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Überlebt das Dorf?

Oberumberg ist ein Bauerndorf im Mostviertel. Oder sollte man besser sagen: war? Ein Kulturprojekt fragt, was aus den bäuerlich geprägten Gemeinschaften wird, wenn es keine Bäuerinnen und Bauern mehr gibt.

Die Letzte, die aufgegeben hat, ist Rita Waser. Ein paar Stiere stehen noch im Stall, so lange, bis das letzte Futter verbraucht ist. Dann wird endgültig Ruhe einkehren auf dem Vierkanthof im niederösterreichischen Alpenvorland. „Es hat sich nicht mehr rentiert“, sagt Rita. Die Mittvierzigerin arbeitet jetzt als Küchenhilfe in einem großen Möbelhaus. Da sei zumindest ein Einkommen sicher. Der ständige Druck, in den Bauernhof investieren und wachsen zu müssen und doch zu wissen, dass man für das, was man heute Weltmarkt nennt, zu klein sei, hätte sie zermürbt. Ritas Mutter, die Altbäuerin Maria Sündhofer, hat ihr ganzes Leben lang hart auf den Feldern, den Wiesen und im Stall gearbeitet. „Das wird mir schon wehtun, wenn ich den Pächter über unseren Grund fahren sehe“, sagt sie. Über mehr als fünf Jahrhunderte wurde auf ihrem Hof geackert, geeggt, gesät und geerntet, es wurden Kühe gemolken, Kälber geboren, Schweine gemästet, Hühner scharrten im Mist und Schwalben nisteten in den Balken des Stadels. Vorbei. „Strukturwandel“ nennt man das technokratisch.

MÜLL STATT MILCH
Innerhalb weniger Jahrzehnte stirbt eine Lebensweise. Noch in den 1970er-Jahren waren die Bäuerinnen und Bauern des Dorfes Oberumberg SelbstversorgerInnen. Außer Zucker, Öl und Salz wurde kaum etwas an Lebensmitteln gekauft. Dafür gab es das, was man gerade als „from tail to nose“ wiederentdeckt: Alles, auch jedes Schwein, wurde vom Schwanz bis zum Rüssel verwertet. Die zwischen sechs und 15 Hektar großen Grünlandbauernhöfe pflegten aber auch eine Kreislaufwirtschaft, die heute wieder als erstrebenswert erkannt wird. Was die Kuh fraß, kam als Dünger zurück auf den Acker. Was auf dem Acker wuchs, verfütterte man an die Schweine. Die aß man selbst, aber geschlachtet wurden nur so viele, wie verbraucht werden konnten. Lebensmittelverschwendung: Fehlanzeige. In keinem Haushalt gab es so etwas wie einen Müllcontainer. Heute steht im Dorf anstelle der Milchbank, wo die Bauern früher ihre Milch für den Molkereiwagen bereitstellten, eine große Müllsammelstelle.

WOVON LEBEN?
Die bäuerliche Struktur des Mostviertels ist ein für Österreich typisches Zwischending. Die Böden sind fruchtbar, aber die Höfe sind mit im Schnitt zehn Hektar klein. Die Bewirtschaftung ist einfacher als auf Bergbauernhöfen, aber aufwendiger als bei den großen Getreidebauern der Ebenen. Wer Kühe im Stall hat, muss jeden Tag zweimal anwesend sein, regelmäßig. Von den neun Höfen des Dorfes Oberumberg haben sich in den vergangenen 20 Jahren sieben von der Milchwirtschaft verabschiedet. Wer wird übrig bleiben? Einer? Karl Raab, der noch von den Kühen lebt, bringt es auf den Punkt: „Es ist wirtschaftlich nichts mehr drinnen.“ Vor dem EU-Beitritt hat er mehr für die Milch bekommen als heute. Umstellen auf „bio“ oder ab Hof verkaufen? Wer macht die Arbeit? Er lebt mit seiner alten Mutter und einer Schwester auf dem Hof.

DIE ERWEITERTE FAMILIE
Ein Dorf wie Oberumberg hatte in den 1970er-Jahren 70 BewohnerInnen. Auf jedem Hof gab es Kinder, meist sogar fünf oder sechs. Heute leben im Dorf noch 45 Menschen. Auf fünf von neun Höfen gibt es keine Kinder. Das verändert das Gemeinschaftsleben und auch die Perspektiven. Als alle Höfe noch bewirtschaftet waren, hatte man viel miteinander zu tun. Man traf sich bei der Feldarbeit, man sah einander jeden Tag bei der Milchbank – und nützte die Gelegenheit zu ausführlichen Besprechungen der Lage im Dorf und in der Welt –, man borgte einander Geräte und Maschinen und half aus, wenn ein Gewitter aufzog und der Nachbar sein Heu noch nicht eingefahren hatte. Daraus entstand ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Das Dorf war eine Art erweiterte Familie. Man lebte eine ausbalancierte Form, viel voneinander zu wissen und doch diskret wegzuschauen, wo eine Einmischung den Dorffrieden gestört hätte.

WOHIN GEHT ES?
Die Zukunft ist in Oberumberg offen. Werden Höfe verkauft? Kommen Fremde ins Dorf? Entwickeln sich neue Formen von Gemeinschaftsleben? Braucht es eine bessere Infrastruktur? Braucht es einen Masterplan der Politik oder wird sich alles von selbst regeln? Momentan scheint das Dorf mehr mit dem Abschied als dem Aufbruch beschäftigt. Aber: Auf zwei Höfen gibt es sogar eine nächste Generation, die es weiter probieren will, als Milchbauer der eine, als Direktvermarkter der andere. Und auf einem anderen – stillgelegten – Hof hat eine „Städterin“ eingeheiratet, die gerade eine Massagepraxis mit Yogastudio einrichtet. Das Dorf ändert sich. Vielleicht geht es ja darum, die Chancen der Veränderung zu erkennen.

Aus Oberumberg. Nach Oberumberg

„Fliehkraft“ heißt das Generalthema des niederösterreichischen „Viertelfestivals“. Oberumberg ist ein Bauerndorf in der Gemeinde Euratsfeld im Alpenvorland. Christine Haiden und Franz Weingartner, die beide aus Oberumberg stammen, stellten allen, die im Dorf geboren sind oder jetzt dort wohnen, die Frage, was sich im Dorf verändert hat und wohin es sich entwickeln kann. Ihre Antworten und viele Dorfgeschichten sind in einem Video gesammelt, das während des Festivals im Dorf durchgehend gezeigt wird.

Die ehemalige Milchbank wurde vom Künstler Markus Hiesleithner zu einer begehbaren Skulptur gestaltet. Dort läuft das Video. Man kann aber auch ungeniert mit den DorfbewohnerInnen direkt plaudern oder sich das Booklet kaufen. Darin werden die Häuser des Dorfes und die dort wohnenden Familien beschrieben. Zusätzlich enthält das kleine Buch das „kulinarische Dorfkulturerbe“, Rezepte und Geschichten einer nachhaltig bäuerlich geprägten Küchenkultur.

Bis 7. August in Oberumberg, 3324 Euratsfeld. Am 3. Juli und am
7. August gibt es zusätzlich Veranstaltungen, die für alle zugänglich sind. www.oberumberg.at 

Das Booklet mit DVDs und Rezepten ist um 20 Euro plus Versandspesen erhältlich über: office@weinfranz.at, www.welt-der-frau.at/shop

Erschienen in „Welt der Frau“ 0708/16 – von Christine Haiden