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Verrate niemals ein Familienmitglied

Dem Autorenduo ist es wichtig zu betonen, dass dieser Roman auf einer wahren Geschichte basiert, genauer auf der Familiengeschichte Stefan Thunbergs: Er ist einer der bekanntesten Drehbuchautoren Skandinaviens, seine Brüder waren gemeinsam mit dem Vater berüchtigte Bankräuber in Schweden. Wie im Roman waren die Brüder schlecht auf den Vater zu sprechen, doch das Band zwischen den Brüdern scheint niemals zu zerreißen, niemand wird es trennen können.

Es riecht nach Essen, genauer gesagt nach Tomatensoße mit Fleisch, die Spaghetti sind auch fertig, als es an der Tür läutet. Es hätte harmloses Gerangel dreier Brüder sein können, wer die Tür öffnet. Doch dann herrscht Stille: Er ist zurück. Auch die Mutter reagiert nicht sofort, denn heute schlägt er anders als in den Jahren zuvor. Leo springt dem Vater auf den Rücken, denn er hat eines begriffen: Heute hört Vater erst mit dem Schlagen und Treten auf, wenn Mama tot ist. Ihr gelingt dank Leo die Flucht, Vater und Sohn starren sich in der mittlerweile leeren Küche an, es riecht noch immer nach Fleischsoße, nach warmem Essen und nach dem Blut der Mutter.

Viel Hass, viel Verzweiflung und viel nicht gelebte Liebe zwischen den männlichen Akteuren der Familie, Leo kennt Vater ja auch anders, streng, unnachgiebig, ausfallend, wenn er zu viel getrunken hat. Und das hat er meistens. Er will, dass seine Söhne keine Waschlappen werden, trainiert sie und zwingt sie, sich ihren Gegnern in der nicht gerade feinen Wohngegend zu stellen. Sie müssen lernen, richtig zuzuschlagen, der erste Hieb muss sitzen. Das lernt Leo fürs Leben, seine beiden Brüder Vincent und Felix werden seine genialen, manchmal noch zu beaufsichtigenden Gehilfen: Sie werden die berühmtesten Bankräuber Schwedens.

Leo hat lange geplant: Zuerst brechen die Brüder in ein Waffenlager der Armee ein, lange bleibt der Einbruch unbemerkt. Dann setzt die Welle der Banküberfälle ein, sie wollen das Geld, sie achten darauf, niemanden dabei zu töten. Sie verkleiden sich als Araber, achten darauf, schlechtes Englisch zu reden, die blonden Haare unter Perücken versteckt. Einen haben sie noch dazu genommen, zu viert sind sie unschlagbar: Pech, dass ihr Vater beginnt, sich Gedanken über diese Bankräuber zu machen. Pech auch, dass John Broncks, der Ermittler, die Motive der Bankräuber zu erkennen scheint, intuitiv wie Leo denken kann.

Das erwartete Gefühl wollte sich nicht einfinden. Obwohl die vierzehn Monate währende Ermittlung mit Grübelei, Frust, Jagdfieber, Mutlosigkeit, Wut und hin und wieder sogar Hass nun endlich vorüber war. Big Brother saß nur wenige Hundert Meter entfernt in einer Zelle … eine ganze Familie war in die Sache involviert gewesen. Drei Brüder, ein Kindheitsfreund, eine Freundin und der Vater. Eigentlich müsste er feiern, lachen, jubeln. Aber die Freude blieb aus. Vierzehn Monate und dann – nichts.

 

 

Was Sie kennenlernen, wenn Sie den Roman lesen: Gewalt in Familien, Gewalt gegen Kinder und Frauen: Das ist die Matrix, der dieser Roman folgt. Er stellt Solidarität in Familien in Frage, er erzählt vom Leben in sozialen Brennpunkten, in denen der Recht hat, der stärker als die anderen ist. Sie lernen die Unerbittlichkeit eines Ermittlers kennen, die Verzweiflung der Frau, der Mutter und die inneren Kämpfe der Söhne. Energie, hier in Gewalt kanalisiert.

 

Die Autoren:

Anders Roslund: ein für seinen investigativen Journalismus mehrmals ausgezeichneter Autor, der versteht, Spannung bis zum letzten Satz zu halten.

Stefan Thunberg: Bruder der einst berüchtigsten Bankräuber Schwedens, der unterschiedliche Reaktionen aus seiner Familie auf diesen Roman erhielt. Er ist ein bekannter Drehbuchautor, alle Fans der Fernsehserien um Mankells Wallander und Hakan Nessers van Veeteren kennen seinen Stil.

 

 

Anders Roslund & Stefan Thunberg:

Made in Sweden.

Thriller.

Deutsch von Holger Wolandt und Lotta Rüegger.

München: Goldmann 2016.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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