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„Über Unhöflichkeiten sollte man höflich hinweggehen“
Der deutsche Publizist und Ethik-Experte Rainer Erlinger hat ein Buch über Höflichkeit geschrieben. Die alte Tugend sei heute in keinem guten Zustand, meint er.
 

Was ist das Wertvolle an der Höflichkeit?
Rainer Erlinger: Höflichkeit hat zunächst eine wichtige oberflächliche Funk­tion: Sie verringert die Reibung im Alltag und macht den Umgang miteinander angenehmer. Das ist umso wesentlicher, je enger man zusammenlebt; zum Beispiel in Städten, wo es eine Vielzahl von Reibungspunkten gibt.

Und worin liegt ihre tiefer gehende Funktion?
Höflichkeit vermindert gegenseitige Verletzungen. Ein Verhalten, in dem die Achtung vor dem Gegenüber zum Ausdruck kommt, ist eine gute Vorbeugung gegen Gewalt, der Geringachtung vorausgeht.

Was meinen Sie mit „Achtung“, ist das eine ganz prinzipielle Angelegenheit?
Ja, mit Achtung meine ich keine Hochachtung, die man sich verdienen muss und die man verlieren kann, sondern den Respekt gegenüber dem Menschen und das Anerkennen, dass der oder die andere genauso viel wert ist wie man selbst.

Hat Höflichkeit immer mit Zurückhaltung zu tun?
Mit Zurückhaltung im Sinne von sich zurücknehmen: ja. Das bedeutet aber nicht, dass man seine Bedürfnisse hintanstellen und selbst zu kurz kommen muss. Höflichkeit ist eine Umgangstugend. Es geht nicht um den Inhalt. Höflich zu sein bedeutet nicht, auf seine eigene Position zu verzichten, sondern lediglich, sie in einer zivilisierten Form zu vertreten, die den anderen respektiert und nicht verletzt.

Sie orten in Ihrem Buch „Höflichkeit. Vom Wert einer wertlosen Tugend“ ein Bedürfnis nach mehr Höflichkeit. Gleichzeitig wird allerorten der Mangel an Höflichkeit konstatiert. Ist das nicht ein seltsamer Widerspruch? 
Ich sehe darin keinen Widerspruch. Zum einen bemerkt man ein Bedürfnis meist erst dann, wenn an der begehrten Sache Mangel herrscht. Zum anderen hat das mit dem engeren Zusammenleben zu tun. Ein Einsiedler muss nicht oft höflich sein, zu wem auch? Ein Waldarbeiter trifft vielleicht fünf Menschen am Tag. Wenn man aber morgens mit der U-Bahn ins Büro fährt und in einer großen Firma arbeitet, hat man schon bis 10.00 Uhr am Vormittag ein paar Hundert Begegnungen gehabt – die virtuellen Begegnungen im Internet und den sozialen Netzwerken noch nicht mitgerechnet – und musste schon Dutzende von Kollisionen vermeiden oder ausbügeln. Und die Geschwindigkeit des modernen Lebens tut ein Übriges. Eine Umgangstugend wird mit zunehmendem Umgang und mehr Begegnungen immer wichtiger.

Lesen Sie das ganze Interview in „Welt der Frau“ 02/17 

Rainer Erlinger,

Jahrgang 1965, ist Mediziner, Jurist und Publizist, vor allem auf dem Gebiet der Ethik. In seiner wöchentlichen Kolumne „Die Gewissensfrage“ im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ beantwortet er Fragen von Leserinnen und Lesern zu großen und kleinen Ethikproblemen des Alltags. Zuletzt veröffentlichte er sein Buch „Höflichkeit. Vom Wert einer wertlosen Tugend“ und gab eine Auswahl der „Etikette-Plaudereien“ von Eustachius Graf Pilati von Thassul zu Daxberg heraus.

 

Rainer Erlinger: Höflichkeit. Vom Wert einer wertlosen Tugend. / S. Fischer Verlag / 20,60 Euro

Rainer Erlinger: Höflichkeit. Vom Wert einer wertlosen Tugend. / S. Fischer Verlag / 20,60 Euro

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 02/17 – von Christa Spannbauer