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Unternehmer, die  die Welt verändern

Von Zahnkliniken für schwierige Kinder bis zur Nachbarschaftshilfe: Die Organisation „Ashoka“ unterstützt findige Unternehmer, die Lösungen für soziale Probleme finden und umsetzen.

,,Ashoka“ ist Sanskrit und bedeutet „das aktive Überwinden von Missständen“. Dieses Wort wählte der Amerikaner Bill Drayton als Name für die Non-Profit-Organisation, die er 1980 ins Leben rief. „Er fand, man müsse unternehmerische Menschen unterstützen, die soziale Probleme in der Gesellschaft lösen“, erzählt Marie Ringler, Länderdirektorin von Ashoka für Österreich und Zentral- und Osteuropa. Die frühere Gemeinderätin und Landtagsabgeordnete der Grünen in Wien baute die Organisation ab 2011 in Österreich auf.

Seither ist Ashoka vom kleinen Pionierprojekt zum weltweit größten Unterstützungsnetzwerk für Social Entrepreneurs, also sozial engagierte UnternehmerInnen, herangewachsen. Über 3.000 Menschen in 80 Ländern sind heute „Ashoka-Fellows“, wie die Organisation ihre Mitglieder auf Lebenszeit nennt. 

Ashoka ist kein elitärer Insiderklub, der Unternehmertum mit sozialem Anstrich auszeichnet. Vielmehr geht es um die Förderung von innovativen UnternehmerInnen, die nicht nur selbst Geld verdienen, sondern auch soziale Probleme lösen und ihre Ideen dazu so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen wollen. Da wäre der amerikanische Ashoka-Fellow Jeff Parker zum Beispiel, der Gratis-Zahnkliniken für Kinder aus sozial schwachen Schichten entwickelt hat, die von klassischen ZahnärztInnen häufig nicht als PatientInnen angenommen werden, weil sie als schwierig und unverlässlich gelten. 

In Österreich hat Ashoka bisher vier Fellows: Einer davon ist Martin Hollinetz mit seinem Netzwerk von „Offenen Technologielabors“ im ländlichen Bereich (siehe Kasten), ein weiterer Gregor Demblin, der – selbst seit einem Unfall im Rollstuhl sitzend – mit seiner Online-Jobplattform einen faireren Zugang für behinderte Menschen zum Arbeitsmarkt etabliert hat. Ein dritter Fellow ist Gerald Koller, dessen Methode „risflecting“ Menschen dabei hilft, Risikokompetenz zu erwerben, deren Beherrschung vor allem in der Suchtprävention und der Gesundheitsförderung eine wichtige Rolle spielt. 

TASTENDE HÄNDE
Die Gesundheit steht auch im Zentrum von „discovering hands“, einer Social-Entrepreneurship-Idee des deutschen Gynäkologen Frank Hoffmann, die demnächst auch in Österreich Fuß fassen wird. Hoffmann hat eine Methode entwickelt, nach der blinde Frauen zu sogenannten MTUs, medizinischen Tastuntersucherinnen, ausgebildet werden, die in Frauenarztordinationen mindestens halbstündige Untersuchungen der weiblichen Brust durchführen. Hoffmanns Prämisse: Je feiner jemandes Tastsinn, desto besser und früher kann er Knoten in der Brust entdecken. Und wer hätte einen besseren Tastsinn als Blinde? „Unsere MTUs sind ein Beispiel dafür, dass eine Behinderung auch eine Begabung sein kann“, so Hoffmann. Während ÄrztInnen in der Regel einen Knoten erst ab einem Durchmesser von einem Zentimeter entdecken, erkennen die MTUs auch schon Knoten von nur fünf bis acht Millimetern. Die MTUs stehen in Dienst und Bezahlung der gynäkologischen Ordinationen. Die Untersuchungen zahlen die Patientinnen extra, wobei einige deutsche Krankenkassen die Kosten bereits rückerstatten, was natürlich langfristig das Ziel ist. „Ich hätte es mir gar nicht vorstellen können, eine Initiative wie ,discovering hands‘ nicht gemeinnützig zu machen“, sagte Gründer Frank Hoffmann, der seit 2010 Ashoka-Fellow ist, in einem „Stern“-Interview. In Österreich sind derzeit vier blinde Frauen in Ausbildung, die ab Herbst als MTUs arbeiten werden. 

BASISFINANZIERUNG
Die Arbeitsbereiche der von Ashoka geförderten SozialunternehmerInnen umfassen alle Bereiche menschlichen Zusammenlebens: Gesundheit und Bildung, Ökologie und Technologie, Regionalentwicklung und Zivilgesellschaft, Menschenrechte und Minderheitenschutz. „Eine zentrale Qualität der Leute ist, dass sie wollen, dass ihre Arbeit breiter wirksam wird“, sagt Marie Ringler. Ashoka, das sich seinerseits aus Stiftungen, Unternehmens­partnerschaften und einem eigenen Unterstützernetzwerk finanziert, greift seinen Fellows nur in den ersten drei Jahren der Mitgliedschaft finanziell unter die Arme. Die Ashoka-Basis­finanzierung spielt sie frei, sich mehr auf die Weiterentwicklung ihrer Projekte konzentrieren zu können.

STRENGE AUSWAHL
Meist tritt Ashoka an seine späteren Fellows heran, nicht umgekehrt. Das Verfahren für diese Suche und Kandidatenauswahl, erzählt Marie Ringler, sei äußerst aufwendig. Bis jemand tatsächlich zum „Fellow“ wird, dauert es mitunter zwei Jahre. In Österreich hat ihr Team Hunderte MeinungsführerInnen aus den unterschiedlichsten Bereichen nach interessanten Social-Entrepreneurship-Ideen gefragt. „Unsere Arbeit besteht ja darin, auch die an der Peripherie zu finden“, sagt Ringler. Über 1.200 sozial innovative UnternehmerInnen stehen auf der „Landkarte der Change­makers“, die Ashoka für Österreich erstellt hat. Diese Liste stellt den Pool dar, aus dem in einem mehrstufigen, sehr komplexen Verfahren KandidatInnen ausgewählt werden, die in die engere Wahl kommen. Das Auswahlverfahren, so Ringler, „ist für uns und die Kandidaten sehr anstrengend“. Unabhängige ExpertInnen kommen dabei ebenso zu Wort wie MarktanalystInnen oder Ashoka-Board-Mitglieder aus anderen Ländern. Fünf Kriterien muss ein Kandidat erfüllen: Seine Idee muss eine neue Lösung für ein soziales Problem darstellen. Er muss kreative Umsetzungsmöglichkeiten dafür gefunden haben und über gute unternehmerische Fähigkeiten verfügen. Darüber hinaus muss seine Idee das Potenzial haben, à la longue nicht nur regional, sondern auch national und grenzüberschreitend wirksam zu werden. Schließlich muss er selbst glaub- und vertrauenswürdig sein, also auf einer stabilen ethisch-moralischen Basis agieren.

DIE KÜR ZUM FELLOW
Ist ein Kandidat aber einmal zum Fellow geworden, bekommt er Zugang zum gesamten Ashoka-Pool, und der inkludiert neben einem Investorennetzwerk auch Strategieberatung, Finanz- und Rechts-Consulting oder PR-Training von den vielen Pro-bono-Partnern der Organisation. „Wenn ,wellcome‘ einen bestimmten Bedarf an Beratung hat, ganz gleich welcher Fachrichtung, kann ich bei Ashoka nachfragen und einen entsprechenden Experten konsultieren“, sagt etwa Rose Volz-Schmidt, Ashoka-Fellow aus Deutschland.

Volz-Schmidts Organisation „wellcome“ koordiniert ein Team von Freiwilligen – meist sind es erfahrene Mütter –, die sich in den ersten Monaten nach der Geburt eines Kindes um die praktischen und emotionalen Bedürfnisse von jungen Familien kümmern, und zwar unabhängig von Einkommen und Stand. Als moderne Nachbarschaftshilfe betreute ,wellcome‘ im Vorjahr rund 4.600 Familien. In Kooperation mit der Caritas Wien eröffnet es ab Mai auch erste Standorte in Wien und Niederösterreich. Rose Volz-Schmidt hat eine kreative Lösung für die Probleme von Jungfamilien gefunden, die kein dicht gewobenes Hilfsnetz aus Großeltern und FreundInnen haben. Und genau das ist es, was so viele Social Entrepreneurs können: um die Ecke denken und neue Pfade beschreiten.

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 04/15 – von Julia Kospach