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Unterwegs in Polen: Wer sind wir – und wenn ja, wie viele?
In Schlesien und Südpolen stößt man auf Schritt und Tritt auf die Frage der Identität. Quer durch die Geschichte haben politische Machthaber definiert, ob die Menschen dort Polen, Deutsche, Russen, Juden oder Christen waren. Die aktuelle Regierung versucht nun mit Druck ein katholisch-konservatives Bild der „wahren Polen“ zu etablieren.

Erzbischof Nossol sagt Sätze, die man gerne glauben möchte. „Der Dialog ist die Muttersprache der Menschheit“ ist so einer. Er erlaube, aus GegnerInnen zunächst Fremde und aus Fremden geachtete andere zu machen. Wer hört die Sätze im Polen der Gegenwart? Wer als Touristin durch Südpolen reist, merkt wenig von den Spannungen im Land, die entstehen, weil die aktuelle Regierung offenbar von Dialog auf Spaltung umschwenkt. Gerade erwartet man Anfang Juli den Papst beim Weltjugendtreffen in Krakau. Ihm wird einiges an Humor zugemutet. Selbst die Fähnchen an den Straßenlaternen zeigen meistens den polnischen Papst, Johannes Paul II.

KIRCHLICHE HARDLINER
„Die Kirche ist auch gespalten“, sagt Jolantha Graczyk, die polnische Reiseleiterin. „Die alte Garde à la Nossol auf der einen und viele junge Priester, die Radio Maryja hören auf der anderen Seite.“ Radio Maryja gilt als Verbündeter der national-konservativen Regierung. Eine enge Auslegung von Polentum und einer restriktiv katholischen Lebensführung werden mit autoritären Weltbildern gemischt. Gerade diskutiert man eine noch stärkere Einschränkung der Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruchs. Die feministische Aktivistin S?awomira Walczewska trägt aus Protest einen kleinen grünen Drahtkleiderbügel an der Brusttasche ihrer Bluse. Damit erinnert sie an die Frauen, die an den Folgen illegaler Abtreibungen gestorben sind. Tausende, vor allem junge Frauen, protestieren, aber gerade vonseiten der Kirche verweigert man ihnen, was Alfons Nossol als hohes Gut bewertet: den Dialog.

SCHWIERIGE GESCHICHTE
Als „Sandwich“ zwischen Deutschland und Russland hat Polen eine bewegte Geschichte. Die Frage nach der Identität stellte sich in nahezu jeder Generation neu, vor allem in Schlesien, dem südwestlichen Teil des Landes. Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte die überwiegende Mehrheit der Menschen hier zur deutschen und zur jüdischen Volksgruppe. Die Deutschen wurden abgesiedelt oder vertrieben, je nach geschichtlicher Lesart. Die jüdische Bevölkerung wurde nahezu vollständig in Konzentrationslagern ermordet. Auschwitz-Birkenau, zwischen Kattowitz und Krakau gelegen, könnte man zynisch als „den größten Friedhof Europas“ bezeichnen.

NACHFORSCHEN UNERWÜNSCHT
Die Frage, inwieweit bei den Denunziationen, Auslieferungen und Ermordungen unter der Naziherrschaft auch polnische BürgerInnen beteiligt waren, darf man nach dem Willen der derzeitigen Regierung nicht mehr stellen. Aber auch Projekte, die sich dem jüdischen Erbe widmen, werden seit Neuestem nicht mehr finanziert. Uwe von Seltmann hat zusammen mit seiner polnischen Frau Gabriela einen Film über Boris Dorfman gemacht. Der gilt als der letzte Jiddisch sprechende Jude in Lemberg. Die Anträge auf Filmförderung wurden abgelehnt. Dabei speist sich das Leben etlicher polnischer Städte, wie etwa Breslau, der Kulturhauptstadt 2016, aus vielen MigrantInnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Breslau Tausende Polen aus dem nunmehr ukrainischen Lemberg aufgenommen.

KULTUR NICHT VEREINNAHMEN
Ist der wunderbare gotische Flügelaltar von Veit Stoß in der Krakauer Marienkirche ein polnisches Kunstwerk? Pawel Krzak, der Stadtführer, überlegt kurz. „Ein christliches Kunstwerk“, meint er mit einem Lächeln. Eine kluge Antwort. Veit Stoß, der Deutsche, hat den Altar im Auftrag schwäbischer Kaufleute gemacht. Er selbst lebte lange in Belgien und formte den dunkelhäutigen Weisen aus dem Morgenland in der Szene der Heiligen Drei Könige nach dem Vorbild eines Afrikaners, den er bei portugiesischen Kaufleuten kennengelernt hatte. Die Kulturen mischten sich auch in Polen immer schon. Im Gegenüber das andere zu schätzen, sei wahrhaft christlich, meint Erzbischof Alfons Nossol. Da wundert es nicht, dass er der Fremdenfeindlichkeit des gegenwärtigen Polen den Satz entgegenstellt: „Angela Merkel scheint mir die einzige Christin Europas.“

Mehr dazu in „Welt der Frau“ 09/16.

Was im Heute von früher lebt

Die „Welt der Frau“-LeserInnenreise führte im Juli 2016 entlang der Grenzen der ehemaligen Donaumonarchie von Königgrätz über Breslau nach Kreisau, Schweidnitz, Gleiwitz, Tschenstochau, Kattowitz bis Krakau. Neben Kunst und Kultur standen auch zahlreiche Begegnungen auf dem Programm, um Kenntnisse aus der Geschichte mit denen der aktuellen Situation zu verbinden.
Der zweite Teil des mehrjährigen Reiseprogramms entlang der Donaumonarchie-Grenzen führt im kommenden Jahr weiter Richtung Lemberg in die Ukraine. Informationen werden zeitgerecht in „Welt der Frau“ und auf „www.weltanschauen.at“ veröffentlicht.

Erschienen in „Welt der Frau“ 09/16 – von Christine Haiden