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Träumen kostet Mut

Diese Lesezeichen haben Ähnlichkeiten miteinander, nicht nur, weil sie immer dieselbe Autorin haben: Ich nehme ganz selten den ersten Satz oder Absatz, um O-Töne zu vermitteln. Bei diesem Bericht, der sich wie ein Roman liest, wie eine Biografie motiviert und wie eine Kampfschrift auf mich wirkt, hat mich gleich der erste Absatz gerührt. So richtig getroffen.

 Meine Mutter hat mir beigebracht, dass in diesem Land jeder die gleichen Chancen hat. Sie hat mich dazu ermutigt, zu träumen. Obwohl sie sich in den Warteräumen des Jobcenters nicht als vollwertiger Mensch und oft hilflos fühlte, habe ich sie nie auf andere oder auf den Staat schimpfen hören.

Denn wie redet Deutschland hässlich über seine Hartz-IV-BezieherInnen und Österreich ist nicht besser, das schiefe Bild der „sozialen Hängematte“ hält sich ja hartnäckig. Und dann kommt Undine Zimmer, Journalistin, und erzählt uns von ihrer Kindheit, von ihren Eltern, ihrem Umfeld und ihrem Aufwachsen: nicht reißerisch, nicht nach Mitleid heischend – eine solche Mutter hätten wir doch alle gern, eine Mutmachmutter! – und all die Selbstzweifel äußernd, von denen „soziale AufsteigerInnen“ ihr Leben lang begleitet werden. Therapie hilft da nichts, warum auch: Man weiß, woher man kommt und kennt all die Benimmregeln nicht, die Leichtfüßigkeit des Bürgertums ist einem völlig fremd und ein Ausflug ist schon was Besonderes. Für dieses Buch habe ich auch mein Vorhaben „aktuell“ weggeschmissen, denn es erschien bereits 2013. Über seine Aktualität müssen wir jetzt aber nicht reden? Oder?

Undine Zimmer hat nicht über ihre – getrennt lebenden – Eltern geschrieben, sondern über sich und ihre Kindheit. Dann hat sie den Text ihren Eltern gezeigt, manches verändert: Das heißt Respekt, Achtung, Liebe. So erzählt uns die Autorin von ihrer Kindheit, von einem Leben mit Transferleistungen und will keine Verallgemeinerungen aufkommen lassen: Sie schreibt über sich, ihre Kindheit, ihre Erlebnisse. Sie hatte es gut, findet sie, die Mutter hat sich beispielsweise ihre Ballett-Stunden – die waren sehr günstig! – förmlich vom Mund abgespart. Dann hat das Mädchen auf seinem Weg immer wieder Menschen getroffen, die es förderten, begleiteten, auf Ausflüge mitnahmen, auch einmal ins Konzert.

Plötzlich waren Sonntage nicht nur Tage, an denen nichts passierte und niemand Zeit hatte. Wir machten gemeinsame Spielfilmnachmittage, Ausflüge in den Tiergarten und aßen anschließend Pfannkuchen. Zum einen habe ich also sehr viel erlebt für ein Kind aus einer armen Familie. Zum anderen habe ich es fast immer ohne meine Familie erlebt und mich daran gewöhnt, Dinge ohne meine Mutter zu tun.

Nach dem Studienabschluss kellnert Undine Zimmer, sie muss ja schließlich die Miete bezahlen, hat Auslagen: Eine ihrer Uni-Professorinnen begegnet ihr im Cafe und staunt. Ist hier Endstation des Aufstiegs? Undine Zimmer blickt zurück in ihre Schulzeit, wie anders sahen die Wohnungen der MitschülerInnen aus: größer, mit Rückzugsräumen, Kinderzimmer genannt. Undine zieht sich damals in die Badewanne zurück, um in Ruhe lesen zu können, es gab wenig Raum daheim. Doch die Mutter hört Platten, ist ausgebildete Krankenschwester, liest, fördert das Kind – übrigens: Undine ist ihr richtiger Vorname, ein Wesen zwischen zwei Welten, wie passend, wie weise von der Mutter. Und in diesem Mutter-Tochter-Kosmos wird das Ivar-Regal zum Symbol: Die anderen haben es im Keller stehen, bei ihnen steht es im Wohnraum, alles, was ihnen Wert ist, muss reinpassen. Der Vater, der damals noch Taxi fuhr, hat die Sachen von Ikea in die neue Wohnung geliefert: Umzug, Rausreißen aus Vertrautem, weil dort die Miete zu hoch war; genaue Kalkulationen – das beherrscht die Mutter, beim Einkauf beim Diskonter und beim Einkauf bei Ikea. Das Abwägen, das Sich-Bescheiden – brauch ich das jetzt wirklich – ist immer präsent, gibt auch Freiheit, ist gleichzeitig auch Einschränkung.

Und dann kommt ausgerechnet die Undine häufig zu spät in die Schule: Nein, keine schlampigen Verhältnisse, nein, die Kleine hört so gern Radio, am Morgen gibt es einen Fortsetzungsroman, den will sie nicht versäumen. Die Mutter lässt sie gehen, zu Jugendgruppen, zu den Familien ihrer Mitschüler, damit das Kind nichts versäumt: Sie selbst hat diese glücklichen Momente versäumt, war nicht bei der Maturafeier Undines in Schweden mit dabei, doch der Vater kam, die Mutter hat es nicht geschafft. Loslassen, hier im Extrem gelebt, zum Wohle des Kindes und gegen alle Vorurteile der Gesellschaft.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: einfach all das.

 

Die Autorin, Jahrgang 1979, studierte in Berlin Skandinavistik, Neuere Deutsche Literatur und Publizistik. Sie hat u. a. bei der „Zeit“ gearbeitet, ihre Reportage „Meine Hartz-IV-Familie“ erschien im Zeitmagazin, sie erhielt dafür den Henri-Nannen-Preis.

 

 

Undine Zimmer:

Nicht von schlechten Eltern.

Meine Hartz-IV-Familie.

Frankfurt a. Main: S. Fischer Verlag 2013.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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