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Wunde Füße, müde Augen, schmale Gesichter: Die körperlichen Strapazen sieht man Kriegsflüchtlingen an. Doch die schweren psychischen Verletzungen sind unsichtbar.

Nach einem Trauma ist nichts mehr wie zuvor. Der Kontrollverlust wiegt schwer. Lebensunsicherheit und Misstrauen machen sich breit. Betroffene versuchen zunächst, quälende Erinnerungen zu unterdrücken. Doch Flashbacks und Albträume spülen sie hoch – ein Teufelskreis. Das dauernde Verdrängen beeinträchtigt den Alltag, raubt Energie. Vielen wird das erst bewusst, wenn sich psychogenes Leiden durch Kopf- und Herzschmerzen, Konzentrationsprobleme, Panikattacken, Taubheitsgefühle und Schlafstörungen manifestiert.

Kriegsflüchtlinge betrifft das besonders. „Sie sind wesentlich tiefer verwundet als behütet aufgewachsene Menschen, die einen einmaligen Schock erlebten“, sagt Psychotherapeutin Ursula Weixler (48). Sie betreut Kriegsflüchtlinge im Caritas-Familienzentrum in Wien. Die meisten stammen aus Exjugoslawien, Tschetschenien, Afghanistan, Syrien und dem Irak. Stets liegen multiple Traumata vor. „Erst der Krieg. Dann die Flucht. Skrupellose Schlepper. Ertrinkende im Meer. Kriminalität in der vermeintlich homogenen Masse. Tränengas- und Knüppeleinsätze vor den Grenzen Europas – diese Eindrücke potenzieren den Horror.“ 

SANFTER UMGANG NÖTIG
Selbst wenn Flüchtlinge in Sicherheit sind, hört die Angst nicht auf. Die permanente nervliche Anspannung und Wachsamkeit, „Hyperarousal“ genannt, bewirken massive Verspannungen – Muskelverhärtungen als Schutzpanzer. Gefühle werden oft erst über Körpertherapie zugänglich. Viele sind zudem extrem lärmempfindlich und verstehen sich selbst nicht mehr. Jeder soziale Kontakt wird zur Herausforderung. Isolation und Depressionen sind die Folgen.

Fehlen „Anschluss, Perspektiven und Beschäftigung“, verstärkt sich das Gefühl von „Sinn- und Nutzlosigkeit“. Männliche Flüchtlinge geraten unter besonders großen Druck. Sie müssten bestehen, sollten Geld nach Hause zu ihren Familien schicken, weiß Weixler und schwenkt zu bosnischen KlientInnen, die vor 20 Jahren nach Österreich kamen. Ein paar Therapiestunden hätten sie „ausgehalten“, danach schufteten sie lieber, um ein neues Leben zu beginnen. Die Arbeit brachte zwar die ersehnte Ablenkung, doch auch Krankheiten und die Frühpension. „Manche können vor Schmerzen kaum gehen, so sehr schreit ihre Seele.“

Dennoch ist die Bandbreite an Traumata riesig, und ihre Ausprägungen sind individuell verschieden. Nichts lässt sich hier über einen Kamm scheren. Alle Traumatisierten bräuchten aber einen sanften Umgang, weil sie sonst impulsiv werden. „Die ganze Zeit üben sie sich in Selbstbeherrschung, um das Angetane ertragen zu können. Sobald sie erneut Gefahr wittern, reagieren Körper und Psyche von Betroffenen unverständlich heftig“, so Weixler. 

INNERE ABSPALTUNG
Immer sind es erschütternde Ereignisse, die Traumata auslösen. Todesangst und Ohnmacht treffen Menschen mit voller Wucht, sie verlieren ihre Handlungsfähigkeit. „Sind weder Flucht, Verteidigung oder Starre als Reaktion auf Gefahr möglich, bricht man ziemlich weit in sich zusammen. Die letzte Rettung für die Seele heißt dann: ,innere Abspaltung‘“, erklärt Weixler. Um sich vor dem totalen Kollaps zu schützen, macht sich sozusagen die Seele aus dem Körper davon. Sie geht auf Distanz zum Selbst. Viele Traumatisierte erinnern diese Dissoziation als außerphysische Wahrnehmung. Eine schlagartige Änderung im Gehirnstoffwechsel bewirke den Eindruck, „von oben zuzuschauen, gar nicht live dabei zu sein“. Das Erlebte werde nicht ganzheitlich, sondern in getrennten Wahrnehmungsinhalten abgespeichert.

„Abspaltung ist eine erstaunliche Leistung und Ressource. Man lässt nämlich nicht zu, dass einen die Gefühlsflut vollkommen überwältigt“, meint dazu die Psychotherapeutin Barbara Preitler (51), Gründungsmitglied von „Hemayat“, einem Wiener Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende. Abspaltung schütze davor, das blanke Entsetzen erleben zu müssen oder, wie Jean Améry (österreichischer Schriftsteller, der das KZ überlebte) es formulierte, „waffenlos der Angst ausgeliefert zu sein“…

Mehr dazu in „Welt der Frau“ 12/15 – Seite 22ff

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/15 – von Petra Klikovits