11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Über unfreiwillige Tarnkappen und Buddhabäuche

Man würde meinen, mit meinem Achtmonatsbauch und meinen wallenden Umstandskleidern bin ich an sich ein Augenjuwel und kaum zu übersehen. Heute wurde mir die Tatsache, dass genau das Gegenteil der Fall ist, sehr deutlich und nicht zum ersten Mal bewusst. Ich habe eine Veranstaltung an meinem alten Arbeitsplatz besucht, um wieder etwas vom aktuellen Geschehen mitzubekommen und um ein paar nette Gespräche mit alten Bekannten und ehemaligen Kolleginnen zu führen. Voller Vorfreude stapfte ich die vielen Stufen hoch, um mich in einer äußerst befremdlichen Situation wiederzufinden. Kaum jemand kam auf mich zu, die meiste Zeit stand ich mit Augenkontakt Ausschau haltend nach freundlichen Gesichtern wie der Ochs vorm Berg herum. Im Gegensatz dazu passiert es mir immer wieder in der Öffentlichkeit, dass Menschen meinen Bauch anstarren und berühren wollen, als sei ich ein magischer Buddha, dessen Bauch gerubbelt werden will, um ein Stück vom Glück zu erheischen.

Bin ICH denn unsichtbar geworden, seit ich meinen neuen Körperumfang habe? Bin ich vielleicht durch meinen Status als junge Künstlerin mit Kind im Bauch in eine gesellschaftliche Kategorie platziert worden, in der es mein Los ist, entweder grundsätzlich übersehen oder als kurioses Zirkuspferdchen auf meinen Bauch reduziert zu werden? Bin ich eine Abtrünnige meiner Klasse?

Es gibt zahlreiche Studien, die statistisch die Bedingungen der Lebensumstände von Künstlerinnen untersuchen. Vereinfacht gesagt ist die Essenz dieser Studien, dass Künstlerinnen deutlich weniger Kinder bekommen als der Durchschnitt der Gesellschaft und wenn, dann meistens gegen 40 und darüber hinaus weniger soziale Absicherung und Einkommen haben als vergleichbare Personen aus anderen Berufsgruppen. Eine weitere Schlussfolgerung aus diesen Studien ist, dass bei weitem die meisten Künstlerinnen unter 35 kinderlos sind. Mit meinen 31 Jahren bin ich also die Ausnahme von der Regel.

Es herrscht in der Kunst das unausgesprochene, sexistische und äußerst problematische Credo: Du musst es als Künstlerin erst geschafft haben, um Kinder haben zu dürfen, damit du dir deine Karriere nicht verbaust. Ich bin weder auf den Mund gefallen noch als Feministin ungeübt, wenn es darum geht, gesellschaftliche Schieflagen anzusprechen. Dennoch sehe ich mich in einer gänzlich neuen Situation mit ebenso neuen Vorurteilen und Stereotypen konfrontiert und muss erst lernen damit umzugehen. Wie ich mich kenne, münden diese Erfahrungen in Ausgangsideen für neue künstlerische Arbeiten und lange, hitzige Diskussionen und in der Hoffnung, dadurch eine Veränderung dieser ungerechten gesellschaftlichen Bedingungen möglich zu machen.

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.