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Um Himmels willen, wieder stillen?

Ein Erfahrungsbericht und ein Plädoyer für mehr Toleranz.

Stillen ist das Beste für Mutter und Kind.“ Als ich jenen Satz von meinem Kinderarzt hörte, mit dem Nachsatz: „Wär schon gut, wenn Sie voll stillen würden“, war ich den Tränen nahe. Ich hatte als Mutter versagt, weil ich meinem Kind nicht das Beste gab. Oder halt nur teilweise. Ich weiß noch, wie meine Tochter im Krankenhaus zum ersten Mal ein Flascherl trank. Ich stand daneben und war neidisch auf die Pulvermilch, die das vermochte, wozu ich offenbar nicht in der Lage war: mein Kind zu ernähren. Aber welche Erstlingsmutter widerspricht schon der Säuglingsschwester, die erklärt, das Kind habe zu viel an Gewicht verloren und wäre bald zu schwach zum Trinken, würde man nicht zufüttern?

LITERWEISE STILLTEE
Zu Hause versuchte ich, ohne Ersatzmilch auszukommen, und zog eine Stillberaterin hinzu. Doch Dauerstillen, Abpumpen, Literweise-Stilltee-Trinken und Brusternährungsset-Anlegen erschöpften und frustrierten mich nur. Irgendwann pendelte sich ein, dass ich zuerst die Brust gab und dann die Flasche. Das ging etwa drei Monate so, bis meine Frauenärztin mir sagte: „Wir leben ja in keinem Entwicklungsland ohne Alternative. Wenn Sie das Stillen stresst, hören Sie auf damit und genießen Sie lieber die Zeit mit Ihrem Kind.“

Endlich konnte ich mit den Gewissensbissen aufhören und die Zeit mit meiner Tochter genießen! Als ich drei Jahre später mit meinem Sohn schwanger war, schoss es mir gleich durch den Kopf: „Um Himmels willen, wieder stillen?“ Dennoch beschloss ich, es noch einmal zu versuchen, auch weil ich keine Abstillpillen schlucken wollte. Vorsorglich kaufte ich aber eine Packung Pre-Milch. 

RASIERSCHAUM-PROTEST
Die Pulvermilch trank meine Tochter, und bei meinem Sohn klappte das Stillen von Anfang an wunderbar. Das Flascherl stieß er weg, er wollte die Brust und nichts anderes. Auch ich schwebte im Rausch der Glückshormone, genoss die Innigkeit und Harmonie mit meinem Kind. Meine Hebamme, die meine Erfahrungen kannte und mich in keine Richtung gedrängt hatte, meinte nur schmunzelnd: „Wirst sehen, du wirst ein halbes Jahr stillen!“

Für meine damals vier Jahre alte Tochter war das viele Stillen ihres Brüderchens jedoch schwer auszuhalten. Einmal drohte sie damit, auszuziehen, weil es ihr „gewaltig reicht“, ein anderes Mal schmierte sie die Türklinken und Spiegel mit Rasierschaum ein. Vielleicht wäre es für sie leichter gewesen, hätte ihr Babybruder aus dem Flascherl getrunken. Und vielleicht hätte ich bessere Nerven gehabt, wenn ich in der Nacht nicht alle zwei Stunden hätte aufstehen müssen, weil mein Sohn die Brust verlangte. 

Mittlerweile ist mein Sohn ein Jahr alt und ich stille noch. Öfter werde ich gefragt: „Was, du stillst noch?“ Es ist schon komisch: Am Anfang wird man gerügt, wenn man nicht oder nicht voll stillt, und dann soll man sich rechtfertigen, wenn man noch die Brust gibt? Stillen ist eine sehr persönliche Angelegenheit, und ich wünsche mir mehr Toleranz im Umgang damit. Ich stille noch, ganz ideologiefrei, es ist einfach so.

Erschienen in „Welt der Frau“ 0708/16 – von Julia Langeneder