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September 2013
Tipps unserer ExpertInnen zu Beruf, Partnerschaft, und Erziehung

Was tun mit diesem ewigen „Nein“?

 Nein! Nein! Nein!“, so imitierte jüngst eine Mutter ihren Sohn, der zu gut gemeinten Angeboten, zu angemahnten Absprachen und verabredeten Regeln nur ein „Nein“ auf den Lippen hatte. Sie könne es nicht mehr hören, meinte sie und hielt sich mit den Händen die Ohren zu: „Dieses Wort macht mich wahnsinnig!“ Soll sie es verhindern?

Jan-Uwe Rogge: Nichts sei – so hat es Kurt Tucholsky einmal ausgedrückt – schwieriger, als laut zu sagen: „Nein!“ Da kann man hinzufügen: Das Kind stellt sich diesen Schwierigkeiten, nimmt sich die Freiheit, „Nein“ zu sagen, und wird aber dann als widerspenstig eingeschätzt.

Wenn sich Kinder diese Freiheit nehmen, übernehmen sie die Verantwortung dafür, was daraus resultiert: Konflikte und Auseinandersetzung. Das Kind, das „Nein“ sagt, traut sich etwas. Im „Nein“ steckt ein Vertrauen zu sich selbst, ein Vertrauen in eigene Kompetenzen, aber zugleich ein bedingungsloses Votum zu Vater und Mutter, zu den „Großen“ generell, weil man sich sicher ist: Ich bin selbst dann gemocht, wenn ich gerade nicht so bin, wie meine Eltern mich gerne hätten.

Wenn ein Kind „Nein“ sagt, dann zeugt dies von einem autonomen Denken. Ein „Nein“ ist nicht, wie viele Erwachsene es vorschnell meinen, Ausdruck eines „schlechten“, renitenten Charakters, es steht nicht für Widerstand, Auflehnung, Verweigerung, Revolte. Ein Kind, das nur „Ja“ sagt, ist nicht allein ein angepasstes Kind, sondern eines, das seine persönlichen Bedürfnisse unterordnet. Ein Kind, das gefährdet ist, weil man es verführen kann.

Wer Kinder zur Eigenständigkeit erzieht, der produziert nun mal Konflikte. Wer Heranwachsende will, die sich behaupten können, der muss das „Nein“ aushalten, selbst dann, wenn es sich gegen die eigene Person richtet. Damit ist elterliche Erziehungsverantwortung nicht außer Kraft gesetzt, sondern notwendiger denn je.

 

Jan-Uwe Rogge ist Erziehungsberater und Autor zahlreicher Bücher.

 

„Kann er nicht aufmerksamer sein?“

Seit 25 Jahren liebe ich meinen Mann sehr. In vielem ergänzen wir uns, dennoch fehlen mir Aufmerksamkeiten: für mich einen Teller am Morgen zu decken oder mich zu fragen, ob er helfen kann. Trotz vieler Gespräche ändert sich wenig. Verletzt und enttäuscht ziehe ich mich zurück. Muss ich den Wunsch nach einem achtsamen Umgang aufgeben?

Friederike von Tiedemann: Ich verstehe sehr gut, dass Sie sich mehr Zuwendung in Form kleiner freundlicher Bemühungen wünschen, die auf Ihre Wünsche und Bedürfnisse ausgerichtet sind. Solche „Momente der Achtsamkeit“ finden sich oft am Anfang einer Liebesbeziehung. Viele „moderne“ Frauen finden, es sei u. a. eine Errungenschaft der Emanzipation, wenn sie selbst alles können und unabhängig von Männern ihr Leben meistern. Oft taucht aber unter dieser scheinbar autonomen Schicht des „Ich kann auch alles ohne ihn“ die Sehnsucht wieder auf, in klassischer Form als „Frau“ beachtet zu werden. Damit kehren auch Wünsche nach kleinen Gesten des Umworbenwerdens zurück. Der Mann, „der mir die Autotür aufhält, der Mann der mir auch mal beim Tragen hilft etc.“, drückt Zuwendung, Respekt und Liebe aus. Allerdings weniger, wenn ich darum bitten muss. Fürsorglich umworben zu werden, in wechselseitiger Form, vertieft die Bindung. Dazu gehört auch der Ehepartner, der sich hin und wieder um Ordnung im Wohnbereich kümmert oder auch nach vielen Ehejahren immer noch gepflegt gekleidet zum Essen erscheint.

Die Summierung vieler achtsamer Zeichen erhöht in der Beziehung den Grundumsatz von Geben und Nehmen mehr als Liebesbekenntnisse. Dass die Handlung zählt und diese auch die Liebe nachhaltig sichert, ist wissenschaftlich belegt. Sie können Ihren Mann nur bitten, in diesem Bereich Ihrer Beziehung mehr Engagement und Einsatz zu zeigen. Es wird sich auszahlen, denn sicherlich leidet er unter Ihrer gekränkten Reaktion in ähnlicher Weise.

 

Friederike von Tiedemann arbeitet als Paartherapeutin und Supervisorin.

 

„Mir ist ein Fehler unterlaufen – was nun?“

Neulich habe ich eine falsche Lieferung an einen wichtigen Kunden geschickt. Ein blöder Fehler! Prompt wurde ich zum Chef gerufen. Um ihn zu beruhigen, sagte ich: „Regen Sie sich nicht auf, ich habe eine Lösung gefunden, um die Sache wieder ins Lot zu bringen!“ Warum hat er sich trotzdem so aufgeregt?

Ingeborg Rauchberger: Stellen Sie sich vor, Sie sind es, die verärgert ist, und der Verursacher Ihres Ärgers sagt: „Regen Sie sich nicht auf!“ Wird Ihr Ärger dadurch gemildert? Sicher nicht. Wie kommt so ein Satz bei Ihnen an? Richtig, wie ein Verbot, Gefühle haben zu dürfen. Ihr Chef hat diese Gefühle trotzdem, er braucht Ihre Erlaubnis nicht. Es kommt nicht einmal darauf an, ob aus Ihrer Sicht dafür ein Grund besteht oder nicht. Durch ein – oft gar nicht bewusst ausgesprochenes – Verbot werden die negativen Gefühle verstärkt.

Das nächste Mal sollten Sie sich zuallererst entschuldigen. Keine Sorge, eine Entschuldigung ist kein Zeichen von Schwäche. Ist es Ihnen in Ihrer Kindheit leicht gefallen, einen Fehler zuzugeben? Die meisten von uns mussten erst lernen, zu den eigenen Fehlern zu stehen – eine Entschuldigung ist ein Zeichen für Erwachsensein. Natürlich sollte die Entschuldigung nicht in eine langatmigen Rechtfertigung ausufern. Ein schlichtes „Es tut mir leid!“ öffnet die Tür für ein Gespräch zur Lösungsfindung. Ein „Regen Sie sich nicht auf!“ schließt sie. Falls Sie meinen, dass der Chef die Ursache für Ihr fehlerhaftes Verhalten dann besser versteht, nennen Sie ihm kurz den Grund dafür. Schlagen Sie Lösungsmöglichkeiten vor, die Sie vorbereitet haben. Sie werden feststellen, dass das Gespräch viel weniger emotional verlaufen wird.

 

Ingeborg Rauchberger arbeitet als Trainerin und Coach, Vortragende und Buchautorin.

 

 

Sie haben eine Frage, die Ihnen schon lange unter den Nägeln brennt?

Dann schreiben Sie uns! fragen@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 9/2013 – von Jan-Uwe Rogge, Ingeborg Rauchberger, Friederike von Tiedemann