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Überraschungsgäste mag man eben
Manfred Bötscher schenkt seiner Frau Margit zum Geburtstag jeden Monat ein Überraschungstreffen. Mitte Dezember war die Welt der Frau-Leserin bei mir zu Gast.

„Ich weiß, es ist abgekupfert, aber ich schenke dir zu deinem 50. Geburtstag in jedem Monat eine besondere, überraschende Begegnung.“ So hatte Manfred Bötscher in seinem Geburtstagsbrief an seine Frau Margit formuliert. „Abgekupfert“ hatte er die Idee der überraschenden Begegnungen kurioser Weise bei seiner Frau selbst. Sie hatte ihm das vor ein paar Jahren auch geschenkt. Und ihn damit so begeistert, dass er ihr Dasselbe gönnen wollte.

„Wann haben Sie erfahren, dass Sie heute in die Redaktion kommen?“ will ich von Margit Bötscher wissen, als sie mit Schwung zur Tür herein kommt. „Heute Morgen! Deswegen hatte ich auch gar keine Zeit mehr, mich vorzubereiten!“ Wie gut, denke ich bei mir, dann können wir nun ganz ungezwungen plaudern. Andrea Pramhas, die Redaktionsassistentin hat den Kaffeetisch hübsch gedeckt und ein kleines Geschenk vorbereitet. Noch vor dem ersten Schluck Kaffee sind wir mitten in lebhaften Debatten. Ich erfahre die Lebensgeschichte einer tollen Leserin. Seit 30 Jahren ist Margit Bötscher Abonnentin. „Die Zeitschrift habe ich damals zur Hochzeit geschenkt bekommen.“ Sehr genau würde die Zeitung im Haus gelesen, mit Eselsohren versehen, verwertet und als Anregung für Gespräche und eigene Texte verwendet.

Margit Bötscher ist seit einigen Jahren Pfarrsekretärin in Goldwörth, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Linz. Sie ist dort nur geingfügig beschäftigt. Ihren Traumberuf kann sie leider nicht mehr ausüben. Kindergärtnerin! „Schon von der Volksschule an habe ich gewusst, dass ich das werden will.“ Margit Bötscher hat den Beruf auch erlernt und mehrere Jahre ausgeübt. Doch dann hatte sich das Leben für sie einige Hürden überlegt. Die ersten beiden Schwangerschaften gingen nicht gut aus, während der dritten musste sie meistens liegen. Heute sind Tochter Sarah und Sohn Jakob erwachsen. Alles könnte ganz gut sein, wenn nicht zuerst eine Krebserkrankung und dann zwei Gehirnblutungen Margit Bötscher auf große Proben gestellt hätten. Die Unruhe und der Lärm in einem Kindergarten sind für sie nicht mehr auszuhalten. Noch immer schwingt Bedauern in ihrer Stimme, wenn sie davon erzählt.

Bei der Suche nach einer passenden Umschulung legte Margit Bötscher grandiose Tests hin: sehr begabt in Deutsch, sehr begabt in Mathematik, hohe künstlerische Begabung. „Ich war selbst ganz erstaunt.“ Lehrerin oder freie Journalistin, legte man ihr nahe. Doch Schule und Lärmempfindlichkeit gehen nicht gut zusammen. Und Journalistin? Zu viel Öffentlichkeit! Also Pfarrsekretärin. Im Pfarrzentrum von Goldwörth gibt es eine kleine Gang-Galerie, die jetzt von ihr betreut wird. Sorgfältig wählt sie dafür zwei Mal im Jahr Künstlerinnen und Künstler aus. Die erste Vernissage in der Osternacht ist ein besonderes Highligt, anschließendes Eierpecken inklusive. Das Ehepaar Bötscher ergänzt sich offenbar gut.  Zusammen mit ihrem Ehemann Manfred gestaltet sie jedes Jahr einen Kalender, Fotos von ihm, Texte von ihr. Nur Freunde kommen in den Genuss.

An Welt der Frau mag Margit die vielen persönlichen Lebensgeschichten, die erzählt werden. „Ich bewundere, dass sich das so viele trauen!“ Sie selbst nach vorne in den Scheinwerfer? Margit zögert. Ihr Mann  ist da schon mutiger. Für sein Geburtstagsgeschenk an Margit hat er auch bei Andrè Heller angefragt. „Der traut sich was! Heller hat aber ohnehin abgesagt“, fast wirkt Margit etwas erleichtert. Sie hatte ihrem Mann damals unter anderem eine Begegnung mit einer Arbeitskollegin geschenkt: „Das ist in unserem Umfeld etwas Besonderes, weil man sich kaum mit einem Freund des anderen Geschlechtes alleine trifft. Viele reagieren da mit Eifersucht oder Misstrauen.“ Einmal lotste Margit ihren Mann auch zum Linzer Mariendom, 16 Uhr vor dem Hauptportal. Dann rief sie ihn am Handy an: „Du triffst dich heute mit dir selbst“ eröffnete sie ihm. Sie selbst hat bisher zwei Männer getroffen, heute mich. Oder ich sie?

Als Margit nach gut zwei Stunden wieder geht, ist es mir, als ob ich gerade ein Geschenk bekommen hätte. Den offenen Blick in ein Leben, das mit 50 schon gut gefüllt ist mit Großem, Schwerem, Langem, Wichtigem, und in dem ein paar großartige Talente noch richtiggehend zu schlummern scheinen. Drei überraschende Begegnungen hat Margit Bötscher schon erlebt, neun warten noch. Wer weiß, was sie noch auslösen. Viel Glück!

Übrigens: Das ist eine Idee, die man gerne kopieren darf.