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Wie leben Frauen am Beginn des 21. Jahrhunderts in Österreich? Woran glauben sie? Welche Ansprüche stellen sie an die Gleichstellung der Geschlechter, nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch innerhalb der Kirche? Die exklusiv für Welt der Frau erstellte Studie gibt vielfältige Bilder von Frauenleben.

Frauenleben entwickeln sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und verschiedene Richtungen.

Den einen geht dieser Veränderungsprozess viel zu rasant voran. Den anderen zu langsam. Wieder anderen scheint die Entwicklung in eine falsche Richtung zu laufen. Nur eines ist klar: Die »typische Frau«, die gibt es heute in der noch unserer Großmüttergeneration vertrauten Form nicht mehr. Was umrisshaft bereits ein historisch sensibler Blick in die Alltagserfahrung zeigt, kann nun durch die wissenschaftliche Auswertung mehrerer Studien deutend und erklärend vertieft werden. Die Daten dafür liefern Erhebungen aus vier Jahrzehnten, in denen Univ.-Prof. Paul M. Zulehner Menschen ? Frauen und Männer ? zu Themen der Lebensgestaltung, der Werte und des religiösen Glaubens befragt hat.

NEUE KONSTELLATIONEN.

»Typisch Frau« gibt es also nicht mehr ? auch wenn von manchen Seiten ein Drängen auf stereotypenkonformes Verhalten hörbar wird: zum Beispiel wenn ? wie kürzlich geschehen ? der ehemalige Vorstand der Deutschen Bank und Autor Thilo Sarrazin die gebildeten Frauen öffentlich dazu aufruft, ihrer Pflicht zur Mutterschaft nachzukommen. Insgesamt muten solche Versuche jedoch eher skurril an. Was es aber sehr wohl gibt ? und was die Studienergebnisse eindrücklich belegen: Es lassen sich verschiedene Typen von Frauen ausmachen, die sich in ihrer Lebens- und Glaubenskultur deutlich voneinander unterscheiden. Als traditionsbewusst, pragmatisch, suchend und modern haben wir sie charakterisiert. Interessant an den Studienergebnissen ist, dass die Hauptdifferenz heute nicht mehr zwischen Frauen auf der einen und Männern auf der anderen Seite verläuft, sondern zwischen »traditionsbewusst« und »modern«. Eine moderne Frau und ein moderner Mann werden bezüglich Lebensgefühl und -einstellungen leichter eine gemeinsame Basis finden als eine moderne Frau mit ihrer traditionsbewussten Schwester.

FRAUENTYPEN.

Traditionsbewusst ? das sind jene, die das »klassische« Modell leben und auch einstellungsmäßig präferieren: »Ein Kleinkind wird wahrscheinlich darunter leiden, wenn die Mutter berufstätig ist. Frauen sind von Natur aus besser dazu geeignet, Kinder aufzuziehen. Die Frau soll für den Haushalt und die Kinder da sein, der Mann ist für den Beruf und für die finanzielle Versorgung zuständig.« Das sind Aussagen, die unter traditionsbewussten Frauen höchste Zustimmungswerte erhalten. Anders ihr Gegenüber, die Modernen: Während sie sich bei den genannten Aussagen sehr vorsichtig bis ablehnend zeigen, ist ihnen anderes wichtig, was wiederum von den Traditionsbewussten mit Skepsis wahrgenommen wird: »Berufstätigkeit ist der beste Weg für eine Frau, um unabhängig zu sein. Frauenemanzipation ist eine sehr notwendige und gute Entwicklung. Beide, Mann und Frau, sollten zum Haushaltseinkommen beitragen.« Diese Aussagen stehen für ein gleichwertiges, gleichberechtigtes Miteinander, das moderne Frauen schätzen. Zwischen den Positionen der Modernen und Traditionsbewussten verorten sich die Suchenden und die Pragmatischen. Letztere finden und leben eine eigene, für sie passende Mischung aus traditionellen und modernen Werten. Etwas anders ist die Lage bei der vierten Gruppe: Für diese Frauen tragen die alten Werte nicht mehr, sie fühlen sich aber auch in den modernen Rollen noch nicht ganz heimisch ? sind also biografisch auf der Suche.

ENTWICKLUNGSLINIEN.

Bevölkerungsmäßig machten 2010 die Traditionsbewussten 12 %, die Pragmatischen 30 %, die Suchenden 21 % und die Modernen 36 % der Frauen aus. Damit verlief die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten insgesamt deutlich von traditionellen hin zu modernen Rollenbildern. Allerdings hat sich in der letzten Dekade diese Entwicklung verlangsamt bzw. sogar ganz leicht umgekehrt: die Zahl der Modernen und der Suchenden hat etwas abgenommen, die der Traditionsbewussten und Pragmatischen ist etwas gestiegen. Zeichnet sich gar eine Trendwende ab? Zudem bleiben die Männer ? was die Entwicklung in Richtung moderner Geschlechterrollen betrifft ? deutlich hinter den Frauen zurück. Ein Befund, der sich noch verschärft, wenn man das Ganze altersmäßig aufschlüsselt: Während junge Frauen nämlich nach wie vor stark zum Modernen tendieren, sind die jungen Männer hier äußerst zurückhaltend. Gesellschaftliche Spannungen scheinen damit vorprogrammiert, eine gemeinsame Geschlechterpolitik zu beiderseitigem Gewinn dringend an der Zeit.

MEGATHEMA VEREINBARKEIT.

Die beschriebenen Entwicklungen lassen uns zudem fragen, ob die modernen Rollen unter den gegebenen gesellschaftlichen Voraussetzungen als zu anstrengend, ja letztlich als überfordernd erlebt werden. Dafür geben die Studien starke Anhaltspunkte: 60 % aller Frauen mit Kindern im Haushalt waren 2010 der Überzeugung, dass das Leben einer Familie einfacher ist, wenn ein Elternteil nicht arbeitet und zu Hause bleibt. Unter den Männern waren es mit 63 % sogar noch mehr. Da ist das ständig erforderliche Aushandeln, wer wofür in Partnerschaft und Familie verantwortlich ist, wobei besonders Frauen hier ? in ihrer Wahrnehmung ? in vielen Bereichen Verantwortung (mit) übernehmen, die ehemals Männern zugeschrieben wurden, sich in anderen Bereichen aber deswegen nicht entlastet fühlen. Ein verbreitetes Beispiel: Sie ist jetzt zwar mitverantwortlich für das lebenssichernde Familieneinkommen, trägt aber nach wie vor allein die Verantwortung für Haushalt und Kinder. Der heikle Balanceakt zwischen Familie und Beruf klingt an: dass beides zu vereinbaren äußerst schwierig ist, war 2002 die Erfahrung von mehr als der Hälfte der befragten Frauen und Männer, nur etwa 11 % der Männer und 8 % der Frauen sahen kein Vereinbarkeitsproblem. Eine weitere gesamtgesellschaftliche Herausforderung zeichnet sich ab: Wie können Rahmenbedingungen so geschaffen werden, dass nicht nur jeweils neu und mit viel Energieaufwand individuelle Lösungen gefunden werden müssen? Und dass berufliche Selbstentwicklung und familiäres Engagement zugunsten der nächsten Generation nicht in Dauerspannung stehen und zu zermürbenden Wertekonflikten führen?

Glauben: Ist der Synkretismus, die Vermischung von religiösen Ideen, im Vormarsch?

Ein weiterer Bereich, wo sich die Frauentypen zum Teil deutlich voneinander unterscheiden, ist der religiös-spirituelle. Auffallend ist jedoch auch, dass Frauen insgesamt religiös bzw. spirituell interessierter sind als Männer ? so der eindeutige Befund sowohl in der Selbst- als auch in der Fremdeinschätzung. Konkret zeigt sich das z. B. in der Sensibilität für außergewöhnliche Erfahrungen: im Empfinden, von einem »guten Geist« behütet oder geführt zu sein, in der Wahrnehmung der Gegenwart Gottes oder des Alleinsseins etc. Es zeigt sich aber auch im Besitz religiöser Gegenstände (vom Kreuz über Glücksbringer bis zur Ikone) und in der Bedeutung, die alltagsreligiöse Praktiken haben: vom Gebet bis hin zu fernöstlichen Übungsformen wie Meditation, Yoga, Tai-Chi u. v. a. m. Frauen haben somit eine große Sensibilität für die Tiefe und den Geheimnischarakter des Daseins. Dennoch ist der religiöse Glaube an Gott im Abnehmen begriffen, und das betrifft sowohl die Stärke als auch die Verbreitung. Auch ist er bei jungen, vor allem gebildeten Frauen deutlich schwächer ausgeprägt als bei älteren. Wie sehr dieser Glaubensrückgang damit zusammenhängt, wie Frauen die Kirche wahrnehmen, geht aus den Studienergebnissen nicht eindeutig hervor. Deutlich wird jedoch, dass auch die Kirchlichkeit von Frauen in den letzten 40 Jahren stark abgenommen hat (- 21 Prozentpunkte). Ein Problemfeld ist dabei sicherlich das Thema des gleichberechtigten Miteinanders von Frauen und Männern: 76 % aller Frauen halten dieses für wichtig für die Lösung der großen gesellschaftlichen Probleme, sehen ein solches Miteinander jedoch mit überwiegender Mehrheit (69 %) in der katholischen Kirche nicht verwirklicht. Das ist für sie nicht einfach ein profanes, sondern ein wichtiges religiöses Thema. 64 % aller Frauen, 79 % der Modernen, wünschen sich beispielsweise mehr Frauen in der Kirchenleitung. Moderne Frauen scheinen sich dabei insgesamt mit der gegenwärtigen Kirchengestalt schwerer zu tun als traditionelle.

WIE GEHT ES WEITER?

Welche Konsequenzen kirchlicherseits aus diesen und weiteren Ergebnissen der Studie gezogen werden, bleibt mit Spannung zu erwarten, handelt es sich doch um die große, vom Zweiten Vatikanischen Konzil aufgeworfene und bisher unbeantwortete Frage, wie sich die katholische Kirche zur Moderne verhält ? konkret: ob sie sich mutig hineinbegibt in die vielfältigen Lebenswirklichkeiten von Frauen, mit all ihren Fragen und Problemen, ihren Freuden und Ängsten. Oder ob sie versucht, eine Kontrastgesellschaft zu einer als problematisch wahrgenommenen Moderne aufzubauen. Fällt die Entscheidung für Ersteres, sind Pluralitätslust, Pluralitätstoleranz und Pluralitätsmanagement angesagt. Dann gilt es zuallererst genau und wertschätzend hinzuschauen, wie Frauen heute leben und glauben. Dazu lädt die Studie ein!

Dr.in Petra Steinmair-Pösel ist Theologin am Institut für Sozialethik der Universität Wien und Co-Autorin des Buches »Typisch Frau? Wie Frauen leben und glauben.«