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Viel gekämpft und nichts gewonnen?<br>Wo Österreichs Frauen heute stehen.

Die Geschlechter- und Gleichstellungspolitik der letzten 40 Jahre hat einiges bewirkt. Aber der Teufel steckt im Detail, viele der Forderungen lassen sich im Alltag schwer umsetzen; oft scheitern sie auch an Trägheit und der Beharrlichkeit alter Mentalitäten. Eine Bestandsaufnahme.

Ein bisschen sind ihr die Tränen gekommen vor Wut, als der Kollege diesen Satz fallen ließ: „Deine Kinder sind Privatsache.“ Dass ihr gesamtes Gehalt in die Finanzierung von Unterhalt und Studium der vier Kinder floss – Privatsache? Gertraud Kollmann, heute 61, hat da vermutlich „Wieso?“ gesagt, wie sie das schon öfter tat in ihrem ganz normalen Frauenleben. „Wieso?“, hatte sie sich in den 1970er-Jahren gewundert, als sie das erste Kind in ihren Pass eintragen lassen wollte und es auf dem Amt hieß, dafür müsse ihr Mann unterschreiben. „Wieso?“, hat sie auch öfter trotzig zu sich gesagt, wenn sie so tat, als habe sie die abfälligen Bemerkungen ihres Vorgesetzten über berufstätige Frauen nicht gehört. Der meinte, Mütter sollten besser zu Hause bleiben, im Heim und beim Herd. „Aber wir Frauen haben uns auch ganz gut zur Wehr gesetzt“, erzählt Kollmann gut gelaunt. Sie ist keine Empörerin, sondern eine freundliche, bescheidene, aber auch beharrliche Frau. Dass sie arbeiten gehen und ihre finanzielle Selbstständigkeit erhalten wollte, hat sie sich auch als Mutter von zwei Mädchen und zwei Buben nicht ausreden lassen. Den Preis nahm sie in Kauf: „Ich habe ein paar Jahrzehnte lang jede Freizeitbeschäftigung für mich allein abgeschrieben. Es gab nur meine Kinder, den Beruf und die Familie.“

Jetzt blickt Kollmann auf 40 Jahre Tätigkeit als Berufsschullehrerin zurück, aber auch auf eine lange Entwicklung in Sachen Geschlechtergerechtigkeit – in offizieller und privater Hinsicht. „Auch mein Mann und ich haben uns dadurch als Paar gut weiterentwickelt.“ 

TEUFEL IM DETAIL
In rechtlicher Hinsicht hat sich seit den 1970er-Jahren viel getan (Infografik Seite 16/Printausgabe), und die Gesetzgebung wird immer feiner. Konnte bis zur Familienrechtsreform 1975 der Ehemann die Berufstätigkeit seiner Gattin per Unterschrift verbieten, ist es heute oft die Frau, die unterzeichnet. Etwa wenn die Familienbeihilfe für die gemeinsamen Kinder nicht, wie üblich, auf das Konto der Mutter, sondern auf das des Vaters überwiesen werden soll: Wohin dieses Geld geht, liegt jetzt in der Entscheidungsgewalt der Frau. Die Bedeutung auch kleiner gesetzlicher Maßnahmen ist enorm, denn sie unterstützen Frauen. Und sie schärfen das Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit.

DIE GLÄSERNE DECKE
Aber Gesetze sind das eine, der Alltag ist das andere. Wo die Gleichberechtigung nicht rund läuft, zeigt sich eher bei weichen Details, die irgendwann zu harten Fakten werden. „Ich bin 1990 geboren und mit der Idee aufgewachsen, dass eh alle gleich sind, dass ich alles machen kann“, erzählt die Mitbegründerin des Frauennetzwerks „Sorority“, Martina Schöggl (siehe Porträt Seite 19 in der Printausgabe). „Aber plötzlich kommt man in ein Alter, in dem man an Grenzen stößt, und begreift, dass sich die ‚gläserne Decke‘ nicht irgendjemand ausgedacht hat.“

„Gläsern“ heißt die Decke nicht umsonst, denn man sieht sie nicht, sondern spürt nur, dass es irgendwo auf dem Weg nicht mehr weitergeht. Hauptgrund für den „Karriereknick“ bei Frauen ist nach wie vor das Kinderkriegen. „Das ‚Risiko Schwangerschaft‘ wird bei Vorstellungsgesprächen immer wieder angesprochen“, weiß Martina Schöggl aus ihrem Umfeld zu berichten – obwohl diese Frage völlig unzulässig ist. Solange Väterkarenz nicht selbstverständlich wird, gibt es hier zweierlei Maß. Denn Familienpläne männlicher Angestellter gelten beim Arbeitgeber eher als ein Plus, während sie bei Frauen dazu führen, dass sie wie von unsichtbarer Hand auf Posten zurückgehalten werden – oder sich auch selbst zurückhalten –, die sich leicht ersetzen lassen.

Lesen Sie weiter in „Welt der Frau“ 03/16.

Frauenforum mit Visionen

Iris Kästel

Welt_der_Frau_Iris_Kästel„Frauen erhebt euch, und die Welt erlebt euch.“ Wer derzeit die Hauptstraße von Ebensee entlanggeht, stößt auf einen Schaukasten, in dem dieser Spruch ausgestellt ist. Das wirkt ungewöhnlich für eine oberösterreichische Marktgemeinde von 8.000 Seelen. Aber das sei eben das Gute, sagt Iris Kästel (48) mit ihrer freundlichen, ruhigen und so lebendigen Stimme: dass in einem Ort dieser Größe nichts ungesehen bleibe. Im Lauf des Jahres werden die Sprüche im Schaukasten wechseln, jeden Monat ein anderes frauenrelevantes Thema benennen und so, sichtbar im öffentlichen Raum, auch diejenigen erreichen, die nicht ins Frauenforum kommen. Ihren Arbeitsantrieb bezeichnet die Geschäftsführerin des „Frauenforums Salzkammergut“ schlicht als „Spaß, etwas zu bewegen“. Gebürtig ist Kästel aus dem deutschen Köln, sie studierte in Oldenburg und wechselte im Anschluss oft ihre Jobs. Immer dann, wenn Routine eintrat, wurde sie unruhig und wollte weiter. Nur in Ebensee, wohin sie der Liebe wegen zog, wirkt Kästel bereits seit zehn Jahren an derselben Stelle, weil ihr hier immer wieder etwas Neues einfällt. Eines der Highlights war, als das Frauenforum 2010 die erste Glöcklerinnenpasse in Ebensee auf die Beine stellte. Bis dahin galt im Brauchtumsort als ungeschriebenes Gesetz, dass am traditionellen Glöcklerlauf am 5. Jänner nur Männer teilnehmen. „Es gab unglaubliche Anfeindungen gegen uns und Drohungen, etwa: ‚Eure Kappen sollen brennen‘“, erzählt Kästel. Die Forums-Frauen blieben standhaft – im wahrsten Sinn des Wortes unter den schweren Traggestellen der leuchtenden Kappen – und sind heute als „Glöcklerinnen 2010“ ganz selbstverständlich Teil des jährlichen Laufs.

Weitere Porträts lesen Sie in der Printausgabe „Welt der Frau“ 03/16.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 03/16 – von Andrea Roedig / Romana Klär