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Trauernde sind unberechenbar

Der Tod hat sich im Leben breitgemacht. Wie es aussieht, hat er nicht vor, die Bühne so schnell wieder zu verlassen. Ein Austausch mit einer Bestatterin über die Trauer und die große Unsicherheit, die sie umgibt.

Rundum das pralle Leben, fröhliche Menschen, der Duft der Blumen, die Wärme der Sonne. Es scheint unfassbar, nahezu unverschämt, dass jeder und alles so ungeniert weiterlebt. Ich selbst erlebe mich als verblieben auf dieser Welt, immer noch ratlos über das Bewältigen der Zeit. „Die eigene Betroffenheit ist oft der Auslöser, sich erstmals intensiv mit dem Tod zu beschäftigen“, sagt Bestatterin und Trauerbegleiterin Nicole Rinder zu mir, als ich mit ihr über den Umgang mit Trauer und über meine persönlichen Erfahrungen nach dem Tod meines Bruders spreche.

Ich habe oft gehört: „Ich bin für dich da. Melde dich, wenn du etwas brauchst.“ Irgendwann konnte ich diesen Satz kaum mehr ertragen. Auch dieses „Du musst jetzt nach vorne schauen“ oder „Er möchte sicher nicht, dass du so traurig bist“.
Nicole Rinder: Ach ja, so viele untröstliche Worte, die keinen Halt geben. Dass ein trauernder Mensch nicht nach vorne schauen kann, ist in der Gesellschaft, wenn, dann nur kurz vorgesehen. Das ist kein Vorwurf, so sind wir nun einmal: Jemandem, der plötzlich Tod und Trauer mitbringt, wird auch mit Vorbehalt, hinter dem sich Unsicherheit verbirgt, begegnet. Angehörige und Freunde von Trauernden bitte ich, aktiv da zu sein. Ein Trauernder meldet sich nicht. Dazu ist er in den meisten Fällen nämlich nicht in der Lage.

Der Rückzug vieler Menschen ist in der Trauerzeit eine zusätzliche schmerzhafte Erfahrung. Eine Freundin hat in den ersten Wochen und Monaten meiner Trauer aber nicht „nachgelassen“. Sie hat nachgefragt, immer wieder. Sie hat mich aber auch einfach zum Spazierengehen abgeholt und zum ganz normalen, lustigen Zusammensein.
Wie schön, dass Sie so jemanden haben! Oft sind es Menschen, die Ähnliches durchgemacht haben, die solche Angebote machen: zu Aktivitäten in der Natur mitnehmen, gemeinsam weinen, gemeinsam lachen, einkaufen gehen, einen Topf Suppe vor die Tür stellen. Aber bitte nicht gekränkt sein und mit Rückzug reagieren, wenn der Trauernde ablehnt, Nein sagt, alleine sein möchte.

Die Rückkehr in die Arbeitswelt habe ich als anstrengend empfunden. Überhaupt war „draußen“ alles so laut und hell. Gleichzeitig war mit der Arbeit auch für einige Stunden am Tag Beruhigung verbunden, denn da war mein Arbeitsplatz, an dem alles so funktionierte wie immer und an dem ich in meiner beruflichen Rolle gefordert war.
Für viele ist das so, wie Sie es beschreiben: Routine, die beruhigt. He­rausforderungen, die auf andere Gedanken bringen. Die Kehrseite ist aber oft, dass das Umfeld sieht: „Aha, sie arbeitet wie immer, alles ist gut. Dann fragen wir jetzt auch lieber nicht nach, um sie nicht zu erinnern.“ Das ist ein Trugschluss, denn jemanden, der um einen geliebten Menschen trauert, kann man nicht erinnern. Der- oder diejenige trägt den Verstorbenen ohnehin jeden Tag, jede Stunde im Herzen. Nicole Rinder ist Bestatterin und Trauerbegleiterin in München. Sie selbst musste ihren Sohn an seinem vierten Lebenstag gehen lassen. Seither – das war vor 17 Jahren – ist der Tod ihr Lebensthema, mit dem sie sich in sehr versöhnter Art und Weise befasst. Ihre Aufgabe sieht sie darin, den Menschen die Angst vor dem Tod, aber auch vor dem Trauern zu nehmen. Ihr aktuelles Buch „Der Tod bringt mich nicht um. Warum ich Bestatterin geworden bin“ ist im Patmos Verlag erschienen.

Lesen Sie mehr dazu in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frau“ 11/17