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Vage Vorstellungen von Glück
Bernd Schuchter: Föhntage

Bernd Schuchter eröffnet den Topos Innsbruck, die großen Wohnblöcke der Reichenau, die Wohnsilos und Hochhäuser: Von den Großeltern zu den Eltern hin zu den Kindern sei es, so der Vater von Lukas, aber immer besser geworden. In dieser Familie wird von den Olympischen Spielen und von der schweren Kindheit erzählt. Erinnerungen an die Fahrten auf den Brenner, die Eltern wechseln die Schillinge in Lire und der Sohn will wissen, warum „Südtirol“ auf einmal „Alto Adige“ heißt. Er erhält keine Antwort, der Ausflug wird mit einem leichten Schulterzucken des Vaters gemütlich fortgesetzt: Wein, Ölbrot, italienischer Käse und prosciutto crudo gehören dazu. Soweit, so gemütlich. Doch dann muss Lukas sich mit Herrn Lahner beschäftigen: Beide haben keine Lust dazu, weder der kühne Fußballkicker Lukas noch der alte Grantscherben Lahner, aber Lukas‘ Mutter hat das eben so bestimmt.

Lahner kocht Kaffee und erzählt von seiner verschwundenen Heimat. Guiseppe Monte als weitere Figur taucht auf: Aus einem Dorf nahe Roms über Südtirol hierher nach Innsbruck gekommen und jetzt mit Eifer Telefonwertkarten sammelnd. Damals, als er zum Grenzdienst an den Brenner beordert wurde, herrschte Krieg, Südtirol befand sich im Ausnahmezustand. Damals hat er bei der Bevölkerung ebenso viel Hass wie Angst gespürt.

Der Autor erzählt Geschichte, indem er einzelne Personen zur rechten Zeit am rechten Ort sein lässt. Für Monte, der „eine aus dem Norden“ geheiratet hat, war es aber vielleicht auch der falsche Moment, auch für Lahner, der in der Fabrikskantine einmal mit dem Falschen, oder war es doch der Richtige, gesprochen hat. Dafür ist er gefoltert worden, Monte hat die Folterung weiter hinten in der Schreibstube mitbekommen. Ein Treffen, viele Jahrzehnte später und da ist noch Lukas, der Jugendliche, der so viel über den Alten und so viel über Südtirol, Tirol und Italien wissen will. Und die Geschichte ist noch nicht abgeschlossen.

Es sind nicht nur die Menschen, dachte sich Lukas. Es sind auch die Orte, die Landschaften, auch die Erinnerungen an die Orte und Landschaften, wo man schöne Tage verbracht hat. All diese Erinnerungen sind meine Heimat.

Josef Lahner fährt mit Lukas in seine Vergangenheit, nach Südtirol, zu den Verwandten: Nein, er habe keine Ansprüche an den umgebauten Hof, er wolle nur einmal wieder hier sein.

Bernd Schuchter: Föhntage
Wien: Braumüller 2014

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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