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Unzulänglich für die Welt da draußen
Jahrelang litt Tanja Stroblmayr, 31, unter ihrer Eigentümlichkeit. Seit sie weiß, dass sie Autistin ist, erlaubt sie sich, sie selbst zu sein – ein Mensch, wertvoll wie jeder andere.

Schüchtern tapst Tanja Strobl­mayr aus ihrem Arbeitszimmer und schüttelt mir die Hand. Ihr Händedruck ist kräftig, der Blick der blauen Augen selbstbewusst. Zu ihren Bluejeans trägt die 1,57 Meter kleine Oberösterreicherin blaue Socken, ein blaues Shirt und eine blaue Weste. Kaum hat sie „die Begrüßung erledigt“, huscht sie zwischen ihren Ehemann Mario, 33, und Delo, den Hovawart-Rüden.

Während der Hausherr mit mir Smalltalk führt und der Hund freudig mit dem Schwanz wedelt – Besuch haben sie sonst nie –, beobachtet Tanja konzentriert jede meiner Bewegungen und rupft dabei an ihrem geflochtenen Zopf. Als sie bemerkt, wie splissig und ausgedünnt ihre Haarspitzen schon sind, lässt sie das Gezupfe bleiben und knetet stattdessen ihren Stressball. Das hilft ihr, innere Spannungen abzubauen.

„Meine Großmutter war relativ sicher Autistin. 20 Jahre verbrachte sie allein. Dann musste sie ins Pflegeheim und ist kurze Zeit später gestorben. Sie hatte das Ausgesetztsein in der fremden Umgebung nicht ertragen. Ich bin ihr ziemlich ähnlich. Deshalb wollte ich vor drei Jahren unbedingt Gewissheit und eine Diagnose“, rattert Tanja los, als wir auf dem roten Wohnzimmersofa Platz nehmen. Ihre Stimme klingt zittrig und zerbrechlich. Sie spricht so schnell, dass sie sich immer wieder verhaspelt und Silben verschluckt. „Autisten artikulieren oft seltsam“, sagt sie. „Entweder wir reden gar nicht, betonen unrhythmisch oder quasseln ohne Ende.“ Als Kind hörte sie ständig, sie solle nicht „so daherg’scheiteln wie ein kleiner Professor“. Tanja atmet tief aus. „Seit ich weiß, dass ich Asperger-Autistin bin und damit den Grund für meine unsichtbare Behinderung kenne, geht’s mir besser. Ich habe Zugang zu Hilfseinrichtungen und lerne, mit meinem Stigma umzugehen.“

Tanja ist eine von rund 80.000 AutistInnen in Österreich. Abgeleitet aus dem Griechischen „autos“ (das heißt „für sich“) und „ismos“ („Zustand/Orientierung“) handelt es sich bei Autismus um eine angeborene, unheilbare Entwicklungsstörung des Gehirns, die sich schon im frühen Kindesalter durch soziale Interaktions- und Kommunikationsschwächen sowie durch stereotypes Verhalten bei Wahrnehmung und Aufmerksamkeit zeigt.

Im Vergleich zum frühkindlichen Autismus macht sich das Asperger-Syndrom erst ab dem dritten Lebensjahr bemerkbar. Schweregrad und Ausprägung der Symptome variieren. „Deshalb spricht man von einem Spektrum“, erklärt Carolin Steidl, klinische Psychologin im Therapiezentrum „Österreichische Autistenhilfe“ (s. Interview S. 29). Sie ist spezialisiert auf Kinder und „Asperger-Frauen“ – eine Minderheit. Die meisten Autisten seien Männer. Junge Frauen würden oft jahrelang leiden, bevor sie eine Erklärung für ihre Sonderbarkeit haben.

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Die Elfensammlung ist Tanjas Spleen: „Wie die Fee unter der Glaskuppel würde ich gerne leben. Nah dran am Geschehen, aber mit genügend Abstand zu den Menschen.“

UNTER DER GLASKUPPEL
Bei Tanja war es so. Bis zum Kindergarten verbrachte sie die meiste Zeit zu Hause. Dort fiel ihr soziales Manko niemandem auf. In ihrer Verwandtschaft gebe es mehrere Fälle von ADHS und Legasthenie. „Einige nahmen sich das Leben“, sagt sie. Autismus an sich sei nicht tragisch. „Unerträglich“ machten diese Störung nur Mitmenschen, die Betroffene ob ihrer Andersartigkeit bekritteln, verspotten und ausgrenzen. „Sogar meine Kindergärtnerin meinte, ich sei behindert, weil ich am liebsten in der stillen Ecke saß und mit dem Oberkörper hin- und herwippte. Dieses Ritual half mir, mich im Kopf und meiner logischen Welt weniger gefangen zu fühlen.“

Zugehörig fühlte sich Tanja nie. Deckte sie beim Memoryspiel alle Kärtchen richtig auf, hieß es, sie schummle. Trug sie Rüschenröcke, um im Mädchenzirkel willkommen zu sein, durfte sie trotzdem nicht mitspielen. In der Schule wurde sie als „schräg“ abgestempelt, weil sie als Siebenjährige Karl-May-Bände in nur wenigen Tagen verschlang. Doch die Matura bestand sie mit lauter Einsern, ihr Studium der Alten Geschichte, Latein und Philologie schloss sie mit Doktortitel ab. Zum Glück sei ihre Mutter mit ihr damals nicht zum Psychologen gegangen. „In den Achtzigerjahren hätte man mich sicher in eine Sonderschule gesteckt. Mir die Zukunft verbaut. Ich würde jetzt in einer geschützten Werkstätte Taschen kleben und wäre vermutlich depressiv und ohne Selbstwertgefühl so wie viele Autisten.“

FEINES OHR, FEINE NASE
Bücher sind Tanjas Leidenschaft. Fantasyromane und Geschichtsbücher mag sie am liebsten. Kurzum, alles, was nichts mit der „anstrengenden Gegenwart“ zu tun hat. Die Heimbibliothek ist sorgfältig nach AutorInnen und Themen sortiert. Fragile Fantasiegestalten, darunter Elfen und Zauberer, lockern die pedantische Ordnung auf. „Wie die Fee unter der Glaskuppel würde ich gerne leben. Nah dran am Geschehen, aber mit genügend Abstand zu den Menschen“, meint sie und schwenkt zur Synästhesie ihres überempfindlichen Geruchs- und Gehörsinns.

So wie ihr Hund kann auch Tanja Ultraschallfrequenzen hören und nimmt das meiste über die Nase wahr. Als Kind musste sie ihr Zimmer mit vier Geschwistern teilen. Als ihre Brüder in der Pubertät mit ihrem „Testosterongestank“ die Luft verpesteten, tat sie nachts kein Auge zu. Aus Selbstschutz begann sie, die reizüberflutende Außenwelt auszublenden. Videos dokumentieren, wie vertieft sie in sich selbst war. „Wenn ich las und meine Schwester auf meinem Schoß hysterisch brüllte, habe ich das nicht bemerkt.“

Seit ich weiß, dass ich Asperger-Autistin bin und damit den Grund für meine unsichtbare Behinderung kenne, geht’s mir besser.

Weil ihr von intensiven Gerüchen speiübel wird, müssen alle Türen verschlossen sein, wenn Tanjas Mann Mario kocht. Fleisch isst Tanja nicht, weil sie sogar bei einem Schnitzel den „Geruch von Verderbnis, Fäulnis und Aas“ wahrnimmt. Auch ihren Exchef aus dem Verlag, in dem sie ein Praktikum absolvierte, konnte sie nicht riechen. Sein Rasierwasser roch genauso „laut“ wie der „rohe Gestank“ des Kopierers. Die Lage ihres Schreibtisches, die Lichtverhältnisse – nichts passte zu ihren Bedürfnissen. Nach zwei Wochen war sie krank, konnte nicht mehr. 2007 machte sie sich notgedrungen als Lektorin selbstständig.

IMMER ARBEITET DER KOPF
„Weniger als ein Drittel aller Autisten hat regelmäßig Arbeit“, weiß Tanja und führt uns in ihr Heimbüro. Im rechten Winkel zum Gartenfenster steht ein Schreibtisch mit einem Laptop, auf der Couch daneben liest sie abends weiter. In ihrem Kopf, da sei sowieso nie Ruhe: „Meine Gedanken überschlagen sich!“ Wenn sie nichts zu tun hat, teile sie geistig die Dinge in geometrische Figuren ein.

„Diesen Zustand nenne ich ‚Bildschirmschoner im Kopf‘. Ich kann nie nichts denken.“ Um zur Ruhe zu kommen und sich zu spüren, braucht Tanja absolute Stille. Den ganzen Tag kapselt sie sich in ihrem Zimmer ab. Für ihren Mann, er ist Student und Nachhilfelehrer, ist ihre Isolation „okay“, weil er sieht, dass es ihr guttut. Auch er sei „eher introvertiert“ und male gerne ungestört im Keller an seinen Figürchen, sagt Tanja. Es tue doch keinem gut, ständig unter Menschen zu sein. Jeder brauche Pausen. Dann lugt sie ins Terrarium zu ihren giftgrünen Rosenkäfern: „Die Natur fügt schon alles zusammen.“

Partnerschaften haben AutistInnen selten. Sie brauchen keine, um glücklich zu sein. Tanjas zehnjährige Beziehung mit Mario bahnte sich zufällig an. Nach einer Fachsimpelei in einem Online-Geschichteforum und einem einzigen realen Treffen entschied sie, ihm „vollends zu vertrauen“ und seiner Einladung auf eine abgelegene Almhütte zu folgen. Ihr Leichtsinn macht ihm heute noch Sorgen. Tanja versteht das nicht: „Wieso? Ich konnte dich riechen, mochte deine Hautfarbe, deinen hübsch gesprenkelten rotblonden Bart und deine netten Worte. Das reicht doch!“ Begegnete sie im Wald einem blutverschmierten Mann mit Axt, würde sie „auch nur denken, er fällt einen Baum und hat ein verletztes Tier gestreift“. Niemals käme sie auf die Idee, „dass er ein Mörder ist“.

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Auf Nachwuchs verzichtet das Paar Tanja und Mario. „Viele autistische Mütter rennen davon, weil sie für ein Famiilenleben nicht geschaffen sind.“

KEIN SCHUTZINSTINKT
Weil Tanja sich nicht in andere hineinversetzen kann, lernt sie „Menschen zu lesen“. Augen sagen ihr nichts, Mundwinkel umso mehr. Prinzipiell geht sie „vom Guten aus“. Einer litauischen Studienkollegin borgte sie einmal 10.000 Euro für die Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung. Einfach so. „Sie machte sich nicht aus dem Staub, sondern gab mir jeden Cent retour“, lächelt Tanja, weiß aber inzwischen, dass viele Situationen hätten schieflaufen können. „Viele Autisten werden ausgenutzt und irgendwann paranoid.“

Wegen ihrer unerschrockenen Art und ihres fehlenden Schutzinstinkts wurde sie einmal fast Opfer einer Vergewaltigung. In der Nacht war sie durch einen Park spaziert. Ihren Hund hatte sie von der Leine gelassen. „Plötzlich fiel ein Mann über mich her. Überall spürte ich seine Zunge. Erst als mein Hund ihn von mir riss, erkannte ich die Gefahr. Ich hätte mir schon vorher etwas denken müssen, als ich sah, dass der Kerl keine Hose trug.“

Auch ob jemand lügt, merkt Tanja nicht. Signalisieren Worte etwas anderes, als die Mimik, glaubt sie lieber den schönen Worten. „Ist doch logisch, dass Autisten jedem Fremden mehr vertrauen als der eigenen Wahrnehmung“, seufzt sie, „es heißt ja immer, dass wir falsch empfinden.“

BESSER HART UMARMEN
Aufgrund ihres „schlechten Körpergefühls“ und der hohen physischen Schmerzschwelle war Tanja auch schon mit einer eitrigen Zehe joggen. Und sie sorgte für Getuschel bei den NachbarInnen, als diese sie mit blauen Flecken und aufgeplatzter Lippe sahen. Weil sie Distanzen schwer einschätzen kann, läuft sie gegen Türstöcke und Möbel und holt sich Gehirnerschütterungen. „Aber die tun nicht weh“, sagt sie.

Vielmehr verletzen sie zärtliche Berührungen. Feste Umarmungen hält sie gut aus, weil sie so die Grenzen ihres Körpers fühlen kann. Streichelt ihr Mann allerdings sanft über ihre Haut, muss Tanja weinen, weil sie aufgrund der sensorischen Überstimulation nicht weiß, wo sie anfängt und wo sie aufhört. „Zum Glück muss ich ihn nicht ständig küssen und ihm beteuern, dass ich ihn liebe“, gesteht sie. Das habe sie mit der Hochzeit erledigt, „das war eine logische Entscheidung, kein emotionales Tamtam“.

Auch der Alltag verläuft nüchtern. Als Partner einer Autistin ist Mario Stroblmayr konstant gefordert, selbstreflektiert zu sein. Ist er wütend oder traurig, muss er ihr das dezidiert sagen, damit sie es merkt. Ungeliebt fühlt sich der 33-Jährige nicht. Tanja zeige ihm ihre Zuneigung durch spannende Gespräche und Hilfsbereitschaft. „Habe ich ein Problem, überlegt sie sich sofort eine Lösung. Ich bin froh, dass sie keine gefühlsduselige Dramaqueen ist“, sagt er.

Mario ist ein eigener Typ Mann. Mit seinen rotblonden, schulterlangen Haaren und seiner korpulenten Statur wirkt er wie ein kriegerischer Wikinger. Doch eigentlich hat er ziemlich feminine Seiten. Die Küche ist sein Revier, er liebt Hauswirtschaft und lebt eher seinen Sinn für Fürsorge statt Machogebaren. Ob Tanja genau das an ihm liebt? „Er lässt mich einfach sein, wie ich bin“, bekennt sie und fügt hinzu: „Autisten sollten sich mit Nerds einlassen. Solche Beziehungskonstellationen harmonieren gut.“

HUND HILFT
Als hochfunktionale Autistin ist Tanja in der Lage, „dressiertes Äffchen zu spielen“ und mit anderen in Kontakt zu treten. Doch dieses soziale Gehabe erfüllt nicht ihr persönliches Bedürfnis, sondern bloß eine gesellschaftliche Erwartungshaltung. Sogar mit ihrer Familie, die als Einzige ihre Handynummer hat, telefoniert sie selten. Alle ihre Freundschaften brach sie nach der Heirat ab. Interaktion schafft sie nur in geringen Dosen. Mit möglichst wenigen Leuten. „20 Personen wie bei meinem Orchideenfächerstudium sind das höchste der Gefühle.“

Früher checkte Mario Tanjas Prüfungstermine an der Uni, jetzt erledigt er den Haushalt, Behördenwege und Einkäufe. Gerne würde er mit ihr verreisen. Doch das wäre mehr Anstrengung als Erholung für sie, denn jede Abweichung im reglementierten Tagesablauf stiftet Unruhe. Weil Mario nicht ständig bei ihr sein kann, wird Delo nun zum Assistenzhund ausgebildet. Künftig soll er Tanja über Hindernisse führen, sie vor Gefahren schützen und sie an ihre Medizin erinnern. „Delo merkt eine halbe Stunde vor mir, wenn etwas nicht in Ordnung ist, etwa mein Cortisolspiegel steigt. Bevor ich alles fallen lasse und ausbüxe, drückt er sich winselnd an mich, bis ich meine Beruhigungskräuter einnehme. Zitronenmelisse und Baldrian – dann ist alles wieder gut.“

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Wie Can, 5, sein Leben als frühkindlicher Autist meistert, und das Interview mit Autismus-Expertin Carolin Steidl – in der „Welt der Frau“-Ausgabe 7_8/14!

Erschienen in „Welt der Frau“ 7_8/14 – von Petra Klikovits