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Und dann sagst du deinen Namen

Wir wissen ja so viel über Schreib- und Leseverhalten, über distanziertes Lesen und jenes Eintauchen in einen Text, bei dem die LeserInnen mit dem erzählenden Ich verschmelzen. Und jetzt dieser Roman: Konsequent erzählt dir die Autorin, was du, ja du auch und du auch, siehst, fühlst, denkst; wovor zu dich fürchtest und was du alles erlebt hast. Ja, du hast noch die Narben deiner Pubertätsakne und jetzt findest du mitten in Casablanca das passende Make up, das all deine Wunden überdeckt.

Zuvor aber begegnest du im Flugzeug einer Frau mit sauberen aufgeblasenen Reeboks und du weißt, dass du sie kennst und du weißt auch, dass du sie nicht wiedersehen willst. Wegschauen und wegtauchen, das kannst du gut. Ein wenig anstrengend auf den ersten Seiten ist diese Erzählhaltung schon, aber sie entspricht der Dynamik der Erzählung: Hier ist eine Frau dabei, abzuhauen, sie will Neues erleben und Altes vergessen. Dazu gehört wohl die Passagierin, die mit einer Gruppe unterwegs ist und die sie aus einer der vielen dramatischen Situationen ihres früheren Lebens kennt.

Dann verschwindet dein Koffer und du musst sechs Hotelmitarbeitern zeigen, wie man das Video der Überwachungskamera zurückspielt, dann bekommst du bei der Botschaft andere Papiere, ja, man verwechselt dich. Du bekommst auch einen schwarzen Rucksack und lässt es erst mal gut sein, die andere hat kürzere Haare, also stutzt du deine zurecht. Du hast eine Zwillingsschwester, die hat dich immer zurechtgestutzt, du hast sogar ihr Kind ausgetragen. Ihr, die zweieigigen Zwillinge, habt viel miteinander erlebt, deine Schwester plant nicht nur die Einrichtung ihres Hauses auf den Zentimeter genau, sie plant auch dich ein, schließlich scheinst du ihr etwas schuldig zu sein.

Die Mädchen tauschen einen Blick aus, und einen Moment lang beneidest du die Vertrautheit zweier glücklicher Schwestern, das schöne Gefühl, immer jemanden an seiner Seite zu haben, der weiß, was man denkt. In jungen Jahren hast du gedacht, du und deine Zwillingsschwester könntet so sein; später hast du gedacht, die Ehe könnte so sein. Aber du hast dich zweimal geirrt.

Doch jetzt musst du ans Set, gibst das Double der berühmten Schauspielerin: Eine Szene, die des Schmerzes, spielst du sogar besser als die Diva selbst. Aber dann zerstörst du wieder alles, na ja, beinahe alles, als du dich – mit Kleid und Perücke ganz auf die Echtdiva gemacht – in Ricks Cafe: Die Schlagzeilen sind dir sicher und das Ende deiner Blitzkarriere wohl auch. Dazwischen gönnst du den LeserInnen Ruhe- und Esspausen, du schläfst in wunderbaren Betten, trinkst und isst gut und viel. Dann wieder eine neue Verkleidung und die Angst, dass die Frau, deren Sachen du bei der Botschaft ausgehändigt bekamst, tot sein könnte.

Und dann schließlich lässt du dich selbst zurück, verkleidest dich zwei letzte Male und suchst gemeinsam mit der Dame aus dem Flugzeug, die mit den weißen aufgeblasenen Reeboks nach dir selbst. Und dann gehst du einfach.


Was Sie versäumen, wenn Sie den Roman nicht lesen: eine dynamische Erzählung, die Sie als LeserInnen mit Du anredet und dauern auf Sie einredet, keine Zeit für Langeweile also, bizarre Episoden aus dem Leben einer jungen Frau, die mehr als ihren Rucksack, ihren Pass und ihr Geld verliert, Spiel mit Identitäten, Grausamkeiten in der Familie

 

Die Autorin ist eine der Herausgeberinnen des Believer Magazine, bisher hat sie vier Romane veröffentlicht; sie lebt in der San Francisco Bay Area.

 

 

Vendela Vida:

Des Tauchers leere Kleider.

Roman.

Aus dem Amerikanischen von Monika Baark.

Berlin: Aufbau Verlag 2016

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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