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Vergib und heile

Gäbe es den Prolog dieses Buches nicht, wäre es vermutlich schwierig, die Grund- und Kernbotschaft von Eva Mozes Kor zu verstehen: Wie kann eine Frau den Verbrechern von Auschwitz, den NS-Schergen, vergeben? Wie kann sie es zulassen, 2015 von Oskar Gröning, einem ehemaligen SS-Mann, der zwei Jahre bei den Verbrechen in Auschwitz dabei war, die Hand zur Versöhnung zu reichen?

Im Prolog erzählt die Autorin von ihrer Reise zum ehemaligen NS-Arzt Dr. Hans Münch. Sie hält Small-Talk mit einem Auschwitz-Arzt, der Tausende Menschen in den Tod schickte, sterben sah. Damals in Auschwitz waren Eva und Miriam in den Fängen des Lagerarztes Mengeles gewesen, der auch an ihnen seine Zwillings-Experimente durchführte. „Haben Sie in Auschwitz in die Gaskammern gesehen?“, so die Frage der Besucherin aus den USA an den Münch.

So beginnt die Geschichte und endet die Spur des Hasses in Mozes Kor. Damals, in Portz, dem 100-Seelen-Dorf in Siebenbürgen, waren sie die einzige jüdische Familie. Dass nicht Hitler nach Portz kam, sondern die ungarische Polizei und sie abholte, damit hatten auch die Eltern nicht gerechnet: Als 10-Jährige kamen Miriam und Eva mit ihrer Familie nach Auschwitz, als Zwillinge werden sie von der Familie getrennt – sie werden sie nie mehr lebend sehen!

Ich beschloss, mich Auschwitz zu stellen. Und ich scheiterte sogleich daran. Wie das Unfassbare fassen, wie das Unsagbare sagen? Und außerdem: Was wusste ich überhaupt? Die Leute fragen pausenlos nach Einzelheiten. Über das Lager an sich, die Gaskammern, die Art der Experimente, die Dr. Mengele durchführte. Aber ich hatte nie Details darüber erfahren. Ich war bei einer Selektion dabei und ich kannte das Mädchenlager, den Krankenbau, das Labor. Und ich hatte dort Schreckliches gesehen und erlebt. (S. 99)

Als Eva Mozes Kor ihre Vergebungserklärung – Auschwitz, 50 Jahre danach – formuliert, reift in ihr die Erkenntnis „Ich bin kein Opfer mehr“, was nicht bedeutet, nicht in Erinnerungen an die Getöteten, an die Familie, an die Situationen zu sein.

Doch ich bin nicht länger das Opfer, das in Auschwitz am Boden liegt. Ich kann alles sehen, ich kann mich an alles erinnern – und ich kann mir sogar den Schmerz in Erinnerung rufen. Aber immer dann, wenn der Schmerz mir zu nahe tritt, dann bin ich mittlerweile in der Lage, mich selbst davon zu entfernen, denn ich mag das Gefühl des Leidens nicht sonderlich. (S. 126)

 


Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Geschichtswissen, den Bericht einer Zeitzeugin, die Idee, Verfügungsgewalt über das eigene Leben zu haben, Auseinandersetzung mit Hass und Schuld, eine besondere Art der Biografie.

 

Die Autorin Eva Mozes Kor wurde 1934 in Portz, Siebenbürgen, geboren; Nach der Befreiung aus Auschwitz zog sie zuerst nach Israel, später nach Terre Haute, Indiana, wo sie bis heute lebt und das CANDLES Holocaust Museum und Education Center leitet. Sie hält Vorträge, reist einmal pro Jahr nach Europa, wo sie in Auschwitz Führungen macht, von ihrer Zeit in diesem KZ, von den Zwillingsexperimenten Mengeles, berichtet.

 

Guido Eckert verfasst Bücher, Hörspiele und Drehbücher, erfolgreich und mit Stipendien und Preisen ausgezeichnet.

 

 

Eva Mozes Kor und Guido Eckert:

Die Macht des Vergebens.

Benvenuto Publishing 2016.

235 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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