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„Ursi, das wär was für dich“
Anfangs wurde Ursula Stegmann belächelt, als sie zu tanzen begann. Heute lacht keiner mehr, denn mittlerweile ist klar: Gruppentanz ist eine ausgezeichnete Medizin. Sie wirkt sozial, mental und körperlich. Doch nicht nur das. Im Tanz steckt Familiengeschichte.

Wer früh genug anfängt, ist mit 80 nicht allein“, sagt Ursula Stegmann. Sie ist eine elegante Dame, noch nicht 80 Jahre alt, aber auch nicht mehr 70, die hellen Haare hat sie zum Zopf zurückgebunden. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert leitet Stegmann Tanzgruppen, derzeit sind es fünf an der Zahl, das macht „drei Tage Vollpower in der Woche“. Stegmann fährt herum in der Steiermark, von Studenzen, wo sie wohnt, nach Graz und bis nach Jennersdorf im Burgenland. Und wer hat nicht alles schon bei ihr getanzt: Frauen mit Parkinson oder Hüftschaden, Gebrechliche und Fitte, Musikalische und komplett Unmusikalische, akademische Herren mit Doppeldoktor und dann ihre Freundin Gertrud Koschier, die immer sagte: „Ursula, du hast mich vorm Altersheim gerettet.“ Denn Gertrud war mit 70 schon fix dort angemeldet, fing dann aber das Tanzen an und kündigte den Heimplatz. Sie starb mit 83, hatte kein besonders gutes Rhythmusgefühl, und von ihr stammt der Satz: „Es tanzt niemand falsch, nur anders.“

TANZKRÄNZCHEN GRAZ
Für Ursula Stegmann ist der Gruppentanz eine Leidenschaft, ein Lebenselixier und auch ein Stück Familiengeschichte, eine weibliche Tradition, die jetzt bereits in die vierte Generation geht. Denn eigentlich hat Stegmanns Mutter, Juliana Glauninger (1911–1993), damit angefangen. Die Hausfrau und Mutter von vier Kindern nahm ihre schon erwachsene Tochter mit zur rhythmischen Gymnastik, die damals, in den 1960er-Jahren, sogar noch live von einer Dame am Klavier begleitet wurde. Geld genug für eine musikalische Ausbildung gab es in der Familie nicht, aber es wurde viel gesungen und eben auch getanzt. Später, in den 1980er-Jahren, gründete Johanna Glauninger dann, vermittelt über das katholische Bildungswerk in Graz, ein Tanzkränzchen mit mehreren Frauen; sie sei eine von denen gewesen, die hierzulande „unsere Tanzart“ ins Rollen brachte, sagt Ursula Stegmann. Man traf sich in Schulhallen oder auch im Café Hilmteich, und Mutter Glauninger ermutigte ihre Tochter, mitzumachen. „Ursi, das ist was für dich.“

HÖREN, AUFNEHMEN, UMSETZEN
„Ich war damals das Nesthäkchen in diesem Kreis“, erzählt Stegmann, „aber ich hab mich wohlgefühlt unter den betagten Damen.“ Ihre eigenen vier Kinder waren gerade aus dem Haus, sie brauchte eine neue Aufgabe, tanzte also mit und begann die damals noch recht neue Ausbildung zur Tanzführerin. „Tanzen ab der Lebensmitte“ oder auch „Seniorentanz“ ist ein Konzept, das aus Deutschland stammt, ab den 1970er-Jahren maßgeblich von der Lehrerin Ilse Tutt (1911–1997) entwickelt wurde, die für ihre Aktivitäten sogar das Bundesverdienstkreuz erhielt. Die Idee ist, ältere Menschen, also solche „ab der Lebensmitte“, durch Gruppentänze körperlich, geistig und sozial fit zu halten. Mittlerweile gibt es Seniorentanzverbände über ganz Europa verteilt, allein in Österreich existieren 1.000 Seniorentanzgruppen mit rund 25.000 Tänzerinnen und Tänzern. Die jeweiligen Seniorentanzverbände geben immer neue Tanzbeschreibungen heraus, bieten Aus- und Weiterbildungen an, etwa zu Programmgestaltung, rhythmischem Sprechen und eben der Methode, Tänze zu vermitteln. Was nicht so einfach ist. Einer der Tricks für die Tanzleiterinnen ist, sich selbst als Tänzerin in die Gruppe einzufügen, Tanzansagen zu machen und zugleich in Bewegung umzusetzen, sodass das Lernen leichter geht: „Hören – aufnehmen – umsetzen.“

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Ursula Mihelic (links) und ihre Mutter Ursula Stegmann tanzen gern. Für sie steckt darin auch eine lange Familiengeschichte.

Ursula Mihelic (links) und ihre Mutter Ursula Stegmann tanzen gern. Für sie steckt darin auch eine lange Familiengeschichte.

 

Ich wusste gar nicht, was alles in mir steckt: Führungsqualität, Musikalität.

Ursula Stegmann

 

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Seitdem ich tanze, bin ich
toleranter geworden und bewerte nicht so schnell.

Ursula Mihelic

 

Tanzen ab der Lebensmitte - das hält mental und körperlich fit. Die TänzerInnen müssen sich ständig auf neue Konstellationen einstellen, das gemeinsame Erarbeiten von Schrittfolgen verbindet und macht Freude.

Tanzen ab der Lebensmitte – das hält mental und körperlich fit. Die TänzerInnen müssen sich ständig auf neue Konstellationen einstellen, das gemeinsame Erarbeiten von Schrittfolgen verbindet und macht Freude.

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Erschienen in „Welt der Frau“ 12/16 – von Andrea Roedig