distanz meint aber nicht die Abwesenheit von Emotionalität, und unterschiedliche Erziehungsstile sind nicht zu verwechseln mit uneinigen Erziehungsstilen. Im uneinigen Erziehungsstil geht es niemals um das Wohl des Kindes. Er zerrt am Kind. Vater und Mutter treten in ein Konkurrenzverhältnis. Jeder will dem anderen beweisen, wer der oder die Beste ist. Unterschiedliche Erziehungsstile müssen dagegen keine Konflikte auf der partnerschaftlichen Ebene mit sich bringen, wenn man zwei Grundsätze bedenkt:
Wer trägt die Hauptlast der Entscheidung? Hat die Mutter am Morgen die Folgen daraus zu tragen, dass die Kinder vom Vater zu spät ins Bett gebracht wurden, sollte dieser sich in seiner Großzügigkeit zurücknehmen.
Ein weiteres Entscheidungskriterium kann sich aus der größeren Sachkenntnis – aber nicht: aus Besserwisserei oder bloßer Besorgnis – eines Elternteils ergeben. Wenn eine Mutter aus Erfahrung weiß, dass das eine Kind weniger Schlaf braucht, das andere aber mehr, dann bildet dies die Grundlage für die Entscheidung. So ist es auch bei jenem Vater, der aufgrund seiner Beobachtung weiß, wie wichtig die körperliche Bewegung für ein Kind ist.

 

Jan-Uwe Rogge ist Erziehungsberater und Autor zahlreicher Bücher.

 

Mein Privatleben kommt zu kurz!

Gerade als ich zum zwanzigjährigen Klassentreffen aufbrechen wollte, knallte mein Chef einen Ordner auf den Tisch. „Das muss erledigt werden! Sofort!“, meinte er und verschwand in sein Büro. Er war so grantig, ich traute mich nicht, an seine Tür zu klopfen, und versäumte das Treffen.

Ingeborg Rauchberger: Ich verstehe sehr gut, dass Sie das ärgert. Allerdings: Wussten Sie denn, was „sofort“ bedeutete? Hieß das wirklich „noch am selben Abend“ – oder aber „sobald als möglich“? Viele Menschen sind bei Zeitangaben unpräzise. Wie käme sonst die Antwort „Am besten gestern!“ zustande? Was ist Ihnen wichtiger: dem Chef aus dem Weg zu gehen oder das Klassentreffen? Nur gravierende Gründe sollten Sie von privaten Terminen abhalten. Außerdem: Hätte nicht eine Kollegin diese Aufgabe erledigen können? Reden Sie künftig mit ihr, dann klopfen Sie an der Höhle des Löwen und verhandeln Sie. Wenn Sie wissen, was Sie wollen und Ihre Alternativen kennen, dann können Sie selbstbewusster auftreten. Wer sich klein macht und flüstert, braucht sie sich nicht wundern, wenn ihn der Chef nicht ernst nimmt und seinen Wunsch abschlägt.
Ihr Gespräch mit dem Chef könnte so ablaufen: Sie: „Sie haben mir soeben diesen Ordner gegeben.“ Jetzt weiß der Chef, worum es geht. Er nickt. „Ich habe heute mein Klassentreffen. Bis wann muss das erledigt sein?“ 
Jetzt sagt der Chef entweder: „Morgen reicht. Schönen Abend!“ In diesem Fall hätten Sie völlig umsonst verzichtet. Oder er beharrt auf dem Auftrag: „Das muss heute noch raus!“ Dann können Sie vorschlagen, dass die Kollegin die Aufgabe übernimmt. 
Sagt er: „Das machen Sie. Und zwar jetzt!“ – dann werden Sie in den sauren Apfel beißen müssen. Aber nur dann.
Ingeborg Rauchberger arbeitet als Trainerin und Coach, Vortragende und Buchautorin.

 

Ein Neustart für die Beziehung?

Mein Mann und ich haben acht Jahre unseren psychisch kranken Sohn Peter (21) betreut. Wir haben Schweres mitgemacht und die Situation nun an professionelle HelferInnen abgegeben, Peter stabilisiert sich, und wir können das erste Mal durchatmen. Wenn wir zu zweit sind, fehlt mir jedoch die Nähe, die wir als Paar früher hatten. Wie können wir unseren alten Kontakt wiederfinden?

Friederike von Tiedemann: Wenn ein Paar eine Krise durchlebt hat, dann ist es nicht leicht, den vorherigen Zustand erneut abzurufen. Es besteht der tiefe Wunsch, sich endlich festen Boden zu verschaffen mit Halt, Nähe und Verlässlichkeit. Dazu gehört, sich wieder als Mann und Frau zu begegnen. Sie sind beide durch eine Phase der Verunsicherung oder gar Verzweiflung gegangen. Da wäre es hilfreich, wenn Sie zunächst anerkennen, was jeder von Ihnen geleistet hat. Nehmen Sie sich die Ruhe und Zeit für einen Austausch über die letzten Jahre und Ihr Erleben. Ziehen Sie Bilanz mit einer Haltung von Wohlwollen. Dabei helfen Betrachtungen wie: Was du gut bewältigt hast … Worüber ich mich gefreut habe … Was mir an dir gefallen hat … Womit du mich überrascht hast … Worum ich mich nicht kümmern musste … Was ich ohne dich nicht geschafft hätte … Weshalb ich stolz auf dich bin … Wofür ich dir dankbar bin … Mit diesem Ritual – das übrigens kein „aber“ erlaubt – können Sie die erlittenen Momente in einen gemeinsamen Schatz verwandeln. Dieser wird neben lustvollen Unternehmungen zu zweit sicherlich zum Neustart ihrer Paarbeziehung beitragen.

 

Friederike von Tiedemann arbeitet als Paartherapeutin und Supervisorin.

 

 

“Sie haben eine Frage, die Ihnen schon lange unter den Nägeln brennt?“

Dann schreiben Sie uns! fragen@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 9/2012 – von Jan-Uwe Rogge, Ingeborg Rauchberger, Friederike von Tiedemann