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Man muss nicht sklavisch an Glückssymbole glauben, um sich über Glückszeichen zu freuen.

Meine Großmutter konnte es. Meine Mutter kann es. Ich kann es, und ich habe die Vermutung, dass es meine Tochter auch können wird. Bei uns wird das offenbar in direkter weiblicher Linie nahtlos von Generation zu Generation vererbt. Dass es sich um etwas Besonderes handelt, bemerkt unsereiner immer erst, wenn wieder einmal jemand völlig entgeistert ausruft: „Was? Du hast schon wieder einen Vierklee gefunden? Ich noch nie! Mein ganzes Leben lang nicht.“ Ich finde dauernd welche. Meistens mehr als einen. Manchmal so viele, dass ich einige stehen lasse. Das Glück müsste sich also wie aus Eimern über mich ergießen! Tatsächlich halte ich mich für ein ziemliches Glückskind. Das mag auch damit zusammenhängen, dass ich noch dazu an einem Sonntag geboren bin. Auch das soll Glück bringen. Es gibt da einen Zaubervers aus dem Märchen „Das kalte Herz“, den ich mir als Kind viele Male vorgesagt habe, um mich meiner besonderen Glücksnähe zu versichern: „Schatzhauser im grünen Tannenwald! Bist schon viel hundert Jahre alt. Dir gehört all Land, wo Tannen stehen. Lässt dich nur Sonntagskindern sehen.“ Im Märchen erschien dann der zauberkräftige Schatzhauser und gewährte dem Sonntagskind, das ihn gerufen hatte, drei Wünsche. So etwas ist praktisch. Das magische Denken erleichtert einem den Alltag. Man muss nicht sklavisch an Glückssymbole glauben, um sich über Glückszeichen wie den vierblättrigen Klee zu freuen.

Jahrelang habe ich ein Vierklee- Tagebuch geführt. Wo immer ich war, wohin immer ich reiste, suchte ich mir einen quasi einheimischen Vierklee. Ich ließ ihn in einem Buch trocknen, klebte ihn – steif und fast papieren – in mein Tagebuch und versah ihn mit Datum und Fundort. Ich weiß deshalb, dass es auch auf der hawaiianischen Insel Maui vierblättrigen Klee gibt, genauso wie an der französischen Atlantikküste, am Gardasee, in Osttibet oder am südafrikanischen Kap.

Ich habe im Lauf der Jahre auch häufig Auftragssuchen für FreundInnen übernommen. „Bitte, such mir doch einen Vierklee. Ich hätte so gerne einen“, hieß es. Also machte ich mich auf zur nächsten Wiesen- oder Rasenfläche, schaute ein bisschen und kam mit dem Gewünschten zurück. Inzwischen bin ich mir sicher: Wo ich keinen Vierklee finde, da ist auch keiner. Eine Freundin sagt mir seit Jahren, ich solle mich einmal bei „Wetten, dass ?“ bewerben – mit einer Spielwette à la: „Wetten, dass ich innerhalb von fünf Minuten auf jeder Wiese fünf vierblättrige Kleeblätter finden kann.“ Ich zweifle nicht, dass ich die Wette gewinnen würde.

Ich kann das besser als jeder andere (außer meiner Großmutter und Mutter natürlich). Sich darüber so haltlos zu freuen, wie ich es tue, ist natürlich kindisch. Ich weiß. Ich mache es trotzdem. Natürlich: Das rasche und so gut wie garantierte Vierklee-Finden ist eine vollkommen sinnlose, man kann fast sagen: überflüssige Spezialbegabung. Es ist nichts, woraus man eine Karriere entwickeln oder eine Lebensaufgabe machen könnte. Man kann sie in keiner anderen Art nutzbar machen, als dass man sich und anderen gelegentlich Aussicht auf ein kleines Glück beschert. Es soll sie mir also ja keiner madig machen.

Erschienen in „Welt der Frau“ 9/2013 – von Julia Kospach