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Spannender Schmöker<br>für Mädchen und Buben ab 10 Jahren

Und ich hab mir schon gedacht, oje … das wird nichts mehr. Nichts im Sinne von richtig guter Ferienlektüre für Mädchen UND Buben. Doch die großartige Henrike Blum vom Literaturbüro, die für etliche wichtige Kinder- und Jugendbuchverlage professionelle Pressearbeit mit hohem Engagement und reinster Herzensintelligenz leistet, hätte mir niemals ein Exemplar eines stereotypen Bubenromans geschickt. Davon gibt es Meterware genug, auf Geschlecht und Alter starr ausgerichtet.

Aber genau das war mein Eindruck ungefähr bis zum ersten Drittel des Buches: Ein klassischer historischer Abenteuerroman, nur für Jungs, so scheint es, spannend und flott geschrieben, fast 400 Seiten stark, also für richtige Leseratten. Und neben den technisch interessanten Grafiken mit einer Rollenverteilung, die ganz traditionell aufgestellt ist. Zur Bande gehören 2 Buben, Te Trois und Eddie, die um die Führung rittern, das rothaarige Mädchen Julie und ihr farbiger Halbbruder Tit fügen sich brav dahinter ein. Der jüngste hat neben der Hautfarbe noch das soziale Stigma der unehelichen Geburt und scheint überhaupt sonderlich: er ist zwar überaus schlau, spricht aber kaum. Nur seine Schwester ist ohne Einschränkung von seinen Fähigkeiten überzeugt. Sie sorgt sich um sein Wohlergehen, ebenso eine eindeutig weibliche Qualität. Doch Julie kann auch anders!

Dieses illustre Grüppchen paddelt im Jahre 1904 auf einem selbstgebauten Kanu durchs Sumpfgebiet und will Fische fangen. Stattdessen finden sie 3 Dollar in einer rostigen Blechbüchse und einigen sich auf eine Investition, die eindeutig Abenteuer nach Bubengeschmack verspricht. Die Bestellung beim Walker & Dawn Co. Versandhaus geht aber gehörig schief – statt des georderten Revolvers wird eine kaputte Taschenuhr geschickt – und die Bande macht sich auf, um rätselhaften Verbrechen auf die Spur zu kommen. Die Eisenbahner-Taschenuhr bildet dabei einen eleganten Rahmen. Die lange und gefährliche Reise führt mehr als 3000 Meilen nach Norden, aus den Sümpfen bei Louisiana bis nach Chicago. Und blumig ausgedrückt erheben sich die Kinder aus dem Morast ihrer Herkunft und schaffen durch Mut, Zusammenhalt und Widerständigkeit den Sprung in ein besseres Leben.

Dass ich trotzdem weitergelesen habe, war zum einen meinem Vertrauen in Henrike (www.literaturbuero.at) zu verdanken, zum anderen der konkreten Mark-Twain-Referenz ab Seite 139. Dass sich Morosinotto vom Vorbild der Abenteuer von Tom Sawyer und Huck Finn inspirieren hat lassen, steht von Anfang an unausgesprochen im Raum. Es spricht für Qualität, dass er offen darauf verweist. Und Bücher, in denen jungen Leserinnen und Lesern so ganz beiläufig Klassiker empfohlen werden, die haben bei mir sowieso einen Stein im Brett.

Doch auch der handwerklich geschliffene Bau der ersten Kapitel entlang von etlichen Gebrauchsgegenständen aus dem Sortiment des historisch belegten Versandhauskatalogs hat mich neugierig gemacht. Die Katalogseiten, Zeitungsausschnitte, Plakate und alten Landkarten, die dem Text reichlich beigestellt sind, sorgen dafür, dass die fiktive Abenteuergeschichte als historische Reisebeschreibung ihre Qualität erhält. Geografisch interessant ist das Gebiet des „Bayou“ – so werden in den Südstaaten langsam fließende oder stehende Gewässer genannt –, das ideal ist für geheimnisvolle Paddeltouren, ebenso wie die Fahrt mit dem Schaufelraddampfer entlang des Mississippi.

Die 4 Mitglieder der Bande erzählen nacheinander. Den Anfang macht Te Troi, der Verwegene, der das Leben beherrschen wollte. Durch die jeweils eigene Perspektive lernen Lesende die Gedankenwelt und innere Haltung aller Figuren ganz unverstellt kennen. Das abschließende Kapitel, von Tit nach einem Zeitsprung von etwa 60 Jahren verfasst, hält einige Überraschungen parat. Davor enthüllt Julie ihre wahre Stärke. Mit Geschick geht sie mit den Grenzen, die ihr aufgrund ihres Geschlechts zugewiesen werden, um. Sie nennt sich insgeheim die „Gepanzerte Julie“ und verhindert so, dass ihr andere wehtun. Doch wandelt sie sich im Verlauf der Handlung zu einer, die den Panzer selbstbewusst einsetzt, um zu kämpfen.

Geschickt komponiert und komplex aufgebaut, gewürzt sogar mit einer kleinen Prise Love Story, ist die Mississippi-Bande also auch ideales Lesefutter für Mädchen ab 10. Nicht wegen dem Hauch Romantik, sondern vielmehr wegen der starken Mädchen- und Frauenfiguren. Julies beruflicher Werdegang führt sie über die Jahre ganz weit nach oben: Sie ist schlussendlich als Senatorin in der Lage, jenen zu helfen, die sich nicht selbst helfen können, vor allem Mädchen. In dieser Funktion reist sie kreuz und quer durch die USA. Differenziert gezeichnet ist auch die Journalistin Elli Clement – sie veröffentlich unter männlichem Pseudonym äußerst erfolgreiche Reportagen im Chicago Daily Tribune, die den Kindern bei der Auflösung der Verbrechen hilfreich sind – und wird für die Vier fast mütterliche Begleiterin während des rasanten Finales der Schatzsuche. Zuletzt geht es um die Jagd nach den verschollen geglaubten Inhaber-Wertpapieren des Warenhauses. Sie bündeln ihre Fähigkeiten, die sich nie platt und reibungslos ergänzen. Der unscheinbare, autistisch wirkende Tit entpuppt sich im rechten Moment als Zahlengenie und hat den alles entscheidenden Code parat. Obwohl die Kinder den kniffeligen Kriminalfall natürlich selbstständig lösen, ist die Journalistin Elli zuletzt dabei anwesend und verhilft ihnen zu ihrem Recht als neue Eigentümer des Versandhauses. Im Gegenzug sichert sie sich rechtzeitig sehr clever bei den Kindern die Exklusivrechte an der Story. So können wir nun das Abenteuer der Mississippi-Bande genüsslich lesen. Viel Spaß dabei!

 

Danke, liebe Henrike, für deine wegweisenden Kompetenzen:

Obwohl du die Interessen deiner ausgesuchten Verlage vertrittst, bis du durch und durch kritische Literaturliebhaberin geblieben – für deine qualitätsvolle Pressearbeit die ideale Voraussetzung!

Davide Morosinotto:

Die Mississippi-Bande

Wie wir mit drei Dollar reich wurden

Roman für Mädchen und Buben

ab 10 Jahren

ISBN 978-3-522-18455-7

EUR 15,40 (A)

Stuttgart: Thienemann 2017

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

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