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Verändert Papst Franziskus die Kirche?

Seit zwei Jahren regiert der Papst aus Argentinien im Vatikan. Er wohnt noch immer im Gästehaus und lässt rote Schuhe und Hermelin im Mottenschrank. Ist es deswegen schon attraktiver als früher, katholisch zu sein?

Mit einem Schlag war es vorbei mit den innerkirchlichen Denunziationen“, das fällt einem Priester aus Oberösterreich als Erstes ein, wenn er gefragt wird, was sich mit Papst Franziskus verändert hat. Viele Jahre mussten in der Kirche Angestellte fürchten, von selbst ernannten GlaubenswächterInnen bei den vatikanischen Behörden angezeigt zu werden. Die darauffolgenden,
halbinquisitorischen Verfahren dienten offenbar der Einschüchterung. Pflegt Papst Franziskus einen anderen Stil? Zweifellos ist einiges anders geworden. Der Argentinier versteht sich zuerst einmal auf symbolische Politik. Er fährt ein altes Auto, er ruft Menschen aus dem Volk einfach an, er war in Lampedusa bei den Flüchtlingen und er hat der evangelischen Gemeinde von Rom einen Abendmahlkelch geschenkt. Er will offenbar zeigen, wofür die katholische Kirche stehen soll: Einfachheit, Glaubwürdigkeit, Geschwisterlichkeit.

In neuralgischen Fragen der Lehre hält sich der Papst bisher bedeckt. Die Familiensynode, endete mit einem überschaubar kleinen Ergebnis. Dass die Entscheidung über den Sakramentenempfang für Geschiedene mehr in die Verantwortung der Seelsorge gegeben werden soll, ist auch bislang schon weithin gelebte Praxis. Wir wissen nicht, wie der Papst selbst zu diesen Fragen steht, weil er die Vorschläge der Synode bisher in keinem Lehrschreiben aufgegriffen hat. Gerade die Familiensynode zeigt, dass zwischen der Logik des Systems „katholische Kirche“ und dem Leben der Getauften ein großer Graben klafft. In der Logik der Kardinäle und TheologInnen ist der Kompromiss zwischen „rechtgläubigen“ FundamentalistInnen und „liberalen“ PragmatikerInnen schwer zu finden. Das gilt auch im Kirchenvolk, dort allerdings mit umgekehrten Kräfteverhältnissen. Die Gruppe jener, die Tradition vor Barmherzigkeit stellen, ist dort kleiner. Was sind die Folgen? Während die Hierarchie kleine Bewegungen als Fortschritt sieht, fällt das dem Kirchenvolk gar nicht auf. Gerade in Fragen der Lebensführung hat die katholische Kirchenleitung ihre Autorität weitgehend eingebüßt. Das konnte auch Papst Franziskus bisher nicht ändern.

Glaubt man InsiderInnen, legt er sich aber ziemlich beherzt mit der Kurie an, dem alteingesessenen Verwaltungsapparat der katholischen Kirche. Ob Finanzen, Lebensstil oder Karrierismus, die Auswüchse eines intransparenten Systems und eines über Jahrhunderte gewachsenen Klerikalismus werden benannt. Auch verändert? Sie bleiben weiterhin Angriffsflächen und ein gutes Argument für jene, die ihrer Taufgemeinschaft den Rücken kehren wollen.

Womit wir bei der großen Frage sind, ob durch einen Papst mit anderem Führungsstil die Botschaft der katholischen Kirche plausibler geworden ist. Wenn die katholische Kirche nur als Garant für einigermaßen schöne Feiern an den Lebenswenden gebraucht wird, höhlt sie im Kern aus. Ist die Botschaft des Jesus von Nazareth noch attraktiv? Tragen die Erzählungen vom Volk Israel, die Geschichte von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus noch? Rührt die unwahrscheinliche Botschaft von der Auferstehung von den Toten noch die Herzen? 

Die Christinnen und Christen der westlichen Welt wählen ihren Glauben anders als ihre Vorfahren. Für sie existiert kaum mehr sozialer Druck, der zumindest äußerlich nach Zeichen der Zugehörigkeit zur Christenschar verlangte, vom Sonntagskirchgang bis zum Kreuz im Wohnzimmer. Sowohl die religiösen Traditionen – man denke nur an den säkularen Pilgerboom – als auch die spirituellen Rituale – Energiearbeit statt Einkehrtag – werden nach freier Wahl genützt. Die Tradition der katholischen Kirche ist eine Art Ersatzteillager geworden, aber sie bringt keine neuen „Modelle“ mehr hervor. Soweit man sehen kann, fehlt ein Update, um es mit modernem Vokabular zu sagen. Die alten Geschichten werden kaum mehr verstanden, die Übersetzung in die Moderne fehlt. Sie scheitert am Dogmenballast und an den noch immer starren Strukturen des Vatikans, aber auch am Gefühl vieler Getaufter, ohne Institution ganz gut leben zu können.

Was hat Papst Franziskus verändert? Er hat seine „Firma“ im Gespräch gehalten. Er ist als Person sympathisch und weitgehend glaubwürdig. Was noch fehlt, ist ein junger Geist. Einer, der das, was im Kern mit Christentum gemeint ist, für solch disparate Menschen wie die der westlichen Welt übersetzt und zugängig macht. „Der Geist“, heißt es, „weht, wo er will.“ Diese Freiheit zu fördern, müsste wohl Franziskus’ nächster Schritt sein.

Der Argentinier auf dem Stuhl Petri

  • Jorge Mario Bergoglio ist seit 13. März 2013 als Papst Franziskus das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche.
  • Er ist Jahrgang 1936, war Kardinal von Buenos Aires, Argentinien, und gehört dem Orden der Jesuiten an. Bei seinem ersten öffentlichen Auftreten überraschte er mit dem einfachen Gruß „Guten Abend!“ und der Bitte an die Menschen, für ihn zu beten. 
  • Sein einfacher Lebensstil und seine Forderung, die Kirche müsse eine Kirche der Armen sein, finden viel Gehör. Seine Kapitalismuskritik erntete Zustimmung, aber auch Widerspruch. Die Reformen in der Struktur der Kirche stoßen auf Widerstand.
  • Von manchen wird Papst Franziskus die Erneuerungskraft eines Papst Johannes XXIII. zugetraut. Wie lange seine Kräfte dazu reichen werden, ist ungewiss. Franziskus hat auch einen Rücktritt nie ausgeschlossen.

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns! meinemeinung@welt-der-frau.at

Erschienen in „Welt der Frau“ 02/16 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at