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Jugend ist kein Verdienst, sagen die einen. Begabung ist ein Geschenk, sagen die anderen. Manchmal kombiniert das Leben beides. Dann staunen wir über junge Frauen, die Außergewöhnliches außergewöhnlich bald in ihrem Leben umsetzen. Drei Beispiele.

Weltmeisterin mit 16

Ein Interview-Termin mit Marie-Sophie Kreissl ist gar nicht so einfach zu bekommen. Zuerst ist die vierfache Weltmeisterin bei der WM im Musical- und Showdance in Las Vegas. Und kaum in Österreich gelandet, chauffiert sie ihr Papa zu einem Tanz-Workshop nach Lignano. Schließlich klappt es doch noch.

Im Wohnzimmer stehen fünf gepackte Koffer. »Ich bin erst gestern Abend von Italien zurückgekommen, darum schaut es noch ein bisschen aus«, entschuldigt sich Marie-Sophie Kreissl. Sie trägt ein schwarzes Top, darüber ein graues T-Shirt und Bluejeans. Auf den ersten Blick ein ganz normaler Teenager, nur die aufrechte Körperhaltung könnte ihre Leidenschaft verraten: das Tanzen.
Wenn sie darüber spricht, leuchten ihre Augen. Erst 16 Jahre jung, darf sich die Oberösterreicherin bereits vierfache Weltmeisterin im Musical- und Showdance (im Solo und in der Gruppe) und »so in etwa« 60-fache Staatsmeisterin und Europameisterin nennen ? ganz genau weiß sie das gar nicht. Titel sind ihr nicht so wichtig, im Vordergrund steht die Freude am Tanzen. Und die begann schon ganz bald.
Weil Wifi ? »so sagen fast alle zu mir, weil ich als kleines Kind meinen langen Namen nicht aussprechen konnte« ? bereits mit zweieinhalb Jahren durch die Wohnung tänzelte, meldete ihre Mama sie mit drei Jahren fürs Ballett an. Mit vier kam Hip-Hop dazu und mit sieben nahm sie an ihrem ersten Ballett-Wettbewerb teil und gewann den Staatsmeister- und Europameistertitel.
Das Talent fürs Tanzen dürfte in der Familie liegen: Ihre Eltern lernten sich in der Tanzschule kennen und ihr Onkel ist Tanzschulbesitzer und »Dancing Star« Alexander Kreissl. Nicht zuletzt sind auch Wifis Schwestern Coco (14) und Luna (12) als Tänzerinnen erfolgreich.
Ein voller Terminkalender gehört für Marie-Sophie seit frühester Jugend dazu. Jeden Tag außer Mittwoch trainiert sie zwischen eineinhalb und vier Stunden. Damit sich das neben der Schule ausgeht, muss die Gymnasiastin sehr effizient arbeiten. Die Hausübung macht sie in den Pausen und gelernt wird im Auto, wenn sie ihre Mama zum Tanzunterricht fährt. Weil sie eine Einser-Zweier-Schülerin ist und einen verständnisvollen Direktor hat, kann sie sich die Fehlstunden, wenn sie ins Ausland zu einem Wettbewerb fährt, leisten.

DISZIPLIN STATT DISCO.

Durch das Tanzen hat Marie-Sophie nicht nur Zeitmanagement, sondern vor allem auch Disziplin gelernt. Während sich Gleichaltrige die Nächte um die Ohren schlagen, bleibt sie am Samstagabend lieber zu Hause, wenn am nächsten Tag ein Turnier ansteht. Und anstatt das Taschengeld in der Disco auszugeben, investiert sie es lieber in Tanzklamotten. Weil das Tanzen eine Randsportart ist, gibt es kaum Sponsoren. Hauptsponsor sind ihre Eltern, die bereits mehrere Autos hätten kaufen können um das Geld, das sie in das kostspielige Hobby ihrer Töchter stecken.
Obwohl Marie-Sophie an der Weltspitze tanzt, wirkt sie bodenständig und bescheiden. »Normalerweise bin ich eher schüchtern«, verrät sie. »Im Restaurant würde ich niemals um einen Löffel fragen. Auf der Bühne bin ich ein anderer Mensch. Da mache ich Sachen, die ich mich im normalen Leben nie trauen würde.« Dass Marie-Sophie auch beruflich einmal etwas mit Tanzen und Singen ? das hat sie vor Kurzem entdeckt ? machen möchte, liegt auf der Hand. Da in Österreich die Möglichkeiten begrenzt sind, kann sie sich vorstellen, ins Ausland zu gehen. Ein erster Vorgeschmack ist ein Stipendium in New York.

Juristin mit 16

»Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck«, heißt es. Und dieser erste Eindruck ist gut. Sehr gut sogar. Aber mit welchen Erwartungen begegnet man eigentlich einer jungen Dame, die im Ruf steht, eine exzellenteSchülerin zu sein, eine ausnahmslos nur Einser-Kandidatin, die mit sechzehn Jahren schon im zweiten Semester erfolgreich Rechtswissenschaften studiert? Dicke Brille, leicht vornüber gebeugte Lesehaltung und altmodischer Studierstubenlook? Weit gefehlt ?

Silvia Scharinger ist attraktiv, groß, schlank. Sie wirkt älter als sechzehn und dieser Eindruck verstärkt sich noch im Gespräch. Lebhaft und unbefangen spricht sie über ihre Geschichte, die für Zuhörende etwas Besonderes sein mag, für sie selber aber ganz normal ist: Mit ihren Eltern und der um ein Jahr jüngeren, »ebenfalls sehr intelligenten Schwester« in Oberndorf im nördlichen Flachgau daheim, besuchte sie zunächst die Volks- und dann die Hauptschule. Die Eltern, erzählt Silvia ? mit »i«, darauf legt sie Wert ?, seien mit 60 und 65 Jahren nicht mehr die Jüngsten, doch zeichneten sich die Haushälterin und der pensionierte Handelsangestellte stets durch besonders viel Erfahrung und Geduld aus.

KURZE WEGE ZU MEHR LEBENSQUALITÄT.

Schon im Kindergartenalter brachte sich Silvia selbst das Lesen und Schreiben bei, was dazu führte, dass sie ? wie sie gesteht ? in der Volksschule dann oft ziemlich gelangweilt war. Aber statt sich als Klassenclown in Szene zu setzen, half sie lieber anderen und erwarb sich so die ungeteilte Zuneigung der LehrerInnen. Eine Klasse zu überspringen stand zwar im Raum, doch zog Silvia das Beisammensein im Freundeskreis dem raschen schulischen Fortkommen vor. Auch auf dem weiteren Bildungsweg gab sie jeweils den Schulen vor Ort, der Hauptschule und später der Handelsakademie, aufgrund »kürzerer Wege und besserer Lebensqualität« den Vorzug. So blieb der immer schon musikbegeisterten Schülerin mehr Zeit für Freizeitaktivitäten ? Blockflöte, Gitarre, Klavier, Gesang, das Schauspiel, den Kirchenchor oder den Volleyballverein.

BERUFSWUNSCH STAATSANWÄLTIN.

Seit sie nebenbei auch noch mit dem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Salzburg begonnen hat, werden Silvia Scharinger die Tage oft zu kurz für das, was sie alles machen möchte. Den Berufswunsch Staatsanwältin hegt sie, geweckt durch TV-Gerichtsshows, von Kindheit an. Als sie auf das Angebot des Österreichischen Zentrums für Begabtenförderung und Begabtenforschung özbf aufmerksam wurde, wonach es ausgezeichneten Schülerinnen und Schülern schon während der Schulzeit möglich ist, an der Universität zu studieren, musste der Tag noch einmal etwas in die Länge gedehnt werden, um auch diesen Programmpunkt unterzubringen. Fünf Lehrveranstaltungen besucht sie jeweils am späten Nachmittag und abends und muss dafür lange Fahrzeiten in Kauf nehmen. So wird die qualifizierte Freizeit ? weil nur Abhängen und Faulenzen interessiert sie eh nicht ? leider immer weniger. Doch die Freundinnen und Freunde tragen es mit Fassung, ja sind sogar stolz auf sie. Zu Recht, war sie doch jüngst eine von nur sieben Studierenden, die eine schriftliche Klausurarbeit positiv abschlossen, während 62 »ältere Semester« durchfielen ?

 

Romanautorin mit 15

Sie ist 15 und sitzt wie Gleichaltrige stundenlang vor dem Computer. Aber nicht, um zu chatten oder zu spielen. Maya Rinderer schreibt und schreibt, zurzeit an fünf Romanen parallel. Schreiben gehöre zu ihrem Leben, so einfach begründet die Dornbirner Gymnasiastin ihre Leidenschaft.

Im Frühling präsentierte Maya Rinderer ihr erstes Buch. Mit ihrem Debütroman »Esther« hat sich die Tochter einerIsraelin und eines Vorarlbergers einen Teil der Familiengeschichte von der Seele geschrieben. »Ich wusste von frühester Kindheit an, dass etwas in der Vergangenheit meiner Familie war, aber man wollte es mir nicht sagen«, erzählt Maya Rinderer. Die Weigerung des jüdischen Großvaters, über seine Vergangenheit zu sprechen, machte sie stutzig. Ganze elf Jahre alt, begann sie über Vertreibung und Ermordung der Juden zu recherchieren, machte sich Notizen und schließlich wurde der Holocaust zum Thema ihres ersten Romans. Ihre Romanheldin Esther ist ein junges Mädchen, das aufbegehrt, gegen die Mutter, aber auch gegen das Los, das ihr die Nationalsozialisten zugedacht haben. Maya Rinderer lässt Esther Vertreibung, Flucht, den Zerfall der Familie erleiden und schließlich Flucht und Konzentrationslager überleben.

DIE WELLE DER ANERKENNUNG.

Erleichtert fühle sie sich nach all den Jahren des Schreibens, sagt Maya Rinderer: »Ein Prozess ist abgeschlossen.«
Seit der Buchpräsentation hat sich für die junge Autorin einiges geändert: »Ich werde zu Lesungen eingeladen, bekomme die Möglichkeit zu reisen.« Der erste Wirbel um ihre Person habe sich gelegt, sagt sie und man hört heraus, dass ihr das ganz recht sei. Anwandlungen von Eitelkeit habe sie sich wieder abgewöhnt: »Sich selbst zu googeln, das soll man nicht tun.« Lieber stellt sie sich intellektuellen Herausforderungen wie einer Buchpräsentation in Englisch an einer internationalen Schule oder Gesprächen in Schulklassen: »Da würde ich mir aber wünschen, dass die Lehrer die Kinder gut vorbereiten. Das macht das Gespräch für mich einfacher, ich bin ja keine Lehrerin, kann nicht alles über den Holocaust wissen.«
Bei all den Engagements bleibt nicht viel Zeit fürs Schreiben. »Im Moment schreibe ich nicht viel. Ich habe nur Bruchstücke von Freizeit, deshalb sammle ich Ideen, mache nur Notizen. In den Sommerferien werde ich die Ideen dann umsetzen.« Diese Technik habe sich bei »Esther« bewährt. Schreiben werde sie sicher ihr Leben lang, wenn sich damit auch Geld verdienen ließe, »wäre das schon sehr praktisch«.

BUCHTIPP
Maya Rinderer: »Esther«, Bucher Verlag, Hohenems 2011, 356 Seiten, ? 19,90

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 9/ 2011 – von Julia Langeneder, Caroline Kleibel, Jutta Berger