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In den letzten Jahren hat die Verhaltensforschung viel Neues über unsere animalischen Genossen herausgefunden. Wenn die Ergebnisse richtig sind, müssen wir neu über das Verhältnis von Mensch und Tier nachdenken.

Rabenvögel gehören zu den klügsten Tieren. Sie können Drähte zu Werkzeugen biegen, einen am Strick baumelnden Schinken mithilfe einer ausgefeilten Technik zu sich heraufziehen, und sie haben herausgefunden, wie man mithilfe von Autos Nüsse knackt: Japanische ForscherInnen konnten beobachten, dass Krähen Nüsse auf die Fahrbahn legen, und zwar nicht irgendwohin, sondern auf Zebrastreifen oder vor rote Ampeln, weil dort die Autos langsamer fahren.

Doris Dedl mit ihren Alpakas Fernando, Balu und Angelo.

Mit ihrer Intelligenz reichen die Raben in mancher Hinsicht sogar an Primaten heran, und auch die sind ja keineswegs äffisch dumm. In einem berühmten Experiment des Primatenforschers Frans de Waal protestierten Kapuzineräffchen gegen ungleiche Belohnung. Alle hatten für die Lösung einer Aufgabe Gurkenstücke bekommen, nur ein Affe erhielt für dieselbe Leistung viel schmackhaftere Weintrauben. Und siehe da, es regte sich Unmut. Die benachteiligten Äffchen verweigerten die Gurken und machten Radau. Offenbar haben Kapuzineräffchen einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Berühmt sind auch die japanischen Makaken in der Bucht von Koshima. Sie haben sich angewöhnt, verabreichte Süßkartoffeln in Salzwasser zu waschen, was kein angeborener Instinkt ist, sondern erlernt und Teil einer „tierischen Kultur“, wie Frans de Waal das nennt.

Es hat die Menschen schon immer fasziniert, Tiere zu beobachten. Doch die Verhaltensforschung (Ethologie) selbst ist noch gar nicht so alt. Eigentlich geht sie auf Charles Darwin (1809-1882) zurück; eine „Tierpsychologie“ entwickelte sich erst in den 1930er-Jahren, und lange erklärte man das Verhalten der Tiere aus Reflexen, klassischer Konditionierung und Instinkten. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich dann in der Forschung aber viel verändert. Man hat ungleich viel mehr entdeckt und sich dabei vor allem auf sogenannte „kognitive“, also „denkerische“ Fähigkeiten konzentriert. Tiere lernen und fühlen mehr, als wir dachten. Selbst Wesen, denen wir wenig zutrauen, tun erstaunliche Dinge, die nicht nur automatisch ablaufen.

DER MENSCH IST EIN TIER

Tiere interessieren uns heute anders als früher. Im letzten Jahr drehte sich das ganze Philosophicum Lech nur um dieses Thema. Unter dem Strich kam bei der Veranstaltung heraus: Wir müssen unser Bild vom Tier ändern! Klassischerweise gehen wir davon aus, dass es einen klaren Unterschied zwischen Mensch und Tier gibt. Das Christentum begründet die Sonderstellung des Menschen mit seiner „Gottesebenbildlichkeit“. In der Tradition der Philosophie wurde der Mensch oft als „denkendes“ und „sprechendes“ Wesen vor den Tieren ausgezeichnet. Der Mensch sei schließlich das einzige Lebewesen, das über sich selbst nachdenken und abstrakte Begriffe bilden könne. Beim Philosopicum Lech waren sich die die meisten der Vortragenden aber darüber einig, dass dieses zweigeteilte Weltbild nicht stimmt. Tiere kommunizieren, Tiere haben in gewisser Weise auch Bewusstsein, sie sind lernfähig und vor allem: Der Mensch ist biologisch auch nur ein Tier, wenn auch eines mit speziellen Fähigkeiten. Eigentlich müssten wir den Spieß umdrehen und den Menschen nicht durch seine Unterschiede zum Tier definieren, sondern die Ähnlichkeiten betonen. Wir sollten uns nicht als „Krone der Schöpfung“, sondern als Teil der Schöpfung sehen. Das wäre wirklich eine Revolution.

Tiere lernen und fühlen mehr, als wir dachten. Selbst Wesen, denen wir wenig zutrauen, tun erstaunliche Dinge.

RECHTE FÜR AFFEN?

Mit der gewandelten Sicht auf Tiere ergeben sich vor allem ethische Fragen. Wie weit darf man Tiere für menschliche Zwecke benutzen? Wenn Fische vielleicht doch Schmerz empfinden, darf man sie in Schleppnetzen mitreißen oder sie bei der Hochseefischerei einfach ersticken lassen? Darf man den Hühnern routinemäßig die Schnäbel kürzen, Kälber enthornen, Abertausende männliche Eintagesküken töten, weil sie für die Fleischproduktion nicht zu verwenden sind? Wenn Muttersauen sich natürlicherweise bewegen wollen, darf man sie im Kastenstand halten? Und wenn Schimpansen sich sogar selbst im Spiegel erkennen können, muss man ihnen dann nicht auch weitgehende Grundrechte einräumen, also ein Recht auf Freiheit und Leben? Reicht es, dass wir Tieren so wenig Leid wie möglich antun, oder haben wir sogar in bestimmten Fällen die Pflicht, uns aktiv für ihr Wohlergehen einzusetzen? Es gibt keine eindeutigen Antworten auf diese Fragen, wohl aber harte Kontroversen, vor allem zwischen TierschützerInnen und der Pharmaund Lebensmittelindustrie.

Was die landwirtschaftliche Tierhaltung angeht, stehen die Bauern und Bäuerinnen oft in einem Dilemma zwischen ökonomischen Zwängen und ethischen Einsichten. Der Preisdruck zwingt sie zu immer mehr Effizienz, und das geht zulasten tiergerechter Haltung. Zweierlei muss man aber bedenken: „Nicht alles, was dem ungeschulten Auge als moralisches Übel aufstößt, ist auch schlecht für die Tiere. Andererseits ist aber auch nicht alles, was rechtlich erlaubt ist, auch moralisch gut“, sagt Herwig Grimm, Leiter der Abteilung „Ethik der Mensch-Tier-Beziehung“ des Messerli-Forschungsinstituts in Wien. In der Nutztierhaltung können Fragen der Ethik nur praxisbezogen behandelt werden, weiß Grimm, der früher selbst als Landwirt gearbeitet hat. Vor allem aber findet er, dass man die Verantwortung für Tierhaltung nicht allein auf die LandwirtInnen abschieben kann. Sie brauchen Unterstützung, auch durch die BügerInnen als KonsumentInnen. „Es ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe, den Landwirten zu ermöglichen, ethische Ansprüche umzusetzen“, sagt Grimm.

GEGEN DIE HIERARCHIE

Es geht in den neuen Forschungen zu kognitiven Fähigkeiten von Tieren und auch in der Diskussion um Tierethik nicht darum, das Tier zu vermenschlichen. Tiere sind und bleiben fremde Wesen. Die Aufgabe ist vielmehr, Mitfühlen und Verständnis zu stärken und die so selbstverständliche Hierarchie zwischen Mensch und Tier infrage zu stellen.

Dieses Umdenken hat sogar die Theologie erreicht. Seit 2009 existiert in der deutschen Stadt Münster ein Institut für „theologische Zoologie“, das die Tiere als Mitgeschöpfe ins Zentrum rückt und Wege zu einer neuen Schöpfungsspiritualität sucht. Die Definition dessen, wer ein Mensch sei, ist sowieso recht flexibel. In früheren Zeiten hat man SklavInnen nicht als Menschen angesehen, und es ist gar nicht so lange her, dass auch Frauen nicht als vollwertige Mitglieder der Gruppe „Homo sapiens“ galten. Die Unterscheidung zwischen Mensch und Nichtmensch wird oft dazu benutzt, andere Lebewesen auszuschließen und zu unterdrücken. Wenn man sich nun mehr Gedanken über Tierrechte macht, so ist das keine falsche Zärtelei, sondern Zeichen moralischen Fortschritts, finden die TierethikerInnen. Dieser besteht darin, weniger Rangordnungen aufzustellen. Nicht auszuschließen, sondern integrativ zu denken. Fortschritt wäre, die Gruppe der Wesen, denen gegenüber wir uns moralisch verhalten müssen, immer mehr zu erweitern.

„Du blöde Kuh, du fauler Hund, frisst wie ein Schwein und machst dich zum Affen.“ Viele Schimpfwörter basieren auf einem Vergleich mit Tieren. Sie markieren eine Grenze zwischen Natur und Kultur. Sie sagen uns, was sich nicht gehört. Wir dürfen nicht sein wie die Tiere. Gleichzeitig geben sich aber auch Liebende oft Tiernamen. „Bärchen“, „Löwe“, „Tiger“, „Spatz“ gehören zum Standardrepertoire der Kosenamen. Warum tun Liebende das? Vermutlich weil das Tier uns an die Natur in uns erinnert. Tiere symbolisieren etwas, was wir verloren haben und manchmal ganz gerne wiederfinden würden.