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Wie zwei Leben ein ganzes ergeben können und was ein Berg und ein See damit zu tun haben.

Es liegt mir fern, das Leben in der Stadt gegen das Leben auf dem Land auszuspielen. Sicher fällt mir auf, dass die Verklärung des Landlebens hoch im Kurs steht. Immer neue TV-Formate über Bauern und Almen und neue Magazine, die mit riesigem Erfolg die Lust am Landleben beschwören, zeigen das Bild einer beschaulichen Welt, in der das Leben noch dem Pulsschlag der Jahreszeiten folgt, Stress, Hektik und Technologiezeitalter unbekannte Begriffe sind und jeder für jeden jederzeit ein freundliches Wort übrig hat. Das Land wird zur Idylle, in der die Zeit stehen geblieben ist.

Natürlich ist das Unsinn. Und doch bin ich gleichzeitig nicht gefeit dagegen, selbst Bildern einer ländlichen Idylle nachzuhängen, wenn ich in meiner Wiener Wohnung sitze und wieder einmal schon den dritten Tag in Folge absolut nichts davon mitgekriegt habe, welche Sträucher im Aufblühen sind, ob die Bäume schon dichte Schatten auf die Waldwege werfen und die Sonne so warm ist, dass man spätnachmittags ohne Jacke draußen eine Tasse Tee trinken könnte. Mir fehlt das. Da kann man machen, was man will. Das Landkind, das ich einmal war, kriegt man nicht aus mir raus. Auch nach zwei Jahrzehnten in der Stadt nicht. Nichts gegen die Stadt, im Gegenteil: Mir gefällt es hier, aber wenn ich nicht regelmäßig aus der Stadt rauskäme, so viel weiß ich, würde ich eingehen wie die sprichwörtliche Primel. Das Land – genauer noch: die Natur auf dem Land -, die nicht einfach nur Park ist oder Naherholungsgebiet, sondern idealerweise weitläufig, menschenarm und gemacht aus Seen und Bergen, ist eine zweite Welt, die ich brauche, um mich ganz zu fühlen.

In solchen Momenten sehne ich mich unweigerlich nach dem nächsten Aufbruch ins Salzkammergut, wo ich auch wohne. Und der steht eigentlich immer bald bevor. Meistens ist es Donnerstag gegen Abend, wenn wir aus Wien kommend die Autobahnabfahrt Regau erreichen und auf die Salzkammergutbundesstraße abfahren. Und dann, endlich, kurz vor Gmunden, kommt der Augenblick, auf den ich warte. In einer langen Rechtskurve führt die Bundesstraße da von einer Anhöhe hinunter zum Traunsee. Überschreitet man einen gewissen Scheitelpunkt, öffnet sich ziemlich unvermittelt der Vorhang zu einem Panorama, das für mich gleichbedeutend ist mit Aufatmen, guter Laune und noch viel besserer Laune, wenn ich bereits sowieso guter Laune bin: Unten liegt der Traunsee; in seinem Hintergrund steigt der Traunstein in die Höhe – riesig, schroff, mit seinen nackten, gefurchten Steilwänden. Manchmal wirkt er grau, kalt und abweisend, dann wieder heiter und freundlich – ein gemütlicher Gigant, der sich zu einer Pause von ein paar Milliarden Jahren niedergelassen hat. An klaren Sommerabenden, wenn die Dämmerung in Orange- und Rosatönen in die Nacht übergeht, färben sich seine Flanken ebenfalls in warmen Pastelltönen ein, und die glatte Seeoberfläche spiegelt ihn so vollkommen, dass man, wenn man es nicht wüsste, nicht sagen könnte, was der echte Berg ist und was sein Spiegelbild. An anderen Tagen wiederum steht er unheimlich und düster in ausgefransten Nebelschwaden, und der Übergang zwischen Seewasser und Fels verschwimmt in milchigem Grau. Mir ist alles recht. Hauptsache, ich kriege es immer wieder zu sehen.


Erschienen in „Welt der Frau“ 5/2012 – von Julia Kospach